„Diktatur nie wieder“ steht auf dem Transparent, das Demonstranten in São Paulo während eines Protests gegen Rassismus und den brasilianischen Präsidenten Bolsonaro in Händen halten.
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Brasilia - Das Land ist einer am schwersten von der Corona-Pandemie betroffenen Staaten weltweit - mehr als 35.000 Menschen starben in Brasilien am tückischen Virus. Und die Schuld daran weisen immer mehr Brasilianer ihrem rechtsextremen Präsidenten zu. Am Sonntagabend haben wieder Tausende in zahlreichen Städten gegen Jair Bolsonaro und gegen Rassismus demonstriert, 3000 Menschen waren es allein in São Paulo.

Präsident Jair Bolsonaro beschimpft die Demonstranten als „Asoziale“ und „Terroristen“.
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Und es sind nicht etwa Parteien oder Gewerkschaften, die es schaffen, die Massen gegen eine drohende Diktatur Bolsonaros zu mobilisieren. Denn es sind organisierte Fußballfans der vier großen Clubs der Stadt, die zusammen mit sozialen und schwarzen Bewegungen zu den Protesten aufgerufen hatten. Fußballfans füllen das politische Vakuum, das traditionelle politische Organisationen hinterlassen haben.

Demonstranten gehen für die Demokratie auf die Straße

„Unser Protest ist aus einem unabhängigen Zusammenschluss von Fans enstanden, die Mitglied der ‚Gaviões‘ sind“, erzählte Danilo Pássaro, Anführer der Bewegung „Somos pela Democracia“ („Wir sind für die Demokratie“). Die „Gaviões da Fiel“ (Treue Falken) sind die Ultras des SC Corinthians, eines der politisch aktivsten Clubs in Brasilien. „Wir sind alle sehr besorgt wegen der autoritären Eskalation im Land, die der Präsident der Republik legitimiert hat“, sagte Pássaro. In seiner Hilflosigkeit verunglimpfte Bolsonaro ähnlich wie US-Präsident Donald Trump die Demonstranten als „Asoziale, Terroristen und Arbeitslose“.

„Weg mit Bolsonaro“ - wieder gingen Tausende gegen die Politik des Präsidenten auf die Straße.

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Die Ultras in Brasilien sind heute bekannt für ihre Gewaltbereitschaft und bisweilen tödlichen Fehden. Sie entstanden Ende der 1960er Jahre, während der Zeit der Militärdiktatur in Brasilien, allerdings als politische Bewegungen.

Sportclub kämpfte schon in den 80ern gegen Militärdiktatur

In den vergangenen zehn Jahren bildeten sich zudem neue Fan-Kollektive mit jungen, gut ausgebildeten Mitgliedern aus der Mittelschicht, die gegen die „Elitisierung“ des Fußballs, aber auch gegen Homophobie und Rassismus mobil machen. Sie kämpfen nun gegen Bolsonaro und für die Demokratie wie in den 1980er Jahren die „Democracia Corinthiana“ gegen die brutale Militärdiktatur, während der Hunderte ermordet, Tausende verfolgt und gefoltert wurden.

Fußball-Rebell Sócrates: In den 80er Jahren war er Kapitän der brasilianischen Nationalelf Foto: Imago sportfotodienst

Als bekannteste Gesichter trafen Sócrates und Walter Casagrande wie aber auch andere Spieler damals Entscheidungen innerhalb des Vereins demokratisch, verbreiteten politische Botschaften auf ihren Trikots und riefen die Fans dazu auf, sich zu engagieren. Sein Stil sei etwas diskreter, sagt Rai, Bruder des 2011 gestorbenen Sócrates. Der Sportdirektor des FC São Paulo und Ex-Spieler von Paris Saint-Germain hat zuletzt jedoch auch die brasilianische Regierung öffentlich kritisiert. Inzwischen haben Rai, Casagrande und andere ein Manifest der Sportler zur Verteidigung der Menschenrechte, der Pressefreiheit, der Vielfalt und der Demokratie veröffentlicht. „Mit Bolsonaro droht ernsthaft eine Rückkehr zur Diktatur“, warnt Chico Malfitani, Mitgründer der Ultra-Gruppe „Gaviões da Fiel“. Und wenn es die Linke nicht schafft, dies zu verhindern, müssen eben Fußballfans ran.