Ein Lkw fährt auf das Gelände der Großschlachterei Westfleisch in Coesfeld (NRW), wo 180 Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet wurden.
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„Der Schutz der Bevölkerung steht vor allem“ – mit diesen Worten hat NRW-Landeschef Armin Laschet (CDU) den Stopp der Auflagen-Lockerungen nach dem Ausbruch des Coronavirus in einem Fleischbetrieb in Coesfeld gerechtfertigt. In NRW und auch in Schleswig-Holstein fallen wegen Infektionsfällen in Schlachthöfen zwei Landkreise unter die „Notbremse“-Regelung der Bundesregierung. Fleischverarbeitende Betriebe drohen sich in Deutschland zu einem neuen Herd der Corona-Pandemie zu entwickeln.

Nachdem sich inzwischen mehr als 180 Mitarbeiter der Firma Westfleisch mit dem Coronavirus angesteckt hatten, war im Kreis Coesfeld die Zahl der Neuinfizierten binnen einer Woche deutlich über den Grenzwert von 50 je 100 000 Einwohnern empor geschnellt. Ab dieser Obergrenze sind nach einer Vereinbarung von Bund und Ländern wieder strikte Beschränkungen zur Eindämmung der Pandemie vorgesehen. Der Schlachthof wurde vorübergehend geschlossen und ebenso wie in Schleswig-Holstein werden auch in NRW nun Mitarbeiter sämtlicher Fleischbetriebe auf das Corona-Virus getestet. Das Land lässt zudem die Sammelunterkünfte der Fleischbranche für Leiharbeiter sowie die für Erntehelfer auf Hygienemaßnahmen überprüfen. Im Fall Westfleisch hatten Anwohner berichtet, dass die Arbeiter aus Osteuropa in Wohnungen mit vielen Menschen auf engstem Raum zusammen wohnen.

Mundschutz, Handschuhe – auch Erntehelfer müssen die Corona-Regeln strikt einhalten.
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Wie „Spiegel“ berichtete, wurden in deutschen Schlachtbetrieben bislang insgesamt mehr als 600 Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet. Meist hätten sich rumänische Werkvertragsarbeiter angesteckt, die oft in Gemeinschaftsunterkünften lebten.

"Unhaltbare Zustände beim Infektionsschutz"

Wegen solch „unhaltbarer Zustände beim betrieblichen Infektionsschutz“, wie Hubertus Heil (SPD) es am Freitag in einem Brandbrief an die Länder schrieb, forderte der Bundesarbeitsminister die Länder „eindringlich“ auf, den Arbeitsschutz für Saisonarbeiter in der Fleisch- und Agrarindustrie zu kontrollieren – mit besonderem Augenmerk auf Sammelunterkünfte und Personentransport. Druck kommt auch aus dem Ausland. Herkunftsländer der Arbeiter hätten sich bei der Bundesregierung beschwert, heißt es im Schreiben.

Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) drängt nach den Infektionsfällen bei Westfleisch auf schärfere Kontrollen. Foto: AFP

Laut Gesetz sind die Arbeitgeber für den Schutz der oft aus dem Ausland stammenden Mitarbeiter verantwortlich. Doch schon seit Jahren falle die Branche mit miserablen Job-Bedingungen auf, kritisierte Anja Piel vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Arbeitgeber müssen den Beschäftigten Arbeitsmittel, Schutzkleidung und persönliche Schutzausrüstung zur Verfügung stellen. Weiter müssen sie die Einhaltung der Hygieneregeln regelmäßig überprüfen und dokumentieren. „Da kann man sich nicht für unzuständig erklären“, stellte die Vize-Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Katja Mast, gestern klar. Notfalls müsse gesetzlich nachgeschärft werden.

Schwarze Schafe auch in der Landwirtschaft

Auch in der Landwirtschaft soll der Gesundheits- und Arbeitsschutz für ausländische Erntehelfer künftig noch besser kontrolliert werden, beschlossen die Länder-Agrarminister am Freitag nach einer Videokonferenz mit Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU). Zuletzt war am 11. April in Bad Krozingen (Baden-Württemberg) ein mit dem Coronavirus infizierter 57-jähriger Erntehelfer aus Rumänien gestorben. „Wenn es unter den Betrieben schwarze Schafe gibt, dann schadet es allen“, so Klöckner. Es müsse unbedingt vermieden werden, dass keine Saisonarbeitskräfte mehr nach Deutschland kommen dürften: „Denn dann hätten wir ein Problem.“ (mit dpa)