Angela Merkel im Dialog mit Eltern von Kindern im Kita- und Schulalter Foto: Imago/Rüdiger Wölk

Es ist der emotionalste Moment in der eineinhalbstündigen Videoschalte mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) an diesem Donnerstag: Als Jihan Khodr, vierfache Mutter und Mitarbeiterin eines Sozialprojekts aus Wattenscheid sagt, „wir wollen unseren Kindern mehr helfen“, bricht ihr die Stimme weg. „Viele Familien in Wattenscheid, Bochum, viele Migrationsfamilien sind einfach Analphabeten. Die Kinder bekommen die Unterstützung nicht“, sagt sie mit tränenerstickter Stimme.

Merkel bekommt an diesem Vormittag bei der Videokonferenz mit Eltern im Rahmen ihrer Talkreihe „Die Bundeskanzlerin im Gespräch“ einen Einblick in die bittere Corona-Realität vieler Familien im Land. Seit Wochen strampeln sie sich ab zwischen sogenanntem Homeschooling und Homeoffice. Kinder verlieren wertvolle Bildungszeit, dürfen keine Freunde treffen, Familieneinkommen sinken, während Ausgaben zu Hause steigen. Die Nerven liegen blank.

„Ich fühl mich zwischendurch wie eine Dampfnudel“

Das Homeschooling sei furchtbar, berichtet Katharina Bertram, alleinerziehende Mutter aus Frankfurt am Main. Ihre Erstklässlerin, die noch nicht rechnen und schreiben könne, wolle sie einfach nicht als Lehrerin und fange nach mehreren Stunden irgendwann zu weinen oder zu toben an. „Ich soll einfach nur ihre Mama sein.“ Man sei in der Mini-Familie inzwischen „einfach emotional am Limit“.

Die Teilnehmer äußern sich auch kritisch. Lars Jacobs, Witwer aus Karlsruhe mit zwei kleinen Kindern im Alter von fünf und sieben Jahren nennt Extra-Leistungen vom Staat wie den Corona-Kinderbonus einen Tropfen auf den heißen Stein. „Das verpufft sofort (...) besser als nix, aber fast genauso wie nix.“

Er zählt höhere Stromkosten auf, durch häufigeres Kochen und mehr Ausgaben für Essen. Die Corona-Krise mache das Hamsterrad kleiner und schneller, sagt der alleinerziehende Vater. Es bleibe zum Beispiel keine Zeit mehr für Sport. „Ich fühl mich zwischendurch wie eine Dampfnudel, mangels Bewegung.“

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14 Mütter und Väter kommen in der Videoschalte mit Merkel zu Wort. Manchmal ruckelt es und es gibt Tonaussetzer. Die Kanzlerin scheint nach fast einem Jahr in solchen Konferenzen – „ich komm' jetzt wenig im Land rum“ – zum Technik-Profi geworden zu sein.

So empfiehlt sie einem Teilnehmer, mal sein Video auszuschalten, dann könne man den Ton besser hören (eine Frage der Bandbreite, Video frisst mehr Daten). Es funktioniert. Die Runde ist bunt gemischt aus verschiedenen Regionen Deutschlands. Das Kanzleramt hatte den Deutschen Familienverband, den Verband Kinderreicher Familien, den Verband Alleinerziehender Mütter und Väter sowie Caritas und Diakonie gebeten, Teilnehmer vorzuschlagen.

Familien „völlig erschöpft und am Ende“

Die geschilderten Probleme dürften den meisten im Land bekannt vorkommen: Ein Vater aus Rastatt in Baden-Württemberg berichtet von Enge in der Wohnung und fehlenden Laptops für seine vier Kinder.

Eine fünffache Mutter aus dem sächsischen Zwickau sieht die Noten bei ihren Kindern abrutschen und macht sich Sorgen wegen weggebrochener Berufsorientierung für die Älteren. Außerdem gibt es bei ihr seit Monaten keinen Vereinssport für den Nachwuchs mehr.

Andere Eltern erzählen davon, dass sie sich Sorgen machen, dass ihre Kinder im Homeschooling vereinsamen. «Für ein Kind mit zehn Jahren ist soviel Alleinsein einfach nicht gut», sagt eine Mutter in der Runde.

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Durch die Kontaktbeschränkungen gebe es für die Kleinen keine Möglichkeiten, andere auf dem Spielplatz zu treffen, berichtet eine andere Mutter aus Rheinland-Pfalz und spricht von „sozialer Isolation“. Ein Familienvater aus Madgdeburg äußert den Eindruck, dass viele Familien mental „völlig erschöpft und am Ende“ seien.

Starker Stoff für die Kanzlerin, die selbst keine Kinder hat, wie sie in der Runde auch noch einmal erwähnt. Merkel sagt zu, sich einige Vorschläge aus dem Gespräch noch einmal anzusehen, zum Beispiel kostenlose Bildungsgutscheine für Nachhilfe, damit Kinder verpassten Stoff nachholen können, eine höhere Altersgrenze für die Gewährung der Kinderkrankentage – die Grenze liegt jetzt bei 12 – oder die Forderung nach einem Familiengipfel.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach beim virtuellen Bürgerdialog auch über den Corona-Stress in Familien mit alleinerziehendem Elternteil.  Foto: dpa/John Macdougall

Ansonsten fällt öfter das Wort Hoffnung: Die Impfungen, sinkende Corona-Zahlen, „Licht am Ende des Tunnels“. „Das Ziel ist so schnell wie möglich wieder so viel wie möglich Normalität. Davon dürfen Sie und können Sie ausgehen“, sagt Merkel und gibt die Zusage, dass als erstes Kitas und Schulen wieder aufgemacht werden.

Die Entscheidungen zu den Schließungen machen ihr offensichtlich auch persönlich zu schaffen: „Ich hätte mir nie gewünscht, dass ich solche Entscheidungen treffen muss. Das muss ich Ihnen wirklich allen sagen.“ Es sei traurig und durchaus belastend. „Das geht an mir auch nicht spurlos vorüber, wenn keiner so richtig glücklich ist.“

Unverkennbar ist, dass ein Jahr nach Beginn der Pandemie viele inzwischen mehr als müde sind. Wie die am Donnerstag veröffentlichte Langzeitumfrage „Die Ängste der Deutschen“ der R+V-Versicherung zeigt, sinkt auch das Vertrauen der Bürger in die Pandemie-Politik.

Merkel sieht offensichtlich verstärkten öffentlichen Erklärungsbedarf. Erst vor kurzem nahm sie sich in einer ihrer seltenen Pressekonferenzen viel Zeit, um Fragen zu beantworten. An diesem Dienstag folgte dann die nächste Seltenheit: Ein Fernsehinterview in der ARD und an diesem Donnerstag ein weiteres bei RTL/n-tv.

In der Talkrunde mit den Eltern fiel zwischendurch ein Satz, der fast so klang, als würde die Kanzlerin ihn auch ein bisschen an sich selbst richten: „Denken Sie einfach dran, mit jedem Tag, wo die Sonne wieder ein bisschen höher kommt, ist die Chance, dass wir das auch hinter uns lassen, sehr viel besser.“