Iryna Kalinina, 32, wird von Helfern aus der zerbombten Geburtsklinik in Mariupol getragen. Das Foto ist das World Press Photo des Jahres und wurde von Evgeniy Maloletka geschossen.
Iryna Kalinina, 32, wird von Helfern aus der zerbombten Geburtsklinik in Mariupol getragen. Das Foto ist das World Press Photo des Jahres und wurde von Evgeniy Maloletka geschossen. Evgeniy Maloletka/AP

Es war einer der schlimmsten Tage in Mariupol, keine zwei Wochen nach dem Beginn des großflächigen Angriffskrieges Russlands gegen die Ukraine. In der Stadt am Asowschen Meer, die von der Russischen Armee belagert und eingekreist war, schlugen an diesem 9. März 2022 Bomben in die Abteilung für Geburtshilfe und Gynäkologie Nr. 3 ein, einer Geburts- und Kinderklinik.

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Der Fotograf Evgeniy Maloletka ist vor Ort und macht unmittelbar nach dem Luftangriff Fotos von Verletzten und von der Zerstörung, die sich den Betrachtern bietet. Auch als eine hochschwangere Frau auf einer Bahre aus der bombardierten Entbindungsklinik getragen wird, drückt Maloletka auf den Auslöser.

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Maloletka dokumentierte auch, wie ein Panzer der russischen Armee in Mariupol auf ein Wohnhaus schoss.
Maloletka dokumentierte auch, wie ein Panzer der russischen Armee in Mariupol auf ein Wohnhaus schoss. Evgeniy Maloletka/AP/dpa

Frau auf dem Bild stirbt nach Totgeburt

Welche schrecklichen Details der Fotograf der Weltöffentlichkeit nicht zeigt, berichtet er in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung im Herbst vergangenen Jahres. „Die Frau hat auf der Seite ihres Körpers, die auf dem Foto nicht zu sehen ist, eine klaffende Wunde vom Bauch bis zum Bein. Das sah schrecklich aus“, erzählte er.

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Was man aus dem schrecklichen Foto auch nicht erfährt: Das Kind wird in einer anderen Klinik tot geboren. Eine halbe Stunde später stirbt auch die Mutter, die 32-jährige Irina Kalinina, an ihren Verletzungen. „Die Ärzte versuchten, sie zu retten, aber sie verlor sehr viel Blut, und Irina und ihr Baby konnten nicht gerettet werden“, berichtete Maloletka dem Guardian.

Mann versuchte seine tote Frau zu finden

Ihr Mann Ivan versuchte danach seine Frau zu finden, konnte sie jedoch erst später in der Leichenhalle des Krankenhauses Nr. 2 aufspüren, wie Maloletka berichtet. Er habe sie dann mitgenommen und sie auf einem der Friedhöfe der Stadt beerdigt.

Maloletka blieb in der Stadt, fotografierte noch wochenlang das Leid der Zivilbevölkerung und dokumentierte Kriegsverbrechen der russischen Armee. So hielt er unter anderem auch fest, wie ein Panzer auf ein Wohnhaus schoss. Später fand er heraus, dass zwei alte Frauen darin verbrannten, weil sie die Wohnung nicht verlassen konnten.

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Nun, ein Jahr später, wurde die Bedeutung seiner Bilder gewürdigt. Es erhielt den Preis für das Pressefoto des Jahres. Die Aufnahme der schwangeren Irina auf der Trage fange das durch die russische Invasion in die Ukraine verursachte menschliche Leid ein, sagte der Vorsitzende der Jury des renommierten internationalen Fotowettbewerb „World Press Photo“, Brent Lewis. „Der Tod von beiden, der schwangeren Frau und des Kindes, fasst sowohl viel von diesem Krieg als auch von der möglichen Absicht Russlands zusammen. Wie ein Mitglied der Jury sagte: Es ist, als versuchten sie die Zukunft der Ukraine zu töten.“

Evgeniy Maloletka Maloletka bei der Auszeichnung mit dem renommierten Preis am Donnerstag in Amsterdam.
Evgeniy Maloletka Maloletka bei der Auszeichnung mit dem renommierten Preis am Donnerstag in Amsterdam. Peter Dejong/AP

Maloletka: „Bilder das beste Mittel gegen russische Desinformation“

Seine Fotos sieht Maloletka, der aus dem ukrainischen Berdjansk stammt, das derzeit von Russland besetzt ist, auch als Weg, mit dem Erlebten fertig zu werden. „Der beste Weg für mich ist, einfach weiterzuarbeiten. Und mir selbst zu versichern: Du bist ein Soldat im Kampf gegen die Propaganda. Indem du hilfst, Fakten zu den Leuten zu bringen“, sagte er der Süddeutschen. So seien seine Bilder das beste Mittel gegen russische Desinformation.

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Russland hatte nach der Veröffentlichung der Aufnahmen aus der Geburtsklinik versucht, die Ukraine an den Pranger zu stellen. So behauptete die Kreml-Propaganda im Gebäude seien ukrainische Soldaten stationiert gewesen. Später behaupteten sie zudem, man habe die Bilder nur inszeniert. „Ich denke, meine Fotos zeigen deutlich, was die Wahrheit ist“, sagte Maloletka.