Flugreisende beim Check-in: Die Beschwerden über Verspätungen und ausgefallene Flüge häufen sich.
Flugreisende beim Check-in: Die Beschwerden über Verspätungen und ausgefallene Flüge häufen sich. imago/YingTang

Wissen Sie auf Anhieb den Namen der Bundesministerin für Verbraucherschutz? Es ist Steffi Lemke, Grünen-Politikerin aus Dessau. Auch dem Verbraucherzentrale Bundesverband sitzt eine Grüne vor, die frühere Berliner Wirtschaftssenatorin Ramona Pop. Beide wollen die Rechte von Verbrauchern stärken, doch über den richtigen Weg gibt es unterschiedliche Auffassungen bei Grünen und Verbraucherschützern – jüngstes Beispiel ist der Ärger um ausgefallene Flüge, im Extremfall sogar die Insolvenz der Airline.

Verbraucherzentralen halten Vorkasse-Praxis für unfair

Die Covid-Krise hat vielen Airlines zugesetzt, doch die spektakulären Insolvenzen deutscher Airlines waren der Pandemie vorausgegangen: Air Berlin und Germania waren in Turbulenzen geraten, viele gebuchte und vorausbezahlte Flüge fanden nicht mehr statt. Auf derartige Fälle bezieht der Vorstoß der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv). Angesichts der Häufung von Beschwerden über Airlines stellen die Verbraucherschützer das Prinzip der Vorkasse bei Flugreisen infrage.

„Die unfaire Vorkasse-Praxis bei Flugtickets muss verändert werden“, sagte die vzbv-Mobilitätsexpertin Marion Jungbluth am Samstag dem „Handelsblatt“. „Damit nicht allein der Fluggast durch die Vorauszahlung das Risiko der Airline-Insolvenz tragen muss, ist für den beiderseitigen Interessenausgleich maximal eine Anzahlung bei der Flugbuchung gerechtfertigt.“

Jungbluth verlangte zudem eine Absicherung der vorausbezahlten Kundengelder für den Fall, dass eine Fluggesellschaft in die Insolvenz rutschen sollte. „Die Bundesregierung muss hier nachjustieren und Airlines gesetzlich verpflichten, eine Insolvenzversicherung zugunsten der vorausbezahlten Kundengelder abzuschließen“, forderte die Verbraucherschützerin. „So wird es bereits mit Anbietern von Pauschalreisen seit über zwanzig Jahren europaweit gehandhabt.“

Grüne stellen Vorkasse-Prinzip nicht in Frage, wollen aber Entschädigungsregeln verschärfen

Doch auch mit Airlines, die nicht in der wirtschaftlichen Existenz bedroht sind, müssen sich Verbraucher bei Flugausfällen und massiven Verspätungen oft herumplagen. Gesetzlich festgeschriebene Entschädigungen bis zu 600 Euro zahlen auch Airlines mit Milliardenumsätzen sehr ungerne, mitunter erst nachdem der Rechtsweg beschritten wurde – obwohl der Ticketpreis bereits per Vorkasse bezahlt wurde. 

Trotzdem sehen die Grünen Änderungen bei der Vorkasse kritisch. „Das Vorkasse-Prinzip spielt für die Planbarkeit von Flügen eine gewisse Rolle“, sagte der verkehrspolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Stefan Gelbhaar, der Zeitung. „Wirksamer ist es, die Entschädigungsregeln für die Fluggäste deutlich zu verbessern.“ Künftig müsse die Entschädigung von Flugreisenden digital, automatisiert und unbürokratisch vonstatten gehen, um eine echte Wirkung zu entfalten. „Gleichfalls muss die Höhe der Entschädigung überprüft und angepasst werden“, sagte Gelbhaar.