Kiew: Nach russischem Beschuss stehen in der ukrainischen Hauptstadt beschädigte Autos auf der Straße.
Kiew: Nach russischem Beschuss stehen in der ukrainischen Hauptstadt beschädigte Autos auf der Straße. AP/Andrew Kravchenko

Nach massiven russischen Raketentreffern sind in der ukrainischen Hauptstadt Kiew 80 Prozent der Haushalte ohne Wasser und Strom. „Alle kommunalen Dienste arbeiten, um schnellstmöglich die Strom- und Wasserversorgung von Kiew wiederherzustellen“, sagte der Bürgermeister der Dreimillionenstadt, Vitali Klitschko, gemäß einer Mitteilung vom Mittwoch. Wegen des Strommangels fahren elektrisch betriebene Busse derzeit nicht. Die Züge der U-Bahn verkehren nur noch im Zehnminutentakt. Regierungsvertreter stellten eine Wiederherstellung von Strom- und Wasserversorgung für Donnerstagmorgen in Aussicht. In Kiew wurden der dortigen Militärverwaltung zufolge bei den Angriffen drei Menschen getötet und sechs weitere verletzt.

Raketenattacke: Baby stirbt auf Entbindungsstation 

Bei einem russischen Angriff auf eine Entbindungsstation in der südukrainischen Region Saporischschja ist ukrainischen Angaben zufolge ein Neugeborenes getötet worden. In der Nacht zum Mittwoch wurde in der Stadt Wilniansk nach einem Raketenangriff auf das örtliche Krankenhaus das zweistöckige Gebäude der Entbindungsstation zerstört, wie ukrainische Rettungsdienste im Onlinedienst Telegram erklärten. In dem Gebäude befanden sich eine Frau mit ihrem Neugeborenen und ein Arzt, hieß es. Das Baby wurde bei dem Angriff getötet, die Frau und der Arzt konnten aus den Trümmern gerettet werden, berichteten die Rettungsdienste. Ein von ihnen veröffentlichtes Video zeigt wie Rettungskräfte versuchen, einen unter Trümmern begrabenen Mann zu befreien.

In Wilniansk blickt ein Mann aus der beschädigten Entbindungsstation eines Krankenhauses. Bei neuen russischen Raketenangriffen auf Kiew und weitere Gebiete sind nach Angaben der Ukraine mehrere Menschen getötet worden, darunter ein Säugling in einem Krankenhaus. 
In Wilniansk blickt ein Mann aus der beschädigten Entbindungsstation eines Krankenhauses. Bei neuen russischen Raketenangriffen auf Kiew und weitere Gebiete sind nach Angaben der Ukraine mehrere Menschen getötet worden, darunter ein Säugling in einem Krankenhaus.  AP/dpa/Kateryna Klochko 

Selenskyj nennt Angriffe auf Stromnetz Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die russischen Luftangriffe auf das Stromnetz seines Landes bei einer Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ verurteilt. „Wenn wir Temperaturen unter Null Grad haben und Millionen von Menschen ohne Energieversorgung, ohne Heizung und ohne Wasser sind, ist das ein offenkundiges Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, sagte Selenskyj am Mittwoch in seiner Videoansprache.

Lesen Sie auch: Ukraine: Ein verwüstetes Land mit Soldaten unter Mordverdacht<

Selenskyj hatte den ukrainischen UN-Botschafter selbst angewiesen, die Dringlichkeitssitzung zu dem heftigen russischen Raketenbeschuss auf die ukrainische Hauptstadt Kiew zu beantragen. „Die Ermordung von Zivilisten, die Zerstörung von ziviler Infrastruktur sind Terrortaten“, erklärte er vor der Sitzung auf Twitter. Die internationale Staatengemeinschaft müsse darauf eine „entschlossene Antwort“ geben.

Russische Angriffe richten sich auch gegen weitere Ziele

Über Explosionen - teils auch durch die Flugabwehr - wurde auch aus den Gebieten Odessa, Mykolajiw, Poltawa und Dnipropetrowsk berichtet. Zu möglichen Opfern gab es zunächst keine Angaben. Die westukrainische Stadt Lwiw war Angaben von Bürgermeister Andrij Sadowyj zufolge nach Angriffen zunächst komplett ohne Strom.

„Russland feiert seine Einstufung als Terrorstaat mit neuem Raketenterror gegen die ukrainische Hauptstadt und andere Städte“, schrieb der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba auf Twitter. Das EU-Parlament hatte Russland früher am Tag als staatlichen Unterstützer von Terrorismus verurteilt.

Lesen Sie auch: Christian Drosten macht Hoffnung: „Die Lage für das Virus wird prekär“ >>

Russland ist vor knapp neun Monaten in die Ukraine einmarschiert. Nach zunehmenden militärischen Rückschlägen begann Moskau vor einigen Wochen mit gezielten Angriffen auf die Energieversorgung des Nachbarlandes und richtete dabei bereits massive Schäden an. Die Ukraine, die ihren Bürgern nun stundenweise den Strom abschalten muss, um Engpässe zu vermeiden, spricht von „Energieterror“.