Patientin Anna wurde bei Beschuss von einem russischen Geschoss in ihrer Wohnung in Slowjansk schwer verletzt. Sie wurde zuerst aus Slowjansk nach Dnipro und von dort nach Lwiw evakuiert. Sie will trotzdem so schnell wie möglich in ihr Zuhause zurück.
Patientin Anna wurde bei Beschuss von einem russischen Geschoss in ihrer Wohnung in Slowjansk schwer verletzt. Sie wurde zuerst aus Slowjansk nach Dnipro und von dort nach Lwiw evakuiert. Sie will trotzdem so schnell wie möglich in ihr Zuhause zurück. Peter Althaus

Wenn Hnat Herytsch auf die letzten Monate zurückblickt, versinkt der Arzt aus dem ukrainischen Lwiw kurz in Gedanken. „Alles hat sich seit dem Beginn des totalen Krieges von Russland gegen uns verändert“, sagt er. Der Chirurg am Städtischen Unfallkrankenhaus in der 750.000-Einwohner-Stadt unweit der Grenze zu Polen war gerade auf einer Konferenz in der Türkei, als Russland den massiven Angriff auf Großteile der Ukraine begann. „Meine Kollegen und ich haben nicht gezögert und wir haben uns sofort auf den Rückweg gemacht. Wir haben zwei Tage gebraucht“, sagt er. „Wir wollten unbedingt zurück und dem Land beim Kampf gegen die Russen helfen“, sagt er.

Jobs der Ärzte am Krankenhaus in Lwiw hat sich radikal verändert

Seitdem sei er, wie auch mehr als 1.000 Ärzte und Krankenschwestern in seinem Krankenhaus eigentlich ständig im Dienst. Auch habe sich sein Job sehr schnell verändert. „Unsere Arbeit besteht jetzt noch mehr daraus, das Leben, Organe oder Gliedmaßen der Menschen zu retten - besonders in der Chirurgie“, sagt er. „100 Prozent der Chirurgen in der Ukraine haben innerhalb der letzten sechs Monate eine Umschulung zum Unfallchirurgen gemacht - meistens unfreiwillig.“

Hnad Herytsch ist Chirurg im Unfallkrankenhaus von Lwiw.
Hnad Herytsch ist Chirurg im Unfallkrankenhaus von Lwiw. Peter Althaus

Immerhin gäbe es aber einige Unterstützung von ausländischen Kollegen, besonders aus den USA und Großbritannien. „Wir hatten zu Beginn der Invasion viele ausländische Ärzte hier“, sagt er. Auch deutsche Mediziner hätten freiwillig geholfen. Auf seinem Tisch liegt ein englisches Buch mit dem Titel „War Surgery“ - Kriegschirurgie. „Bisher hatte ich allerdings noch keine Zeit es zu lesen“, entschuldigt Herytsch sich. „Ich habe zu Beginn kaum mehr als drei oder vier Stunden geschlafen. Jetzt sind es manchmal immerhin fünf oder sechs“, so der Arzt.

Mittlerweile würden einige Patienten zu langfristigen Behandlungen ins Ausland gebracht. „Das hilft uns sehr, denn manche benötigen bis zu 20 Operationen und nehmen wichtige Bettenkapazitäten weg, die wir für andere Kriegsopfer benötigen“, erklärt der Arzt.

Eine Krankenschwester versorgt die Wunden einer Patientin in einem Krankenhaus in Lwiw.
Eine Krankenschwester versorgt die Wunden einer Patientin in einem Krankenhaus in Lwiw. AP/ Emilio Morenatti

Mehr als 6.000 Patienten mit Kriegsverletzungen haben er und seine Kollegen seit Februar behandelt. Vor allem die massiven Raketenschläge, die in den ersten drei Monaten des Krieges auch häufig die Westukraine betroffen haben, hätten zu einer riesigen Anzahl an Patienten geführt. „Wir hatten dann hier bis zu 70 Patienten auf einmal, die teils schwerste Verletzungen hatten“ , berichtet Hnat Herytsch.

Bombenopfer kommen mit schweren Brüchen und Gewebeverletzungen

Dabei hätten die Patienten oft mehrfache Verletzungen. Durch schwere Brüche und Gewebeverletzungen seien auch oft Amputationen nötig. „Das erfordert komplizierte Operationen“, sagt er. Er selbst habe sich solch eine Situation auch nach zehn Jahren Berufserfahrung nicht vorstellen können. „Hier in der Westukraine waren wir 2014 weit weg von der Front und hatten daher kaum solche Fälle. Die meisten Patienten, die wir hier normalerweise behandeln, sind Opfer von Verkehrsunfällen“, erklärt der Chirurg.

Durch die Raketenangriffe müsse man nun häufig Schrapnell aus den Wunden entfernen, die das Gewebe schwer beschädigt haben. „Wir hatten keinerlei Vorbereitung für diese Fälle. Das meiste haben wir uns selbst beigebracht“, so Herytsch.

