Rebecca Heinrich, Chefin der Muttermilchbank in Arvada (Colorado), füllt gespendete gefrorene Muttermilch ab. AP/dpa/David Zalubowski

Vor den  Zwischenwahlen im Herbst zum US-Kongress haben die Republikaner neben der Inflation samt hoher Spritpreise ein Thema gefunden, mit dem sie den Demokraten und ihrem Präsidenten Joe Biden Stimmen abjagen wollen. Es ist der Mangel an  Milchpulver für Babys. Die anschwellende Bereitschaft stillender Mütter, überschüssige Milch an Muttermilch-Banken zu spenden, kann die Lücken nicht füllen.

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„Dies ist doch kein Dritte-Welt-Land“, kritisiert Elise Stefanik aus New York, die für die Republikaner im Repräsentantenhaus sitzt.  Derzeit stehen Eltern auf der Suche nach dem Muttermilchersatz vor knapp bestückten, teils vor leeren Regalen, weil die Lieferkette ruckelt und weil mit Abbott Nutrition einer der wenigen großen Anbieter kürzlich Produkte zurückgerufen hat.

Präsident Biden verspricht Lösung des Milchpulver-Problems

Nachdem das Weiße Haus bei der Inflationsbekämpfung zögerlich war, geht es die Milchpulver-Affäre offensiver an. Biden erklärte jetzt, es gebe „nichts Dringlicheres, an dem wir arbeiten“, als der Knappheit zu begegnen. Auf die Frage, ob die Regierung schneller hätte reagieren können, sagte er: „Wenn wir besser hätten Gedanken lesen können, hätten wir das wohl gekonnt. Aber wir haben schnellstens gehandelt, als das Problem offensichtlich wurde.“

In Washington mühen sich die Abgeordneten unterdessen Abhilfe. Informationen von der Lebensmittelbehörde und den Milchpulverherstellern wurden angefordert, Untersuchungen eingeleitet. Die Knappheit an Milchpulver stelle „eine Gefahr für die Gesundheit und wirtschaftliche Sicherheit von Kleinkindern und Familien“ dar, heißt es in einem Brief eines Abgeordnetenausschusses an den Präsidenten von Abbott Nutrition, Chris Calamari.

Darin wird das Unternehmen aufgefordert, alle Dokumente zur Schließung einer Produktionsanlage in Sturgis (Bundesstaat Michigan) zur Verfügung zu stellen. Im Zuge von offiziellen Ermittlungen nach bakteriellen Infektionen bei vier Babys hatte Abbott Nutrition mehrere Produkte zurückgezogen und die Fabrik geschlossen.

Joe Biden hat ein Problem, mit dem niemand gerechnet hatte. AFP/Stefani Reynolds

Weil Abbott eines von nur einer Handvoll Unternehmen ist, die für den Löwenanteil des Milchpulvers auf dem US-Markt sorgen, fällt der Rückruf enorm ins Gewicht. Für die Demokraten ist das Anlass zu betonen, dass der Milchpulver-Mangel ein klarer Beleg für die Gefahren des Systems ist – wenn wenige große Unternehmen einen ganzen Markt kontrollieren. Das den Wählern zu erklären, bleibt aber die große Herausforderung.

Denn einige Republikaner verknüpfen die Knappheit mit  einem anderen Reizthema, der Einwanderung. Biden muss sich von republikanischer Seite vorwerfen lassen, er lasse zu viele Migranten ins Land.  Eine Abgeordnete verbreitete ein Bild von Regalen aus einer Einrichtung von Grenzschützern in Texas mit vollen Boxen von Milchpulver. Das führte zu Behauptungen, Biden lasse „Tausende“ Paletten Babynahrung an die Grenze schaffen, während Eltern weiter nördlich Probleme hätten, Milchpulver zu finden.

Auch Kinder festgenommener Einwanderer sollen Milchpulver bekommen

Die Pressesprecherin des Weißen Hauses, Jen Psaki, verwies bei eine ihrem letzten Auftritte vor ihrem Ausscheiden aus dem Amt vergangene Woche auf eine rechtliche Verpflichtung der Regierung. Sie müsse für angemessene Versorgung der Flüchtlinge und Migranten sorgen, die an der Grenze festgenommen werden.

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Dennoch lasse sich das Thema für den Wahlkampf gut ausnutzen, befinden Experten. „Es ist wieder eines dieser von Zeit zu Zeit auftauchenden Verbraucherthemen, die für die Leute gut verständlich sind“, sagt der republikanische Strategieberater Matt Mackowiak. Die Demokraten müssten nun eine Lösung präsentieren. „Und sie müssen es schnell tun.“

Die Lieferkettenprobleme bei Milchpulver ebenso wie bei Mikrochips, Benzin und anderen Produkten hätten komplexe Gründe, erklärt der demokratische Senator Mark Kelly aus Arizona, der in diesem Jahr um seine Wiederwahl bangen muss. „Wir im Kongress müssen das angehen.“ Die Engpässe bei den Lieferketten müssten aus dem Weg geräumt werden. „Aber nicht wegen einer Wahl“, betont er, „sondern weil es sich auf das Leben der Menschen auswirkt.“