Abstand, Hygiene, Alltagsmaske – ja klar. Und sonst? Foto: Odd Andersen/AFP

Es geht eine turbulente Woche zu Ende. Zum wiederholten Mal in dieser Pandemie erleben wir einen Staat, der durchgreift. Die Bundeskanzlerin hat dafür nettere Worte gefunden. Das sollte man aber nicht missverstehen. Schließlich hat sie im Parlament bereits gesagt, was sie von Widerspruch hält, indem sie ihn umgehend in die Nähe von Lüge, Desinformation und Verschwörung gerückt hat.

Ab Montag haben wir einen neuen Lockdown und auch, wenn er softer daher kommt als im Frühjahr, weil Geschäfte aufbleiben und Schulen, ist es eine harte Maßnahme mit vielen Widersprüchen. Man fragt sich, warum Restaurants geschlossen werden, aber keine Friseure. Warum Theater, aber keine Kirchen. Ganz offenbar liegen hier andere Kriterien zugrunde als nur die Verbreitungswege des Virus. Aus den Zahlen des Robert-Koch-Instituts geht jedenfalls nicht hervor, dass es in Lokalen massenhaft zu Ansteckungen gekommen wäre. Was es dann ist, erfährt man erst auf Nachfrage. Dass bei Friseuren ja kein Alkohol serviert wird, der die Hemmschwelle herabsetzt und so das Infektionsrisiko erhöht. Dass die Glaubensfreiheit ein höheres Gut ist, als das Beisammensein im Restaurant oder der Besuch einer Kulturveranstaltung. Dass Theater dem Freizeitvergnügen dienen und damit offenbar ein eher zu verschmerzender Verzicht sind. Kulturschaffende schäumen bereits ob dieser Entwertung und auch, weil sie so in derselben Kategorie gelandet sind wie Mitarbeiter in Bordellen.

Dabei gab es schon vorher viele offene Enden. Schon seit längerem fragt man sich, warum es keine Offensive zur Ausbildung von Pflegekräften und medizinischen Spezialisten gegeben hat in diesem Sommer. Rätselhaft ist, warum die Regierung den Empfehlungen einiger Experten folgt, anderen aber nicht. Die Ärzte zum Beispiel befürchten seelische Narben bei Bürgern und gehen davon aus, dass ein vierwöchiger Lockdown die Zahlen nur kurzfristig drücken wird. Sie fordern nachhaltige Konzepte, ein stärkeres Setzen auf Eigenverantwortung, halten die Basisregeln, Abstand, Hygiene, Alltagsmaske und Lüften konsequent angewandt für das bessere Mittel.

Warum ist das alles so? Es ist nicht zu verstehen. Es fehlt an Information und Debatte.

Man hatte gedacht, die Bundesregierung sei gut vorbereitet auf den Corona-Herbst. Behauptet hatte sie das. Stattdessen erleben wir die Aufgabe von Politik. Es wird nicht frühzeitig gestaltet, sondern am Ende befohlen: Bleibt zu Hause. Und das nicht mal ausreichend erklärt. Das hinterlässt ein Gefühl wie bei Kindern, denen Eltern ungerechte Strafen geben: Widerstand.

Zu allem Unglück trifft die harte Maßnahme jetzt auf eine angespannte Stimmung in der Bevölkerung. Das geht zum Beispiel aus der Studie der Erfurter Psychologin und Gesundheitswissenschaftlerin Cornelia Betsch hervor, die seit März immer wieder Menschen in Deutschland befragt, was sie von den Anti-Corona-Maßnahmen der Bundesregierung halten. Der neueste Einblick ins Befinden der Nation sollte der Regierung Kopfschmerzen machen. Laut Befragung von Mitte Oktober ist das Vertrauen der Bevölkerung in das Handeln der Regierenden signifikant gesunken und hat den niedrigsten Wert seit Beginn der Erfassung erzielt. Nur geringes Vertrauen haben nun 37 Prozent in die Bundesregierung. Besonders skeptisch sind die, die bislang zufrieden waren. Da muss man schon fast froh sein, dass der echte Ärger über die Maßnahmen und deren Ablehnung im gleichen Zeitraum nur leicht gestiegen ist.

Ob das verlorene Vertrauen heißt, dass sich viele Menschen dem neuen Lockdown widersetzen werden, kann man nicht sagen. Solange Hilfspakete geschnürt werden, bleibt es vielleicht ruhig. Der Schaden wird sich langfristig zeigen.

Nicht nur die Politik, auch wir Bürger reagieren ja widersprüchlich. Wir sehnen uns nach einer einfachen Lösung. Wir rufen nach Anweisungen und Lösungen, wehren uns aber gleichzeitig gegen Bevormundung. Wir haben von der Politik allerdings mehr erwartet.

Das ist vielleicht ein deutsches Phänomen. Kaum anzunehmen, dass Briten oder US-Amerikaner in gleicher Weise ernst nehmen, was die Menschen, die sie regieren, so anstellen. Das kann man aber auch für eine Stärke deutscher Politik halten.

So wie jetzt kann es jedenfalls nicht weitergehen. Wir brauchen eine größere Debatte über den Kurs in dieser Pandemie. Wir brauchen Bürgerdialoge und eine Regierung, die sich dem stellt. Wir wollen mehr Eigenverantwortung und Nachhaltigkeit. Von Lockdown zu Lockdown wird es nicht gehen.