Impfaktion auf der Hamburger Reeperbahn: Eine junge Frau lässt sich im Rahmen der Aktion „Kiez-Piks“ in einer Bar impfen. Solche originelle Maßnahmen sollen bislang Unentschlossene zum Pieks bewegen. Doch reicht das? dpa/Daniel Reinhardt

Es klappt nicht so recht mit dem Impfen in Deutschland: Rund ein Drittel der Deutschen sind immer noch nicht gegen Corona immunisiert, obwohl längst jeder sich seinen Gratis-Pieks  hätte holen können: Beim Hausarzt, in Impfzentren, ja sogar bei Ikea oder jüngst in der S-Bahn. Trotzdem bleibt die Impfquote zu niedrig. Fachleute warnen: Neue Einschränkungen drohen im Herbst, während in den Nachbarländern Dänemark und den Niederlanden bereits alle Corona-Beschränkungen gefallen sind.

Dort haben sich deutlich mehr Erwachsene impfen lassen, und die Regierungen haben den mutigen Schritt gewagt, Abstände und Maskenpflicht zu beenden. Andere Länder setzten auf die Impfpflicht, wie sie auch in Deutschland früher etwa gegen die Pocken, in der DDR auch gegen Tuberkulose, Kinderlähmung und andere Krankenheiten gab. 

Derzeit sind Impfungen in Deutschland nur für bestimmte Berufsgruppen verpflichtend, etwa Pflegekräfte oder Schulpersonal. Brandenburg hatte 2019 eine Impfpflicht für Kinder gegen Masern eingeführt. Eine Impfung für Corona ist derzeit nur für Kinder ab 12 Jahren empfohlen, und sie ist für alle freiwillig. Im Ausland sehen das einige Regierungen anders: Dort gilt bereits eine Impfpflicht gegen Corona, entweder für alle oder einzelne Bevölkerungsgruppen. Ein Überblick:

IMPFPFLICHT FÜR ALLE ERWACHSENEN

Eine Impfpflicht für die gesamte erwachsene Bevölkerung eines Landes ist selten. Ein Beispiel ist das zentralasiatische Tadschikistan.

Das weitgehend isolierte Turkmenistan zählt zu den wenigen Ländern weltweit, die offiziell noch keinen einzigen Corona-Fall gemeldet haben. Dennoch gilt in dem zentralasiatischen Land eine Corona-Impfpflicht für alle Bewohner ab 18 Jahren „ohne medizinische Kontraindikation“.

Im kleinsten Land der Welt, dem Vatikan, wurde bereits am 8. Februar eine Impfpflicht für alle Bewohner und dort beschäftigten Angestellten eingeführt. Die Strafen bei einem Verstoß reichen theoretisch bis hin zur Entlassung.

IMPFPFLICHT FÜR BESTIMMTE GRUPPEN

Einige Länder und Gebiete haben eine Corona-Impfpflicht nur für bestimmte Bevölkerungs- oder Berufsgruppen erlassen.

In den USA verkündete Präsident Joe Biden am Donnerstag eine Impfpflicht für alle Mitarbeiter von Bundesbehörden sowie für Mitarbeiter von Auftragnehmern der Regierung. Auch Mitarbeiter von staatlich geförderten Pflegeheimen und in von der Bundesregierung kontrollierten Schulen kommen um das Impfen nicht mehr herum.

In Kandada ist eine Impfpflicht für die 300.000 Bundesbeamten sowie für alle Zug-, Flug- und Schiffsreisenden geplant.

In Frankreich gilt ab Mittwoch eine Corona-Impfpflicht für alle Mitarbeiter von Krankenhäusern, Alten- oder Pflegeheimen, Pflegediensten sowie für Mitarbeiter von Rettungsdiensten und Feuerwehr.

In Griechenland wurde die Corona-Impfung Mitte August Pflicht für das Personal von Altenheimen, für den Gesundheitsbereich trat sie am 1. September in Kraft.

In Italien sind Ärzte und anderes medizinisches Personal seit dem 25. Mai zur Immunisierung verpflichtet. Anderenfalls droht ihnen ein Verbot, mit Patienten zu arbeiten. Am 10. Oktober wird die Regelung auf die Mitarbeiter von Altenheimen ausgeweitet.

Ihre Entlassung riskieren auch alle Berufssoldaten in Lettland, die nicht vollständig gegen Corona geimpft sind.

Die britische Regierung beschloss eine Impfpflicht für das Personal von Seniorenheimen ab dem 11. November. Außerdem wurde eine Debatte über die Ausweitung der Impfpflicht auf den gesamten Gesundheitsbereich eingeleitet.

Für Ungarn kündigte Regierungschef Viktor Orban Mitte Juli eine Impfpflicht für Pflegepersonal an. Im zentralasiatischen Kasachstan muss sich der Großteil der Arbeitnehmer impfen lassen, die beruflich mit anderen Menschen in Kontakt kommen.

In Simbabwe wurde am Mittwoch verkündet, dass ungeimpfte Beamte ihren Hut nehmen müssen. Im westafrikanischen Gambia gilt eine Impfpflicht für Mitarbeiter der Tourismusbranche. Im zentralafrikanischen Äquatorialguinea müssen sich Soldaten, Beschäftigte im Gesundheitsbereich und Lehrer impfen lassen.

KEINE ALLGEMEINE IMPFPFLICHT - ABER SO GUT WIE

In einigen Ländern gibt es zwar formal keine allgemeine Impfpflicht, aber die Einschränkungen für Nichtgeimpfte sind so massiv, dass sie einer Verpflichtung sehr nahe kommen.

In Saudi-Arabien haben nur noch Geimpfte Zutritt zu staatlichen und privaten Einrichtungen, darunter auch Bildungs- und Unterhaltungsstätten und öffentliche Verkehrsmittel.

In Pakistan ist in der Provinz Belutschistan seit dem 1. Juli allen Nicht-Geimpften der Zutritt zu Ämtern, Einkaufszentren und Parks verboten, öffentliche Verkehrsmittel dürfen sie auch nicht nutzen.

VORGABEN DES ARBEITGEBERS

Auch die Zahl der Unternehmen, die eine Impfpflicht für ihre Belegschaft oder Teile davon verhängen, wächst. Das gilt insbesondere für die USA, wo große Unternehmen wie die Drogerie-Kette CVS, Chevron, Disney oder Goldman Sachs die Corona-Impfung zur Pflicht gemacht haben. Auch die australische Fluggesellschaft Qantas schreibt all ihren Mitarbeitern die Impfung vor.