Eine Leiche liegt abgedeckt nach einem Raketenangriff auf dem Boden, während Polizisten an Autos Gepäck untersuchen.  
Eine Leiche liegt abgedeckt nach einem Raketenangriff auf dem Boden, während Polizisten an Autos Gepäck untersuchen.   dpa/Viacheslav Tverdokhlib

„So können nur absolute Terroristen handeln, für die in der zivilisierten Welt kein Platz ist“, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zum Blutbad in Saporischschja erschüttert an die Adresse von Kremlchef Wladimir Putin.

Vor der drohenden Annexion wollten Menschen Angehörige retten

Auf der Flucht vor der drohenden Annexion war ein ziviler Autokonvoi in der südukrainischen Stadt mit Raketen beschossen worden. Mindestens 23 Menschen kamen dabei ums Leben, weitere 28 Menschen wurden verletzt, wie der Gouverneur der Gebietsverwaltung von Saporischschja, Olexander Staruch, mitteilte. Die Menschen hätten dort Angehörige abholen und Hilfe bringen wollen. Rettungskräfte und Sanitäter seien vor Ort, so Staruch weiter.

16 Raketen wurden auf Saporischschja und Umgebung abgefeuert.
16 Raketen wurden auf Saporischschja und Umgebung abgefeuert. AFP/Genya Savilov

„Zynisch vernichtet (der Feind) friedliche Ukrainer, denn er hat bereits seit langem alles Menschliche verloren“, schrieb Selenskyj in einer ersten Reaktion auf den Angriff. Für jedes verlorene Leben von Ukrainern werde Moskau zur Verantwortung gezogen.

Putin feiert pompös die Annexion ukrainischer Gebiete

Der Konvoi geriet unter Beschuss, als er die Stadt verlassen wollte, um in das von russischen Truppen besetzte Gebiet zu gelangen. Rettungskräfte und Sanitäter seien vor Ort, hieß es.

Im Staatsfernsehen verkündete der russische Präsident Wladimir Putin den Anschluss ukrainischer Gebiete an Russland.
Im Staatsfernsehen verkündete der russische Präsident Wladimir Putin den Anschluss ukrainischer Gebiete an Russland. imago/Gavriil Grigorov

Aufgenommene Fotos zeigen auf dem weitläufigen Gelände eines Automarkts Leichen auf dem Boden und in Fahrzeugen liegen. In der Nähe zweier Fahrzeugreihen klafft ein Krater. Steinbrocken und Granatsplitter beschädigten Autos und Lieferwagen. Die Fahrzeuge sind bepackt mit Habseligkeiten, Decken und Koffern.

Die Region Saporischschja ist eine von vier russisch besetzten ukrainischen Gebieten, die Kremlchef Putin in einer pompösen Feier in Moskau zu russischem Staatsgebiet erklärte. Die Menschen in Cherson, Donezk, Luhansk und Saporischschja seien ab sofort russische Staatsbürger – „und das für immer“, sagte der russische Präsident am Freitag bei einer im Staatsfernsehen übertragenen Rede. Und mit Blick auf einen weiteren Vormarsch der ukrainischen Truppen bekräftigte er: „Wir werden unser Land mit allen Mitteln verteidigen.“

Die Leute hätten ihre Wahl getroffen, sagte Putin über die Scheinreferenden, die die russischen Besatzer bis zum vergangenen Dienstag in den vier Gebieten abgehalten hatten. Die russischen Besatzer sprachen von einer angeblich überwältigenden Zustimmung der dortigen Bevölkerungen zu einem Beitritt zu Russland. Es war bereits erwartet worden, dass nun eine beispiellose Annexionswelle beginnt.

In Hasstiraden machte Putin anschließend Front gegen den Westen, verglich ihn mit Nazi-Deutschland und machte ihn auch verantwortlich für die Anschläge auf die Nord-Stream-Pipelines.

Mit einem Konzert auf dem Roten Platz will Putin die Annexion feiern.
Mit einem Konzert auf dem Roten Platz will Putin die Annexion feiern. dpa/Alexander Zemlianichenko

Die Scheinreferenden werden weltweit nicht anerkannt, weil sie unter Verletzung ukrainischer und internationaler Gesetze und ohne demokratische Mindeststandards abgehalten wurden. Beobachter hatten in den vergangenen Tagen auf zahlreiche Fälle hingewiesen, in denen die ukrainischen Bewohner der besetzten Gebiete zum Urnengang gezwungen wurden.

Am Nachmittag ist eine große Feier samt Konzert auf dem Roten Platz geplant, schon Stunden vorher ziehen Menschen mit russischen Flaggen in den Händen Richtung Kreml. Doch offenbar schien Putin über den Zuspruch der Russen unsicher gewesen zu sein: Ganze Busladungen voller Unterstützer wurden laut dem Moskau-Korrespondenten des Guardian, Andrew Roth, extra nach Moskau gekarrt.