Ein Mann betrachtet die Ruinen von Wohngebäuden, nachdem russische Artilleriegeschosse das Stadtzentrum von Slowjansk getroffen haben. In Slowjansk wurde auch Patientin Anna (55) schwer verletzt.
Ein Mann betrachtet die Ruinen von Wohngebäuden, nachdem russische Artilleriegeschosse das Stadtzentrum von Slowjansk getroffen haben. In Slowjansk wurde auch Patientin Anna (55) schwer verletzt. dpa/Alex Chan Tsz Yuk/SOPA Images

Mittlerweile würden weniger Patienten aus der Westukraine behandelt. Die Zahl der Raketenangriffe in der Region hat sich verringert. Stattdessen kommen die Patienten nun oft aus den unter Beschuss stehenden Gebieten der Ostukraine. Eine der Patientinnen ist die 55-jährige Anna. Sie wurde mit einem Evakuierungszug aus der Stadt Slowjansk nach Lwiw gebracht. „Ich war am 24. Juli in meinem Haus in Slowjansk“, berichtet sie, „als plötzlich ein Geschoss bei uns eingeschlagen ist.“ Eineinhalb Stunden habe sie unter Trümmern gelegen, bis Retter sie befreit hätten.

Opfer des russischen Terrors: „Mir fehlt die Heimat, ich weiß nicht wohin“

Nach einer zweiwöchigen Erstbehandlung in einem Krankenhaus der Stadt Dnipro in der Zentralukraine wurde sie nach Lwiw verlegt. „Wir haben sie hier operiert. Das war sehr kompliziert“, sagt der Arzt Hnat Herytsch und wirkt dabei etwas stolz. „Das hat zehn Stunden gedauert, aber wir haben es hinbekommen“, sagt er.

Die Frau solle noch rund zwei Wochen das Bett hüten. „Das fällt mir schwer, weil ich mich nicht so viel bewegen kann“, sagt sie. Auch wolle sie nach Hause. „Mir fehlt meine Heimat und ich weiß eigentlich auch nicht, wohin ich sonst soll“, erzählt sie. Dieser Wunsch könnte dennoch erstmal nicht in Erfüllung gehen. „Wir versuchen sie für eine Rehabilitation in Polen unterzubringen“, sagt Chirurg Herytsch.

Viele Patienten werden mit Evakuierungszügen aus den zerstörten Gebieten der Ostukraine in Städte wie Lwiw gebracht. Dort ist es wesentlich sicherer als im Osten des Landes.
Viele Patienten werden mit Evakuierungszügen aus den zerstörten Gebieten der Ostukraine in Städte wie Lwiw gebracht. Dort ist es wesentlich sicherer als im Osten des Landes. AP/ Francisco Seco

Auch wenn die Situation im westukrainischen Lwiw derzeit etwas entspannter sei als noch vor drei Monaten, sei es dennoch schwierig. „Seit Februar wurden mehr als 400 Krankenhäuser durch den russischen Angriff zerstört“, sagt Hnat Herytsch. Zudem gäbe es massenhaft Berichte, dass die medizinische Infrastruktur in den besetzten Gebieten von den russischen Besatzern gezielt geschwächt werde. „Wir hören von Kollegen dort, dass die Russen die guten Krankenwagen und medizinische Geräte mit nach Russland nehmen und minderwertiges, altes Gerät aus Russland dorthin bringen. Sie verbessern also die medizinische Versorgung auf unsere Kosten“, erzählt er.

Ärzte können sich weniger um Krebs oder Nierenschäden kümmern

Auch könnten Krankenhäuser in der Ukraine viel weniger Prophylaxe anbieten oder sich um Patienten mit schweren Krankheiten wie Krebs oder Nierenschäden kümmern. „Dafür ist weniger Zeit da, weil wir uns stattdessen um die akuten Kriegsopfer kümmern müssen.“

Das Unfallkrankenhaus von Lwiw liegt weit weg von der Front. Dennoch werden auch hier mittlerweile vorwiegend Kriegsopfer behandelt.
Das Unfallkrankenhaus von Lwiw liegt weit weg von der Front. Dennoch werden auch hier mittlerweile vorwiegend Kriegsopfer behandelt. Peter Althaus

Eines sorgt den Mediziner derzeit jedoch besonders. „Die Hilfe für uns aus dem Ausland ist mittlerweile stark abgeebbt“, sagt er. Hätte man sich am Anfang des Krieges kaum vor Angeboten retten können, schwinden die Bestände mittlerweile wieder stark. Ein Problem gäbe es neben dem Personal besonders bei medizinischem Gerät und bei Medikamenten. „Viele Arzneimittelfabriken liegen im Osten der Ukraine und sind durch den Krieg zerstört worden oder produzieren nicht mehr“, erklärt Herytsch.

Auch chirurgisches Besteck, Verbandsmaterial sowie Material zur Behandlung der Bauchhöhle und für Unterdruckbehandlungen benötige man dringend. Am Ende hänge die Größe des Bedarfs vor allem von der Lage an der Front ab. „Umso ruhiger es dort ist, desto ruhiger ist es auch hier.“