Gewaltige Ausmaße

Riesige Umweltkatastrophe durch Staudamm-Sprengung in der Ukraine

Der Kachowka-Stausee ist viermal so groß wie der Bodensee. Die Sprengung des Staudamms verursacht eine massive ökologische Katastrophe.

Teilen
Die Flut hat große Teile der Region unter Wasser gesetzt.
Die Flut hat große Teile der Region unter Wasser gesetzt.ITAR-TASS/Imago

Es ist ein massives Verbrechen an der Umwelt in der Ukraine und wird wohl zum Tod hunderttausender Tiere führen. Durch die Zerstörung des Staudamms in Nowa Kachowka „drohe eine ökologischen Katastrophe für den Süden der Ukraine“, sagte der ukrainische Ministerpräsident Denys Schmyhal am Dienstag.

Lesen Sie auch: Ist Russland für die Damm-Sprengung in der Ukraine verantwortlich? >>

Die Folgen der Staudamm-Sprengung in Nowa Kachowka könnten einen massiven „Ökozid“ auslösen. So wird eine massive Naturzerstörung bezeichnet. Die Generalstaatsanwaltschaft der Ukraine hat deswegen bereits am Dienstag Ermittlungen gegen Russland eingeleitet. Die Russen sollen den Staudamm Kachowka am Dienstagmorgen gesprengt haben, um die derzeit anlaufende ukrainische Gegenoffensive zu verlangsamen. 

Lesen Sie auch: Schock-Bilder aus Ukraine: Diese Ruinen waren mal eine Stadt mit 75.000 Einwohnern >>

Eine Wiedererrichtung könnte zwischen drei und fünf Jahren dauern, doch daran ist derzeit wegen der anhaltenden Kampfhandlungen nicht einmal zu denken.

Anwohner schauen auf die riesigen Wassermassen, die sich nach der Sprengung ihren Weg bahnen.
Anwohner schauen auf die riesigen Wassermassen, die sich nach der Sprengung ihren Weg bahnen.Stringer/AFP

Stausee von der vierfachen Größe des Bodensees läuft leer

Der bisherige Kachowka-Staudamm wurde im Fluss Dnipro zwischen den Städten Kachowka und Nowa Kachowka errichtet. Das Absperrbauwerk ist insgesamt mehr als dreieinhalb Kilometer lang. Die nun gesprengte Staumauer ist 437 Meter lang. Der Damm staut den Kachowkaer Stausee auf, der mit 2155 Quadratkilometern der zweitgrößte Stausee des Landes ist. Damit ist er fast viermal so groß wie der Bodensee!

Lesen Sie auch: Flut-Drama in der Ukraine: Russen lassen Siedlungen absaufen >>

Die ukrainischen Behörden fürchten die katastrophalen Folgen der Sprengung. Ministerpräsident Schmyhal warnt, dass die Zerstörung des Staudamms massive Folgen für das Ökosystem der Region habe. Derzeit rollt eine massive Flutwelle durch die Region am Unterlauf des Dnipro. Neben den Anwohnern gefährdet diese auch den Lebensraum hunderttausender Tiere. 

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte im Oktober vergangenen Jahres bereits gewarnt, dass Russland den Staudamm mit Sprengstoff vermint habe und plane den Damm zu sprengen. Auch der KURIER hatte darüber berichtet. Nun haben die Russen den Plan offenbar in die Tat umgesetzt.

Massives Fischsterben und Verwüstung von wichtigen Feldern

Experten hatten den Tod hunderttausender Fische befürchtet, die bisher in dem riesigen Stausee lebten. Da der Fluss nun vorerst in seinen ursprünglichen Lauf zurückkehrt, wird viel weniger Wasser vorhanden sein. In den vom Fluss abgeschnittenen Pfützen wird die Sonne wohl das Übrige tun. Bereits am Mittwoch tauchten erste Videos von zehntausenden Fischen, die zum Teil noch zappelten aber qualvoll sterben mussten.

Auch Gefahrenstoffe sind wohl in den Fluss geraten. Mindestens 150 Tonnen Maschinenöl wurden von den Fluten erfasst. Bei weiteren 300 Tonnen besteht die Gefahr. Zudem wurden Dutzende Industrie- und Hafenanlagen in Cherson überschwemmt. Auch dort lagerten zum Teil gefährliche Stoffe. 

Lesen Sie auch: Russische Soldaten sollen Ukrainer lebend enthauptet haben >>

Vom Dnipro hingen zudem ganze Bewässerungssysteme für Felder in der Region Cherson ab. Auch diese verlieren nun ihre Bewässerung. Sie drohen zu verwüsten. Sand- und Staubstürme könnten die Region bedrohen. Die Umweltkatastrophe könnte beiname apokalyptische Züge annehmen, denn das dort produzierte Getreide und die Nutzpflanzen versorgen auch viele Länder in der Welt mit Nahrungsmitteln und Getreide.

