Dmitri Sadojanow bedankt sich in Tiflis bei Bischof Oleg Khubashvili: Kirchliche Helfer hatten ihm bei der Flucht aus Russland nach Georgien geholfen.
Dmitri Sadojanow bedankt sich in Tiflis bei Bischof Oleg Khubashvili: Kirchliche Helfer hatten ihm bei der Flucht aus Russland nach Georgien geholfen. AP/Shakh Aivazov

Wochenlang war der Kontakt von Natalja Sadojanowa zu ihrem jüngeren Bruder Dmitri abgerissen, der in der belagerten ukrainischen Hafenstadt Mariupol eingeschlossen war. Russische Streitkräfte hatten das Waisenhaus, in dem er arbeitete, bombardiert, er hockte mit Dutzenden anderen im Keller. Als sie das nächste Mal von ihm hörte, weinte er: „Ich bin in Russland.“ Dort ist Dmitri Sadojanow  inzwischen nicht mehr: Er entwischte der Zwangsumsiedlung, wie sie nach Untersuchungen der Nachrichtenagentur AP viele Ukrainer betrifft.

Busse aus Mariupol fuhren nur noch nach Russland

Sadojanow hatte erschöpft und hungrig in eine Evakuierung durch die Russen eingewilligt. Sie hätten ihm gesagt, das ginge mit dem Bus entweder ins ukrainische Saporischschja oder ins russische Rostow am Don. In Wahrheit seien alle Busse nach Russland gefahren.

In einem Lager durchsuchten russische Behördenvertreter sein Telefon und verhörten ihn. Er wurde gefragt, was es bedeutet, getauft zu sein, und ob er sexuelle Gefühle für einen Jungen im Lager habe. Schließlich wurde er mit anderen Ukrainern zum Bahnhof gebracht. Es solle nach Nischni Nowgorod gehen, 1300 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt.

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Vom Zug aus rief Sadojanow seine Schwester in Polen an: „Steig aus“, sagte Natalja. „Sofort.“  Mit anderen Ukrainern verließ er den Zug, fand durch kirchliche Kontakte einen Weg nach Georgien.

Dmitri Sadojanow  entkam erst der Hölle Mariupols und dann aus Russland.
Dmitri Sadojanow entkam erst der Hölle Mariupols und dann aus Russland. AP/Shakh Aivazov

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Zwei Millionen Ukrainer in Russland

Nach Angaben ukrainischer und russischer Behörden wurden fast zwei Millionen ukrainische Flüchtlinge aus dem schwer umkämpften Osten des Landes nach Russland gebracht. Kiew bezeichnet das als erzwungene Reisen in feindliches Gebiet, was als Kriegsverbrechen gilt. Moskau spricht hingegen von humanitären Evakuierungen, die Menschen seien dankbar für eine neue Heimat.

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Laut AP ist die Lage zwar differenzierter als von der ukrainischen Regierung dargestellt. Doch ergaben die Recherchen, dass viele Flüchtlinge tatsächlich unter Zwang nach Russland gebracht, dort misshandelt und ihrer Papiere beraubt werden. Über ihre Zukunft oder sogar ihren Aufenthaltsort werden viele im Unklaren gelassen. Ukrainer landeten vorübergehend in mehr als zwei Dutzend Städten und Orten, teilweise im Fernen Osten.

An  „Filtrationspunkten“ müssen sie Verhöre und Leibesvisitationen über sich ergehen lassen, manche wurden verprügelt, andere  verschleppt und nie mehr gesehen.  Wer die „Filtration“ überstehe, werde zum Bleiben eingeladen und bekomme oft eine Zahlung von umgerechnet 170 Euro versprochen, die vielleicht kommt. Manchmal werde den Ukrainern ihr Pass abgenommen und stattdessen die russische Staatsbürgerschaft angeboten.

Nach mehreren vergeblichen Anläufen konnten Zivilisten im Mai das umkämpfte Mariupol verlassen.
Nach mehreren vergeblichen Anläufen konnten Zivilisten im Mai das umkämpfte Mariupol verlassen. dpa/Sputnik/Alexey Kudenko

Die Verschleppung von Hunderttausender ist Teil einer Strategie, zeigen russische Regierungsunterlagen. Manche Ukrainer bleiben in Russland – obwohl sie theoretisch gehen könnten – weil sie sonst nirgendwohin können, kein Geld haben, keine Papiere oder keine Möglichkeit, die ferne Heimat zu erreichen. Andere haben  Familie und starke Bindungen in Russland oder ziehen es vor, in einem Land neu anzufangen, in dem sie zumindest die Sprache sprechen.

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Russen als geheime Helfer der verschleppten Ukrainer

Fast alle Interviewten sprachen mit Dankbarkeit von Russen, die sie über geheime Netzwerke dabei unterstützten, Dokumente zu beschaffen, Unterkünfte zu finden, Zug- und Bustickets zu kaufen, ukrainische Hrywnja in Rubel umzutauschen. Vor kurzem begleitete einer eine Familie aus Mariupol über die Grenze nach Estland. Der letzte in einer Kette Freiwilliger, die sich auf 1900 Kilometer von Taganrog und Rostow bis zur Grenzstadt Narwa erstreckte.

Die Untersuchung stützt sich auf Interviews mit 36 überwiegend aus Mariupol nach Russland ausgereisten Ukrainern. Elf davon sind noch immer dort, andere in Estland, Litauen, Polen, Georgien, Irland, Deutschland und Norwegen. Außerdem befragte AP russische Freiwillige aus dem Untergrund, sichtete Videomaterial, Dokumente russischer Behörden und Staatsmedien.