Dieser 1500 Jahre alte goldene Kopfschmuck aus der Zeit des Hunnen-Herrschers Attila ist aus dem Museum in Melitopol verschwunden.
Dieser 1500 Jahre alte goldene Kopfschmuck aus der Zeit des Hunnen-Herrschers Attila ist aus dem Museum in Melitopol verschwunden. AP

Das 1500 Jahre alte, mit Edelsteinen besetzte Golddiadem im Museum von Melitopol war eines der weltweit wertvollsten Artefakte aus dem Reich des Hunnenkönigs Attila. Seit einigen Monaten ist es verschwunden, vielleicht für immer, wie Historiker befürchten. Nach der Einnahme der südukrainischen Stadt im Februar hätten russische Soldaten die Krone von unschätzbarem Wert und viele weitere Schätze mitgenommen, heißt es aus dem Museum.

Auch in anderen Orten beklagt die Ukraine den Diebstahl von Kulturgut: Die russische Invasion werde von der Zerstörung und Plünderung historischer Stätten in großem Ausmaß begleitet, erklären Behördenvertreter. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP listet Kulturminister Olexander Tkatschenko auf, dass Soldaten Ausstellungsstücke aus fast 40 Museen mitgehen ließen. Allein finanziell hätten die Plünderungen und Zerstörungen Verluste in Höhe von mehreren hundert Millionen Euro verursacht. „Der Umgang der Russen mit dem ukrainischen Kulturerbe ist ein Kriegsverbrechen“, lautet der Vorwurf des Ministers.

Ob Museen, historische Gebäude oder Kirchen: „Alles wurde über Generationen hinweg von Ukrainern aufgebaut und geschaffen“, betonte im September auch Olena Selenska, die Frau des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, beim Besuch in New York. „Dies ist ein Krieg gegen unsere Identität.“

Russische Soldaten durchsuchten das Museum in Melitopol, bis sie den Schatz Attilas entdeckten

Das Museum für Heimatgeschichte in Melitopol versuchte zunächst, das Hunnen-Diadem und Hunderte andere Schätze zu verstecken, als die russischen Truppen die Stadt stürmten. Immer wieder aber durchsuchten die Besatzungstruppen das Gebäude und entdeckten schließlich den verborgenen Keller, in dem die Mitarbeiter die wertvollsten Objekte des Museums versteckt hatten.

Sie hätten keine Ahnung, was die russischen Soldaten mit den Schätzen machten, sagt ein Museumsangestellter, der aus Angst seinen Namen nicht veröffentlicht haben will. Zur Beute gehören dem Museum zufolge neben dem Diadem rund 1700 weitere wertvolle Gegenstände.

Natalia Pantschenko, Direktorin des Museums für historische Schätze der Ukraine, zeigt leere Vitrinen in Kiew: Die Kunstschätze haben die Museumsleute beim russischen Ansturm auf Kiew in Sicherheit gebracht.
Natalia Pantschenko, Direktorin des Museums für historische Schätze der Ukraine, zeigt leere Vitrinen in Kiew: Die Kunstschätze haben die Museumsleute beim russischen Ansturm auf Kiew in Sicherheit gebracht. AP/Efrem Lukatsky

Das Diadem, das 1948 in einer Grabkammer entdeckt wurde, ist eine von nur wenigen Hunnenkronen weltweit. Weitere Artefakte, die entwendet wurden, sind dem Museum zufolge fast 200 Stücke von 2400 Jahre altem Gold aus der Zeit der Skythen, einem Volk von Reiternomaden, die von Zentralasien nach Südrussland und in die Ukraine gezogen waren und auf der Krim ein Reich gegründet hatten.

„Dies sind antike Funde. Es sind Kunstwerke. Sie sind von unschätzbarem Wert“, sagt Olexander Symonenko vom Institut für Archäologie der Ukraine. „Wenn Kultur verschwindet, ist das eine nicht wieder gut zu machende Katastrophe.“

Das russische Kulturministerium antwortete nicht auf Anfragen zu der Sammlung von Melitopol.

Aus dem verwüsteten Mariupol verschwanden Ikonen, eine 2000 Jahre alte Bibel und eine Thora-Rolle

Auch Museen in Mariupol wurden geplündert, wie ukrainische Behördenmitarbeiter berichten, die aus der Stadt vertrieben wurden, die die russischen Truppen im Mai unter ihre Kontrolle brachten. Nach Angaben des geflohenen Stadtrats von Mariupol wurden mehr als 2000 Gegenstände aus den Museen der Stadt gestohlen. Zu den wertvollsten Stücken gehören demnach Ikonen, eine einzigartige handgeschriebene Thora-Rolle, eine 200 Jahre alte Bibel und Gemälde. Die gestohlene Beute sei offenbar in die von Russland besetzte Region Donezk gebracht worden.

In anderen Orten tat das Museumspersonal alles nur Denkbare, um die ihm anvertrauten Kunstschätze zu schützen. Zehntausende Stücke wurden aus den Frontgebieten und den umkämpften Regionen geholt und möglichst sicher untergebracht.

Bei Swatohirsk schossen russische Truppen die Kuppel von einer Kirche.
Bei Swatohirsk schossen russische Truppen die Kuppel von einer Kirche. AP/Evgeniy Maloletka

In Kiew übernachtete die Direktorin des Museums für historische Kostbarkeiten, Natalia Pantschenko, in dem Gebäude, als die russischen Truppen zu Beginn des Krieges versuchten, die ukrainische Hauptstadt einzunehmen. „Wir hatten Angst vor den russischen Besatzern, weil sie alles zerstören, was als ukrainisch identifiziert werden kann“, sagt die Museumsleiterin. Sie habe das Museumsschild am Eingang entfernt, die Artefakte aus der Ausstellung genommen und sorgfältig in Kisten verpackt.

Die Ausstellungsstücke hätten Hunderte Jahre überlebt, sagt Pantschenko. „Wir konnten den Gedanken nicht ertragen, dass sie verloren gehen könnten.“ Eines Tages würden sie hoffentlich wieder an ihren Platz zurückkehren.

UNESCO verzeichnet Schäden an 199 kulturell bedeutsamen Gebäuden und Monumenten in der Ukraine

Neben den Plünderungen sind es Bombardements und Zerstörungen, die den Kultureinrichtungen in der Ukraine oft irreparable Schäden zufügen. Die UN-Kulturorganisation UNESCO, die von Raketen, Bomben und Granaten getroffene Stätten auflistet, hat bis zum achten Monat des Krieges Schäden an 199 Gebäuden und Monumenten in zwölf Regionen dokumentiert.

Dazu gehören 84 Kirchen und andere religiöse Stätten, 37 Gebäude von historischer Bedeutung, 37 Gebäude für kulturelle Aktivitäten, 18 Denkmäler, 13 Museen und zehn Bibliotheken. Die Zahlen der ukrainischen Regierung sind sogar noch höher: Allein die Anzahl der zerstörten und beschädigten religiösen Stätten wird mit mindestens 270 angegeben.