Delfin im Schwarzen Meer vor der Küste von Lasurne in der Ukraine. Schadstoffe aus dem Dnipro könnten das empfindliche Ökosystem des Schwarzen Meeres bedrohen.
Delfin im Schwarzen Meer vor der Küste von Lasurne in der Ukraine. Schadstoffe aus dem Dnipro könnten das empfindliche Ökosystem des Schwarzen Meeres bedrohen.Volodymyr Tarasov/Ukrinform/Imago

Schadstoffe werden ins Schwarze Meer gespült

Das Dnipro-Delta ist zudem ein Naturschutzgebiet und Rückzugsraum für viele Zugvögel und andere seltene Tierarten. In einer Studie über mögliche Umweltfolgen der russischen Besatzungen warnten ukrainische Wissenschaftler bereits im vergangenen Jahr. Besonders die ausbleibende Wartung von Abwasseranlagung während der russischen Besatzung und der Beschuss von Kläranlagen sei laut der Studie ein großes Problem.

Durch die Flutwelle werden nun auch Abwasseranlagen und andere umweltgefährdende Anlagen überflutet, die Schadstoffe ins Schwarze Meer tragen könnten. Dort gibt es weitere seltene Arten wie Delfine. Zudem bedeutet die Flut auch das Spülen vieler weiterer Süßwasserfische ins salzige Meer. Für die Tiere wird dies tödlich sein. Und auch die Fauna des Schwarzen Meeres wird unter dem erhöhten Einfluss an Süßwasser leiden, wie das Landwirtschaftsministerium der Ukraine mitteilt.

Bereits vor der Sprengung klagten Anwohner des Flusses zudem, dass durch die ausbleibende Wartung vieler Wasserschutzanlangen Überschwemmungen ihre Häuser zerstörten.

Durch ausbleibende Wartung wurden Teile der Region Cherson bereits überflutet. Nun dürfte es für die Bewohner noch schlimmer kommen.
Durch ausbleibende Wartung wurden Teile der Region Cherson bereits überflutet. Nun dürfte es für die Bewohner noch schlimmer kommen.Evgeniy Maloletka/AP

Tiere in Zoo von Nowa Kachowka vermutlich ertrunken

Wie ein Berater des ukrainischen Innenministeriums berichtet, sind nach der Sprengung wohl die meisten Tiere eines Zoos in der Stadt Nowa Kachowka ertrunken. Der Tierpark habe einst 300 Tiere verschiedener Arten beherbergt. „Berichten zufolge sind alle Tiere bis auf Schwäne und Enten gestorben“, so Anton Geraschtschenko auf Twitter.

Auf Videos sind die Wassermassen auf dem Gelände des Parks zu sehen. Die Besatzungsbehörden sollen nichts unternommen haben, um die Tiere zu retten, berichten Einwohner des Ortes.

Trinkwasserversorgung in der Region gefährdet

Neben den Auswirkungen auf das Ökosystem zerstört die Sprengung auch den Zugang hunderttausender Menschen in der Region zu Trinkwasser. Derzeit finden nach Angaben ukrainischer Behörden Krisensitzungen in umliegenden und auch weiter entfernten Städten wie in Krywyj Rih statt. Dort wollen die Behörden beraten, wie die Trinkwasserversorgung der Region sichergestellt werden kann.

Die Russen haben sich mit der Sprengung jedoch zum Teil selbst geschadet. Denn auch die Wasserversorgung der von Russland besetzten ukrainischen Halbinsel Krim läuft über den Nordkrimkanal. Dieser speist sich aus dem Dnipro. Russland hatte jahrelang auf eine Freigabe der Versorgung für den Norden der Halbinsel Krim gedrängt. Die Ukraine weigerte sich die Blockade aufzuheben. Russland sprengte die provisorischen Dämme im Kanal nach der Besetzung der Südukraine im Zuge der Invasion letztes Jahr.

Atomkraftwerk Saporischja wird mit Wasser aus Stausee gekühlt

Auch für das Atomkraftwerk Saporischja besteht durch das Absinken des Stausees Gefahr, wenn auch keine akute. Denn das Kraftwerk verfügt über ein eigenes Kraftwerksreservoir, das vom Stausee getrennt ist. Jedoch speist sich das Reservoir aus dem Fluss, so dass der Nachschub bald sichergestellt werden muss. 

Immerhin ist der Wasserbedarf jedoch nicht so groß, da vier der fünf Blöcke des Kernkraftwerks derzeit abgeschaltet sind und nur einer auf einem unterkritischen Niveau betrieben wird. „Der Wasserbedarf für die Nebenkühlung ist gering und kann über längere Zeit aus dem Kraftwerksreservoir bestritten werden“, schreibt Anna Vero Wendland, die Expertin für die ukrainischen Atomkraftwerke ist.

Lesen Sie auch: Ukraine-Krieg: Angst vor einem neuen Tschernobyl! Behörde sieht „sehr reale Gefahr einer nuklearen Katastrophe“ >>

Sie liefert zudem eine weitere Begründung, warum die Sprengung für die Russen durchaus Sinn macht: „Auf jeden Fall wird so ein Teil der ukrainischen Wasserkraft und Kernenergie lange unverfügbar sein, auch wenn die ukrainische Gegenoffensive erfolgreich ist.“