Verdunkelung in der Kinderklinik von Cherson, nur ein Handy gibt Licht für die drei Mitarbeiterinnen, die sich um die Waisen kümmern.
Verdunkelung in der Kinderklinik von Cherson, nur ein Handy gibt Licht für die drei Mitarbeiterinnen, die sich um die Waisen kümmern. AP, Bernat Armangue

Nur Stunden nach dem Einmarsch der ersten russischen Soldaten Ende Februar in die Ukraine begannen Olga Piljarska und ihr Team mit geheimen Rettungsplänen: Die Mitarbeiter des Kinderkrankenhauses von Cherson fälschten Akten und ersannen Geschichten, um Babys in ihrer Obhut vor einer befürchteten Verschleppung durch Russen zu bewahren. 

„Wir haben falsche Angaben gemacht, dass die Kinder zu krank seien und nicht transportiert werden könnten“, sagt Piljarska, die Leiterin der Intensivstation. Natürlich hätten sie Angst gehabt, als sie  Krankheiten für elf ausgesetzte Babys in der Klinik erfanden.

Die angeblich schwerstkranken Kleinen mussten nicht an ein Waisenhaus weitergegeben werden, von wo aus sie hätten verschleppt werden können. Ein Baby hatte auf dem Papier  Blutungen an der Lunge. Ein anderes „unkontrollierbare Krämpfe“, ein drittes brauchte „künstliche Beatmung“. Eine Krankenschwester adoptierte kurzerhand eines der Kinder.

Hier spielt keiner mehr: Das Waisenhaus von Cherson.
Hier spielt keiner mehr: Das Waisenhaus von Cherson. AP/Bernat Armangue

Chef eines Reha-Zentrums versteckte 52 Kinder vor den Russen

Im Dorf Stepaniwka bei Cherson war es der Leiter eines Reha-Zentrums, der Papiere fälschte, um 52 verwaiste oder anderweitig gefährdete Kinder zu verstecken. Wolodymyr Sahaidak brachte zudem einige der Jungen und Mädchen bei sieben seiner Mitarbeiter unter, andere wurden zu entfernten Verwandten geschickt oder blieben bei ihm. „Es schien, als ob mir meine Kinder einfach weggenommen würden, wenn ich sie nicht verstecken würde.“

Nach der Besetzung des mittlerweile zurückeroberten Chersons und weiter Teile der Region begannen die russischen Soldaten, Waisenkinder an den Kontrollpunkten auszusortieren. Aber Sahaidak ließ sich etwas einfallen. In einem Fall fälschte er die Unterlagen einer Gruppe von Kindern so, dass aus ihnen beispielsweise hervorging, dass die Kinder nach ihrem Krankenhausaufenthalt von ihrer „Tante“ zur „Mutter“ gebracht würden, die im neunten Monat schwanger auf sie warte.

Russland soll versuchen, ukrainische Gebiete zu entvölkern

Das Institut für Kriegsstudien in Washington spricht von einer gezielten Entvölkerungskampagne in den besetzten Teilen der Ukraine und wirft Russland vor, unter dem Vorwand medizinischer Rehabilitation und unter dem Deckmantel von Adoptionsprogrammen Kinder zu deportieren, um sie in Russland oder in russisch besetzten Gebieten als „russische“ Kinder aufzuziehen. Mindestens tausend Kinder wurden nach Angaben der örtlichen Behörden allein während der achtmonatigen russischen Besetzung der Region Cherson verschleppt.

Die russischen Behörden wiederum erklären, sie brächten Kinder nach Russland, um sie vor Feindseligkeiten zu schützen. Verschleppt werde niemand, man suche auch nach Verwandten elternloser ukrainischer Kinder, um sie möglichst nach Hause zu schicken.

Die Bettchen im Waisenhaus von Cherson sind leer, die Kinder weg, vielleicht auf die Krim verschleppt.
Die Bettchen im Waisenhaus von Cherson sind leer, die Kinder weg, vielleicht auf die Krim verschleppt. AP/Bernat Armangue

Aus dem Waisenhaus in Cherson – wo die Kinderklinik die elf Babys hätte hinschicken müssen – wurden allein im Oktober etwa 50 Kinder geholt und womöglich auf die russisch annektierte Krim gebracht, wie ein Wachmann und Nachbarn berichten. 

Geheim-Aktion: 15 Kinder befreit

Galina Lugowa, Leiterin der ukrainischen Militärverwaltung von Cherson: „Wir wissen nicht, wo die Kinder aus den Waisenhäusern oder aus unseren Bildungseinrichtungen sind.“ Es gibt nur wenige Ausnahmen. Im Juli hätten Russen 15 Kinder aus dem Frontgebiet erst in sein Reha-Zentrum gebracht und dann weiter nach Russland, sagt Wolodymyr Sahaidak. Mit Hilfe von Freiwilligen sei es heimlich gelungen, sie ausfindig zu machen und nach Georgien zu holen.