Olga Lopatkina musste bitter darum kämpfen, ihre Kinder von Russland zurückzubekommen.
Olga Lopatkina musste bitter darum kämpfen, ihre Kinder von Russland zurückzubekommen. AP/Jeremias Gonzalez

Sie wurden aus Kellern zerbombter Städte wie Mariupol und aus Kinderheimen in Separatistengebieten im Donbass mitgenommen: Tausende ukrainische Mädchen und Jungen wurden aus besetzten ukrainischen Gebieten nach Russland deportiert.

Dazu zählen Kinder, deren Eltern bei russischen Angriffen getötet wurden, Kinder aus Einrichtungen oder aus Pflegefamilien. Allein aus dem Gebiet Cherson halten sich „mehrere Tausend“ Kinder bereits in anderen Regionen Russlands „in Erholungsheimen und Kinderlagern“ auf, so der stellvertretende russische Ministerpräsident Marat Chusnullin.

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Russland erklärt dazu, dass diese Kinder keine Eltern und keine Erziehungsberechtigten hätten oder dass kein Kontakt zu diesen hergestellt werden könne. Nach AP-Recherchen wurden die Kinder aber ohne Abklärung und Zustimmung nach Russland oder in russisch besetzte Gebiete gebracht. Immer wieder wurde ihnen auch vorgelogen, dass ihre Eltern sie nicht wollten, und sie wurden in russische Familien gegeben.

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Ukrainische Waisenkinder aus der Donezk-Region – etliche von ihnen wurden schon in russische Familien gegeben.
Ukrainische Waisenkinder aus der Donezk-Region – etliche von ihnen wurden schon in russische Familien gegeben. AP

Die AP stützt sich dabei auf Dutzende Interviews mit Eltern, Kindern und Jugendlichen sowie Behördenvertretern in der Ukraine und in Russland, auf russische Dokumente und Angaben russischer Staatsmedien, auf E-Mails und Briefe. Kinder aus Kriegsgebieten zu verschleppen und in einem anderen Land oder einer anderen Kultur großzuziehen, kann als ein Signal für einen möglichen Genozid gewertet werden – im Versuch, die Identität eines Volkes auszuradieren.

Das amerikanische Institute for the Study of War (ISW) analysierte bereits, dass Deportationen von Ukrainern wahrscheinlich auf eine vorsätzliche ethnische Säuberungskampagne hinauslaufen. Nach Einschätzung des Instituts verstößt sie gegen die Konvention zur Verhütung und Bestrafung von Völkermord.

Für die ukrainischen Strafverfolger führt die Spur direkt zum russischen Präsidenten Wladimir Putin. „Das ist keine Sache, die spontan auf dem Schlachtfeld passiert“, sagt Stephen Rapp, ein ehemaliger US-Sonderbotschafter für Kriegsverbrechensfragen, der die Ukraine bei der Strafverfolgung berät.

Entführungen werden in Russland als großherzige Adoptionen dargestellt

Im russischen Recht ist die Adoption ausländischer Kinder eigentlich untersagt. Putin unterzeichnete im Mai jedoch ein Dekret, das eine schnellere Verleihung der russischen Staatsbürgerschaft für ukrainische Kinder ohne elterliche Fürsorge vorsieht. Geeignete russische Familien zur Aufnahme der Kinder sind derweil in einem Register geführt, und die Behörden bieten umfangreiche finanzielle Unterstützung an. Adoptionen werden als Akt der Hochherzigkeit und des Großmuts dargestellt, das Staatsfernsehen zeigt die Zeremonien der Passübergabe an ukrainische Kinder.

Kinder aus verschiedenen Waisenhäusern in der Donezk-Region wurden in einem Kinderlager versammelt, von dort nach Russland verteilt.
Kinder aus verschiedenen Waisenhäusern in der Donezk-Region wurden in einem Kinderlager versammelt, von dort nach Russland verteilt. AP

Auch die Pflegekinder von Olga Lopatkina kauerten tagelang in einem Keller in ihrem Ferienort bei Mariupol. Der 17 Jahre alte Timofej kümmerte sich um seine jüngeren Geschwister, von denen drei chronisch krank sind oder wegen Behinderungen eingeschränkt sind. Als in der ganzen Stadt der Strom ausfiel, verloren sie den Kontakt zu ihrer Mutter. Einem Arzt aus Mariupol gelang es, sie zu evakuieren – nur um dann von prorussischen Kräften an einem Kontrollpunkt zurückgewiesen zu werden.

Die Kinder und Jugendlichen landeten in einem Krankenhaus in der Separatistenrepublik Donezk. Bis Timofej seine Mutter endlich erreichte, war die schon aus der Ukraine geflohen: Olga Lopatkina, die selbst als Jugendliche ihre Mutter verloren hatte, hatte ihre 18-jährige leibliche Tochter Rada aus dem Kampfgebiet in Sicherheit nach Frankreich gebracht.

Verzweifelt wandten sich Lopatkina und ihr Mann dann an russische und ukrainische Behörden und baten Aktivisten um Hilfe, um ihre Kinder zurückzubekommen. Als die Behörden in Donezk Olga Lopatkina erklärten, sie dürfe die Kinder holen, müsse aber über Russland einreisen, fürchtete die Mutter eine Falle und lehnte ab. Derweil wurde Timofej gesagt, ein Gericht werde seinen Pflegeeltern die Vormundschaft entziehen und die Geschwister würden zu neuen Familien in Russland gebracht.

Dann endlich schafften Olga Lopatkina und ihre Unterstützer den Durchbruch: Die Donezker Behörden ließen zu, dass ein Vermittler die Kinder abholen dürfe. In Frankreich kam die Familie schließlich wieder zusammen.

Von Timofej fiel die schwere Last der Verantwortung ab, die er für seine jüngeren Geschwister geschultert hatte. „Ich sagte: „Mutter, übernimm du. Jetzt bin ich wieder ein Kind.“