Sayed Sadaat verdient sich als Essenslieferant sein Geld. AFP/Jens Schlüter

Die Geschichte klingt wie ein Märchen – nur mit umgekehrter Dramaturgie: Sayed Ahmad Shah Sadaat (50) war in Afghanistan einst Teil der Regierung unter Präsident Aschraf Ghani und verließ das Land, weil ihm die Regierung zu korrupt war. Heute arbeitet er in Leipzig als Kurierfahrer für einen Essenslieferanten. „Ich bin zurückgetreten, nachdem ein enger Zirkel um den Präsidenten Druck auf mich ausgeübt hat“, sagt Sadaat. Seine Geschichte geht derzeit um die Welt. Dabei ist sie laut Forschern kein Einzelfall.

Seit Dezember 2020 wohnt Sayed Sadaat in Sachsen. Aufgewachsen in Afghanistan sei er mit zwölf Jahren nach Pakistan gekommen, erzählt Sadaat. Später habe er in Oxford Ingenieurwesen studiert, zwei Master in Telekommunikation gemacht und für viele verschiedene Firmen gearbeitet. „Für ungefähr 20 Netzwerke in 13 Ländern“, sagt Sadaat, der laut eigenen Angaben neben der afghanischen auch die britische Staatsbürgerschaft hat.

Seit Dezember 2020 lebt Sayed Sadaat in Deutschland. AFP/Jens Schlüter

Sadaats genaue biografische Angaben lassen sich nicht nachprüfen. Zu finden sind allerdings bis heute Artikel über ihn auf der Internetseite des afghanischen Kommunikationsministeriums. Dort sei er 2016 angestellt worden, sagt Sadaat. „Nach einem Vorstellungsgespräch mit Präsident Ghani bot er mir einen Job als stellvertretender Technologieminister an.“ Monate später sei der Minister entlassen worden, er selbst in die erste Reihe aufgerückt.

Sadaat war drei Jahre lang Kommunikationsminister

Sadaat sagt, dass er in seinem Amt Afghanistan zu einem digitalen Zentrum der Region machen, einen eigenen Satelliten für Afghanistans Mobilfunkempfang installieren wollte. „Ich wollte ein sicheres, verlässliches Netz für mein Land“, sagt er. Doch 2018 dann der Rücktritt: Ein enger Zirkel um den Präsidenten habe ihn dazu gedrängt. „Sie wollten, dass ich illegale Sachen mache, doch das wollte ich nicht“, sagt er. Ob es um Korruption gegangen sei? Dazu will sich Sadaat nicht äußern.

Sayed Sadaat hofft, eines Tages nach Afghanistan zurückkehren zu können. AFP/Jens Schlüter

Als sich die Sicherheitslage verschlechterte, verließ er Afghanistan. Nach Deutschland kam er wegen der vielen Jobs in der Telekommunikationsbranche. Statt für ein großes Unternehmen jobbt Sadaat nun allerdings als Kurier für einen großen Essenslieferanten. In orangefarbenem Outfit radelt er monatlich 1200 Kilometer und bekommt 15 Euro Stundenlohn.

Dass er zurzeit für Restaurants arbeitet, anstatt die Regierung zu vertreten oder für internationale Firmen zu arbeiten, scheint ihn nicht zu stören. „Ich hatte mehrere Vorstellungsgespräche mit Unternehmen meiner alten Branche. Man hat mir aber immer gesagt, dass ich für eine Anstellung Deutsch sprechen muss“, sagt er. Mittlerweile lernt er vier Stunden am Tag die Sprache.

Trotz guter Ausbildung fangen viele Migranten bei null an

Vom internationalen Experten und Minister zum Pizzaboten: So unglaublich die Geschichte Sadaats klingt, für den Wissenschaftler Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ist es keine Überraschung: „In der Forschung sehen wir, dass sich auch viele Akademiker schwertun, wenn sie nach Deutschland kommen“. Viele von ihnen müssten trotz ihrer sehr guten Ausbildung bei null anfangen, sagt Brücker.

Auch Sadaat hofft, dass seine Berufserfahrung und sein Wissen über Afghanistan in Deutschland gebraucht werden. Er würde gerne für die Telekom arbeiten – oder für die deutsche Regierung. Als Berater im Auswärtigen Amt könne er seine Erfahrungen mit der afghanischen Regierung weitergeben, hofft Sadaat.

Sein eigentlicher Traum sei jedoch, eines Tages nach Afghanistan zurückzukehren und dort die Telekommunikation seines Landes wieder aufzubauen. Sadaats Appell: „Der Westen darf den Afghanen jetzt nicht den Rücken zudrehen.“ Die Partner sollten das Land weiter finanziell unterstützen – und durch Abkommen mit den Taliban erreichen, dass Menschenrechte garantiert seien.