Arbeiter in einer Auto-Fabrik. Foto: Imago Images/Rupert Oberhäuser

Viele Ostdeutsche fühlen sich 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch immer als Bürger zweiter Klasse. Die Selbstwahrnehmung, nicht ganz angekommen zu sein im vereinten Deutschland, hat leider handfeste Gründe. Die „soziale Einheit“ sei in vielen Bereichen nicht vollzogen worden, beklagt aktuell die IG Metall – und sie hat recht.

Ostdeutsche Arbeitnehmer schuften mehr und verdienen weniger als Wessis. Sie haben weniger Zeit für ihre Familien und für private Interessen, sie können weniger kaufen, ihren Lieben weniger bieten. Oft fehlt das Nötigste. Das sind nachvollziehbare Gründe, sich unzufrieden und benachteiligt zu fühlen.  

Für viele Westdeutsche ist es ganz normal, „nur“ 35 Stunden in der Woche zu arbeiten. Doch wenn die IG Metall diese Arbeitszeit auch für den Osten fordert, wirkt es fast revolutionär. Und natürlich kommt sofort die Frage, ob eine 35-Stunden-Woche im Osten überhaupt realistisch und umsetzbar wäre.

Lesen Sie dazu: IG Metall fordert 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland

Führende Politiker der Linken haben vor Kurzem die Einführung der 30-Stunden-Woche in ganz Deutschland gefordert. Ihre Argumentation: Die neuen digitalen Technologien können menschliche Arbeit erleichtern, teils sogar ersetzen, und sie führen zu einer höheren Arbeitsproduktivität. Diese Fortschritte sollten genutzt werden, um allen Arbeitnehmern mehr freie, sinnvoll nutzbare Zeit zu verschaffen.

Das klingt vernünftig – und es wirft einmal mehr die Frage auf, was wir im vereinten Deutschland eigentlich von der DDR lernen können.

Die Menschen im Osten waren fleißig, aber sie hatten bei der Arbeit nicht ständig den kapitalistischen Produktionsdruck im Nacken. Gut so. In der heutigen Zeit jedoch muss man befürchten, dass alle Forderungen nach Arbeitszeitverkürzung ungehört verhallen. Wen wundert es da, dass die Leute unzufrieden sind?