Der „Mix Markt“ in Berlin-Marzahn – ein Teffpunkt von Russen in Berlin. dpa/Paul Zinken

Die Stimmung wirkt entspannt im „Mix Markt“ in Berlin-Marzahn. In dem russischen Supermarkt läuft englische Musik, Kunden stöbern zwischen Pelmeni, Semetschki und Krabowie Palozki. Über den Ukraine-Krieg will hier kaum jemand reden, den eigenen Namen nennen schon gar nicht. „Meine Familie und ich haben schon Angst“, sagt eine ältere Frau aus Russland, die in Marzahn lebt. „Meine Tochter hat zu mir gesagt, ich soll in der Bahn lieber kein Russisch sprechen.“ Auch sie möchte namenlos bleiben.

Lesen Sie auch: Russen-Report zum Krieg in der Ukraine abgefangen: Geheimdienst spricht von „Totalversagen“ – Putin frustriert, Stimmung im Kreml am Boden! >>

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine wird immer häufiger von Anfeindungen gegen in Deutschland lebende Russen berichtet. Zuletzt forderte die russische Botschaft die Bundesregierung auf, ein politisches Signal gegen zunehmende Drohungen, Hassbotschaften und Übergriffe zu setzen. Doch es gibt auch die andere Seite: Nicht wenige Russen in Deutschland sehen Wladimir Putin kritisch und sind unendlich erleichtert, hier in Sicherheit zu sein.

Lesen Sie auch: Womit Sie die Menschen in der Ukraine sinnvoll unterstützen können (und womit besser nicht) >>

„Putin ist völlig verrückt geworden“

„Es ist ja offensichtlich, dass Putin völlig verrückt geworden ist“, sagt der russische Journalist Mikhail Kaluzhskii, der seit 2015 mit seiner Familie in Berlin lebt. Vor Wochen hatte dpa schon einmal mit ihm gesprochen über seine Gründe, Russland zu verlassen: der Nationalismus nach der russischen Annexion der Krim 2014, der Druck auf die Opposition, Anfeindungen gegen seine Arbeit für ein Theaterprogramm in Moskau. Jetzt sagt Mikhail im Interview, er wolle eine klare Botschaft an Deutschland senden: Es gibt Russen, die sich Putins Linie widersetzen.

Journalist Mikhail Kaluzhskii flüchtete schon 2015 aus dem Putin-Russland. dpa/Gateau

Seine Frau und er hätten in den vergangenen Tagen eine ukrainische Freundin und deren Sohn aufgenommen, die kurz vor Ausbruch des Kriegs aus Angst Kiew verließen. Die beiden seien inzwischen weitergereist, doch gebe es immer neue Anfragen von Freunden und Bekannten, sagt Mikhail. Ukrainer, die vor dem Krieg auf der Flucht seien, aber auch Russen, die raus wollten aus Putins Reich. Da es inzwischen kaum noch Flüge gebe, reisten sie über Istanbul oder Dubai und mit dem Zug oder Bus über Finnland oder das Baltikum.

In der Öffentlichkeit besser nicht Russisch sprechen

Er sei rund um die Uhr beschäftigt mit diesem Krieg, sagt der 54-Jährige. Spannungen mit Deutschen oder auch mit Ukrainern in Berlin habe er noch nicht erlebt. Auch sein zwölfjähriger Sohn habe nichts dergleichen aus der Schule berichtet. Aber Bekannte hätten erzählt, sie hielten sich jetzt zurück, in der Öffentlichkeit Russisch zu sprechen. Die Sorge scheint nicht ganz unbegründet. Nach einer Umfrage des ARD-Magazins Report registrierten Innenministerien und Polizeipräsidien bundesweit seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine Straftaten gegen russischsprachige Menschen, darunter vereinzelte Angriffe sowie Sachbeschädigungen gegen russische Geschäfte wie beschmierte Schaufenster.

Die russische Botschaft in Berlin berichtete sogar, binnen drei Tagen hätten sich Hunderte Landsleute in Deutschland über Drohungen und Hassbriefe beklagt. Autos mit russischen Kennzeichen seien beschädigt worden, es gebe Beschimpfungen, Mobbing, körperliche Übergriffe. Botschafter Sergej Netschajew schickte laut Agentur Interfax deshalb eine Note an das Auswärtige Amt und forderte „starke Signale der deutschen Regierung, um diese Diskriminierung zu beenden“.

„Es ist nicht der Krieg der Menschen mit russischen Wurzeln, die in Deutschland leben.“

Deutsche Politiker nehmen die Berichte offenkundig ernst. Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) kritisierte Anfeindungen gegen russische oder belarussische Bürger auf Twitter. Innenministerin Nancy Faeser (SPD) sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Der entsetzliche Angriffskrieg gegen die Ukraine ist Putins Krieg. Es ist nicht der Krieg der Menschen mit russischen Wurzeln, die in Deutschland leben.“ Oppositionsführer Friedrich Merz (CDU) äußerte sich ähnlich.

Erwartbar ist wohl, dass die Menschen dünnhäutiger werden, je länger der Krieg dauert und je mehr ukrainische Flüchtlinge auch nach Deutschland kommen. Vor dem Krieg lebten nach Angaben des Statistischen Bundesamts gut 235.000 russische und 135.000 ukrainische Staatsbürger in der Bundesrepublik. Daneben gab es 2020 laut Statistik 298.000 deutsch-russische Doppelstaatler, 24.000 Menschen hatten zugleich die deutsche und die ukrainische Staatsbürgerschaft. Die Zahl der russischsprachigen Zuwanderer ist aber viel höher - Experten schätzen sie auf 2,2 Millionen.

„Wir kennen die ganze Geschichte nicht“

Viele Migranten mit russischen Wurzeln kamen als Spätaussiedler oder jüdische Kontingentflüchtlinge, andere zum Arbeiten. Einige haben die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Gruppe ist also alles andere als einheitlich. Im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf etwa leben Tausende Spätaussiedler, von denen bei weitem nicht alle Putin-kritisch eingestellt sind. Viele hielten bisher über russische Staatsmedien Verbindung zur früheren Heimat. Manche wollen sich einfach raushalten aus der Politik.

„Viele denken, die Menschen in Russland können einfach auf die Straße gehen und etwas dagegen machen, aber das funktioniert da nicht“, sagt eine zierliche Frau Anfang zwanzig vor dem „Mix Markt“ – auch sie will ihren Namen nicht nennen. Natürlich sei sie gegen Krieg, aber sie wolle sich nicht auf die russische oder ukrainische Seite stellen. „Wir kennen die ganze Geschichte nicht, wer hat recht, wer nicht oder was ist alles passiert.“ Bislang habe sie keine Anfeindungen erlebt, sagt sie. „Ich möchte mich aber auch nicht verstecken.“

Eine Frau Mitte 30 sagt es so: „Wir leben seit über 20 Jahren in Marzahn, aber es ist immer so, in Russland bist du der Deutsche und in Deutschland bist du der Russe.“ Sie mache sich Gedanken um die Menschen, die in Russland leben und jetzt Probleme bekommen, obwohl sie gegen den Krieg sind. „Wir wissen auch nicht, was wir denken oder glauben sollen, aber niemand will Krieg.“