Colin Au, dessen Unternehmen Genting Hongkong die MV Werften gehören, hatte am Sonntag  in Wismar vergeblich um weitere Staatshilfen geworben. dpa/Frank Hormann

Der deutsche Schiffbau ist schwer leckgeschlagen:  Am Montag haben die MV Werften in Mecklenburg-Vorpommern und die Bremerhavener Lloyd-Werft Insolvenz angemeldet. Beide Unternehmen gehören zum Mischkonzern Genting Hongkong, der in Schwierigkeiten steckt. Zuletzt wurden Löhne nicht planmäßig gezahlt. Der Handel mit Genting-Aktien an der Börse in Hongkong war am vergangenen Freitag ausgesetzt worden und wurde seither auch nicht wieder aufgenommen. Gentings Kreuzfahrtsparte ist wegen der Corona-Pandemie in Schieflage geraten.

Bei den MV Werften mit den Standorten Wismar, Rostock und Stralsund geht es um rund 1900 Beschäftigte, bei dem Bremerhavener Schiffbaubetrieb um etwa 300 Arbeitsplätze. Für die Lloyd-Werft wurde als vorläufiger Insolvenzverwalter der Hamburger Rechtsanwalt Per Hendrik Heerma eingesetzt. Er hatte diese Funktion auch bei der Elsflether Werft übernommen, die 2019 mit der Sanierung des Marineschulschiffs „Gorch Fock“ gescheitert war. Für die MV Werften sei noch kein Insolvenzverwalter benannt, sagte ein Sprecher des Amtsgerichts Schwerin.

Riesen-Kreuzfahrtschiff zu drei Vierteln fertig. Zum Weiterbau fehlt viel Geld

Den MV Werften war es nicht gelungen, die Finanzierung des zu 75 Prozent fertigen und rund 1,5 Milliarden Euro teuren Neubaus des Kreuzfahrtschiffes „Global Dream“ für bis zu 9500 Passagiere zu sichern. Verhandlungen von Genting und der Werft mit Bund und Land scheiterten. Die Schuld daran weisen Landes- und Bundespolitiker Genting zu: Der Konzern sei nicht bereit gewesen, einen Anteil von 60 Millionen Euro am Rettungspaket zu tragen, heißt es seit Tagen.

Und jetzt? Bei der MV Werft in Wismar geht angesichts der Insolvenz der Frust um.  dpa/Jens Büttner

Der Bund war demnach bereit, zu bereits gewährten 300 Millionen Euro aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds weitere 300 Millioen Euro zu geben. Von Mecklenburg-Vorpommern standen weitere 78 Millionen Euro bereit, unter der Bedingung, dass sich Genting und Bund einigen und es eine Fortführungsperspektive für die MV Werften gibt. An einer Neuausrichtung weg von Kreuzfahrtschiffen hatte der Konzern jedoch kein Interesse gezeigt.

Genting habe die Werften 2016 ausschließlich mit dem Ziel übernommen, Kreuzfahrtschiffe zu bauen, hatte der Präsident von Genting Hongkong, Colin Au,  am Wochenende gesagt. Mehr als zwei Milliarden Euro seien investiert worden.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) sagte „Als Bundesregierung haben wir alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Insolvenz der MV Werften zu vermeiden und so die Arbeitsplätze zu retten. Allerdings haben die Eigentümer unser Hilfsangebot ausgeschlagen; die Anmeldung der Insolvenz ist die Folge.“

Die IG Metall sprach von einem „schwarzen Tag“ für den Schiffbau in Deutschland. Der Bezirksleiter der IG Metall Küste, Daniel Friedrich: „Wir sind entsetzt, dass es so weit kommen musste.“ Dass die Verhandlungen zu keiner Lösung geführt hätten, sei ernüchternd. „Das Vertrauen auf allen Seiten scheint endgültig aufgebraucht.“

Gewaltig groß (342 Meter lang), gewaltig teuer (1,5 Milliarden Euro). aber leider nicht fertig und nicht mehr finanziert: die Global Dream in der Montagehalle in Wismar. dpa/Jens Büttner

Die IG Metall fordert den Fertigbau der „Global Dream“ in der Insolvenz. Darüber hinaus sei es wichtig, schnell auf mögliche Investoren zuzugehen und die Werften neu auszurichten. In Bremerhaven und Stralsund habe es bereits vor der Insolvenz Interessenten gegeben.

Industrielles Rückgrat von Mecklenburg-Vorpommern

Die Gewerkschaft sieht dabei Bundes- und Landespolitik weiter gefordert. „In dieser schwierigen Situation muss es gelingen, die hochqualifizierten Beschäftigten mit ihren guten, tarifvertraglichen Arbeitsbedingungen an den Standorten zu halten“, so Friedrich. Nur mit den Menschen ließen sich die Werften als industrielle Kerne für die jeweiligen Regionen sichern. Der Schiffbau gilt als industrielles Rückgrat Mecklenburg-Vorpommerns.

Auch für den Verband für Schiffbau und Meerestechnik (VSM) ist jetzt entscheidend, die vier Standorte im Rahmen eines Eigentümerwechsels zu erhalten. Die deutsche Schiffbauindustrie könne sich einen weiteren Substanzverlust in dieser Größenordnung nicht leisten, teilte der Verband in Hamburg mit. Die maritime Industrie stehe vor einem großen Umbruch, die gesamte Flotte müsse auf Klimaneutralität umgestellt werden. Ferner müssten die Offshore-Industrie und die Infrastruktur für nachhaltige Kraftstoffe stark ausgebaut werden. „Dafür werden in den kommenden Jahren umfangreiche Produktionskapazitäten in der maritimen Industrie benötigt“, hieß es. Vor diesem Hintergrund könne sich die Insolvenz auch als Chance erweisen, da jetzt der Weg für andere Marktsegmente und Geschäftsmodelle frei sei.