Er ist angekommen: Eine Mutter umarmt auf dem Bahnhof von Lemberg ihren Sohn, der es aus Mariupol heraus geschafft hat. AP/Bernat Armangue

Sie können kaum glauben, dass sie es geschafft haben aus der Hölle, die einmal ihre Heimatstadt war. Mit bangen Blicken schauen die Bewohner von Mariupol aus den Fenstern des Zugs, der sie nach Lwiw/Lemberg in den etwas sichereren Westen der Ukraine bringt. Viele hängen in den überheizten Waggons ihren Gedanken nach an Angehörige, die sie zurücklassen mussten in der Kälte, hungernd, durstig und unter ständigem Bombardement der russischen Truppen.

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„Ich weiß nichts von ihnen“, sagt Marina Galla. „Meine Mutter, Großmutter, Großvater, mein Vater. Sie wissen gar nicht, dass ich weg bin.“ Bei dem Gedanken an sie bricht Galla im Zug in Tränen aus. Ihr Sohn (13) umarmt sie, küsst sie immer wieder, bis das Schluchzen verebbt. Nach Wochen der Entbehrungen mit Bildern, die sie nie wieder aus dem Kopf bekommen wird von Leichen auf den Straßen ihrer Heimatstadt, Wochen, in denen sie Schnee schmelzen musste, weil es kein Wasser gab, wird die Erleichterung immer wieder von dieser Trauer und Ungewissheit verdrängt.

Nach Angaben des Stadtrats von Mariupol ist in der vergangenen Woche rund 40.000 der vor Kriegsbeginn 430.000 Einwohner die Flucht gelungen. Tausende sollen gegen ihren Willen nach Russland gebracht worden sein.

Auch ihnen hätten russische Soldaten an Kontrollposten gesagt, sie sollten lieber in die russisch besetzte Stadt Melitopol oder auf die Krim flüchten, berichten Leute im Zug. Und das, nachdem am Mittwoch ein Theater in Mariupol von den Russen beschossen worden sei, in dessen Keller mehr als 1000 Menschen Zuflucht gesucht hatten. Zuletzt war immer noch nicht klar, ob und wie viele Menschen dort ums Leben gekommen sind. Ebenso wenig gab es Berichte über mögliche Todesopfer in einer ebenfalls beschossenen Kunstschule in Mariupol, in der sich rund 400 Menschen verschanzt hatten.

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Marina Galla und ihr Sohn, der sie in der Eisenbahn tröstet. AP/Bernat Armangue

Auf der stundenlangen Zugfahrt nach Lwiw erzählen die Menschen sich gegenseitig, was sie durchgemacht haben. Galla und ihr Sohn waren drei Wochen lang im Keller des Kulturpalasts von Mariupol. „Kein Wasser, kein Licht, kein Gas, überhaupt keine Möglichkeit zur Kommunikation“, sagt sie. Essen gekocht habe man auf Feuerstellen im Hof, immer in Angst vor dem nächsten russischen Angriff. „Dort gibt es keine Stadt mehr“, sagt Galla.

„Man kann Autos aus Mariupol erkennen. Sie haben kein Glas mehr in den Fenstern“

Auch andere Ukrainer haben viel mitgemacht. Aber im Vergleich zu den Menschen aus Mariupol gehe es ihr noch gut, sagt Jelena Sowtschjuk, die aus Melitopol geflohen ist. Sie habe mit einer Familie aus Mariupol im Abteil gesessen und ihr was zu essen gekauft, sagt sie. Mehr als eine kleine Tasche hatte die Familie nicht dabei. Auf der Straße habe sie Konvois mit Autos aus der belagerten Stadt gesehen, sagt Sowtschjuk. „Man kann Autos aus Mariupol erkennen. Sie haben kein Glas mehr in den Fenstern.“

Ankunft in Lwiw, jener Stadt nahe der Grenze zu Polen, wo geschätzt 200.000 Ukrainer aus anderen Teilen des Landes Schutz gesucht haben. Einige  Passagiere werden von Freunden oder Angehörigen erwartet. Ein Jugendlicher fällt seiner wartenden Mutter in die Arme. In tiefen Schluchzern bricht die Erleichterung aus ihr heraus. Eine ältere Frau mit einem Kopftuch geht alleine weg über den Bahnsteig.

Olga Nikitina (M.) umarmt ihre Schwester, die sie auf dem Bahnhof von Lwiw in Empfang nahm. AP/Bernat Armangue

Olga Nikitinas Haare sind verwuschelt von den stürmischen Umarmungen ihrer Familie. Dass sie es überhaupt aus Mariupol geschafft hat, kann sie selbst nicht glauben. Der Konvoi, in dem sie geflohen sei, sei unter Beschuss gekommen, und davor gab es wochenlang ohne Unterlass russische Angriffe. „Sie haben begonnen, unsere Stadt zu zerstören, komplett, Haus um Haus“, sagt die junge Frau. „Um jede Straße wurde gekämpft. Jedes Haus war ein Ziel.“