Präsident Trump hält eine Pressekonferenz an Thanksgiving im Reception Room im Weißen Haus im Jahr 2020. Foto: AP/Patrick Semansky

Donald Trump ist bekannt für seine protzigen Auftritte, für sein Selbstbewusstsein, für seine megalomanen Inszenierungen. Insofern kann es kein Zufall sein, dass der scheidende US-Präsident an Thanksgiving seine Ansprache an die Presse an einem Mini-Tisch formulierte, just in dem Moment, als er bestätigte, dass er das Weiße Haus verlassen wolle – sollte das Wahlkollegium für seinen Kontrahenten Joe Biden stimmen.

Lesen Sie auch: Trump stellt Abschied aus dem Weißen Haus in Aussicht >>

Kulturwissenschaftler und jene, die das semiotische Lesen von Alltagszeichen als ihr Hobby begreifen, schrecken hier sofort auf – wie dies etwa ein Autor der britischen Tageszeitung „The Guardian“ tat. Der Journalist Jonathan Jones fragte in einem Artikel: „Hat der Präsident mit der Wahl seines Tisches – also mit einer Designbotschaft – vielleicht seine Wahlniederlage zugegeben?

Stimmt, was ist los mit Trumps Sendungsbewusstsein? Mit seinem Ego? Mit seinem Standing? Wo ist sein Charisma hin? Und vor allem: Warum hat er eine seiner wichtigsten Pressekonferenzen am Ende seiner Präsidentschaft nicht an dem voluminösen Mammut-Tisch, dem sogenannten Resolute Desk im Oval Office, gehalten, von dem der Präsident normalerweise die Welt anbrüllt, sondern im unbedeutenden Reception Room vor einem Kleinsttisch?

Trump wählte Tisch eines „Losers“

Für den Autor Jonathan Jones ist die Sache klar: Donald Trump hat den Tisch eines „Losers“ gewählt, ohne es vielleicht bewusst zu ahnen. Wenn man die Bilder von der Pressekonferenz genauer betrachtet, fällt sofort auf, wie unproportional der kleine Tisch im Verhältnis zu Trumps stattlichem Körperbau wirkt. Die Ablagefläche wirkt eher wie ein Provisorium oder eine falsch ausgewählte Requisite, nicht so sehr wie bewusst inszeniertes Machtdesign.

Alle aktuellen News aus Politik & Wirtschaft finden Sie hier.

Diese semiotischen Fehler scheinen sich in Trumps Truppe in letzter Zeit zu häufen. Schnell denkt man an das Missgeschick des Presseteams von Trumps Anwalt Rudolph Giuliani, das eine Konferenz nicht, wie geplant, im Hotel „Four Seasons“ in Philadelphia organisierte, sondern fälschlicherweise auf dem Parkplatz vor einer Landschaftsgärtnerei mit dem Namen „Four Seasons Total Landscaping“. Der Spott war groß. Schon damals wollten Beobachter in der Verwechslung ein semiotisches Vorzeichen lesen, das Trumps Wahlniederlage besiegelte.

Bewusst inszeniert: Präsident Barack Obama sitzt gedankenversunken auf dem Resolute Desk im Oval Office des Weißen Hauses in Washington. Foto: imago images/Pete Souza

Bilder und Presseauftritte sind immer auch Inszenierungen von Macht und Bedeutung. Die Konferenz vor der Landschaftsgärtnerei bedarf keines großen Kommentars. Sie fand zwischen Sex-Shop und Krematorium statt – selbst ein Erstsemester in einem Roland-Barthes-Seminar würde die Verfallszeichen von Trumps Einfluss hier leicht herauslesen können.

Trumps Pressekonferenz an Thanksgiving wirkte da schon etwas nuancierter. Für Feinschmecker der Design-Exegese war nämlich nicht nur der kleine Tisch ein Stoß des Anstoßes, sondern vor allem das, was er freilegte: Trumps Beine und deren Haltung im Sitzen. Sie wirkten gekrümmt, unangepasst, schräg und unbequem positioniert. Ganz klar: Es waren die Beine eines Menschen, der sich in der Defensive befindet.

Der massive Resolute Desk im Oval Office hätte so eine Inszenierung verhindert. Der Tisch stammt von einem Polarforschungssegler, der HMS Resolute, einem Eisbrecher, der 1850 von der britischen Royal Navy erworben wurde. Der Schreibtisch war ein Geschenk der britischen Königin Victoria und wurde 1880 an den 19. Präsidenten der USA, Rutherford B. Hayes, übergeben.

Inszenierung von Präsidenten an ihren Schreibtischen

US-Präsident Franklin D. Roosevelt veränderte nach 1933 das Design des Tisches, bezeichnenderweise aus machtästhetischen Gründen: Er brachte eine Frontplatte mit Staatssymbolik zwischen den beiden Tischbeinen an, um den Blick auf seinen Rollstuhl zu verbergen. Seither sind die Beine des Präsidenten bei Staatsreden im Oval Office verdeckt. Eben nicht ohne Grund.

Die Inszenierung von Präsidenten an ihren Schreibtischen hat ohnehin eine lange Tradition. Winston Churchill zeigte sich gerne mit schweren Büchern, Jimmy Carter inszenierte sich vor Stapeln von Papier als schwer beschäftigter Mann, als Workoholic. Präsident Barack Obama grübelte für Fotos gerne am Telefon oder legte gedankenversunken seine Beine auf den Tisch und zeigte dabei seine glänzenden Lackschuhe. Die Haltungen sendeten aber immer die gleiche Botschaft in die Welt: „Ich hab’s unter Kontrolle.“ Und wie ist es bei Trump im Falle seines Mini-Tisches?

Auf den Fotos hat er bloß einen leicht bestückten Hefter vor sich liegen. Beschäftigt wirkt er nicht. Für den „Guardian“ ist die Sache erneut klar: Trumps Schreibschrift und die dort platzierten Utensilien symbolisieren das traurige Ende seiner aufgeblasenen und schließlich abgeflauten Präsidentschaft.

Die Tatsache, dass Trump im Reception Room sprach, danach zum Golfen fuhr und das Oval Office mied, stimmt jetzt jene Beobachter optimistisch, die fest daran glauben, dass Trump am 20. Januar 2021 ohne großen Widerstand das Weiße Haus verlässt. Vielleicht ist der kleine Tisch ja ein letztes Erinnerungsstück, er ließe sich zumindest leicht heraustragen.