Small Talk vor den Arbeitsrunden: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, der Schweizer Bundespräsident Ignazio Cassis und Denys Schmyhal, Premier der Ukraine.
Small Talk vor den Arbeitsrunden: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, der Schweizer Bundespräsident Ignazio Cassis und Denys Schmyhal, Premier der Ukraine. AFP/Alessandro della Valle

Es wird geschossen, geschossen, geschossen – ganze Städte im Osten der Ukraine werden von russischer Artillerie in Schutt und Asche gelegt. Dennoch kamen am Montag im schweizerischen Lugano die Vertreter von 40 Dutzend Staaten und 20 internationalen Organisationen zusammen, um über die Hilfe beim Wiederaufbau des Landes zu sprechen. Am Dienstag soll eine „Deklaration von Lugano“ die Ergebnisse zusammenfassen.

An der Konferenz – geschützt von Soldaten, Flak, Panzersperren und Sperrballons – nehmen unter anderem  die Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen, und Entwicklungsministerin Svenja Schulze (SPD) teil. Die Ukraine wird von Ministerpräsident Denys Schmyhal vertreten, Präsident Wolodymyr Selenskyj wurde aus Kiew zugeschaltet.

Ukrainer rechnen mit einer dreiviertel Billion Dollar Kosten für den Wiederaufbau

Die Ukrainer stellten mit einem mehrere hundert Seiten dicken Papier dar, dass sie den Wiederaufbau ihres kriegszerstörten Landes zu einem großen Teil mit russischem Geld finanzieren wollen.

Nötig seien geschätzt mindestens knapp 750 Milliarden Dollar (720 Milliarden Euro), sagte Schmyhal. Der Wiederaufbau sei eine „gemeinsame Aufgabe der zivilisierten Welt“, erklärte Selenskyj per Videoschalte.

Herangezogen werden sollten die rund 300 bis 500 Milliarden Dollar Vermögenswerte des russischen Staates und von Oligarchen, die weltweit eingefroren seien, sagte Schmyhal. Sein Land habe schon Infrastruktur im Wert von 100 Milliarden Dollar verloren.

Erst Hilfe koordinieren, dann Geld einsammeln

Bei der Wiederaufbau-Konferenz geht es noch nicht darum, Geld einzusammeln.  Zunächst soll geklärt werden, was am dringlichsten erledigt werden muss, wer was finanziert und organisiert.

Die schweizerische Armee hat auch Flak zum Schutz der Wiederaufbau-Konferenz aufgeboten.
Die schweizerische Armee hat auch Flak zum Schutz der Wiederaufbau-Konferenz aufgeboten. dpa/KEYSTONE/TI-PRESS/Massimo Piccoli

Markus Berndt von der Europäischen Investitionsbank: „Wenn man nicht gut koordiniert, fördern alle dieselbe Brücke und niemand baut das Krankenhaus wieder auf, das womöglich dringender benötigt wird.“ Die Ukraine brauche Hilfe, um die Grundversorgung mit Wasser, Abwasser, Müllentsorgung, Energie und digitaler Vernetzung zu sichern und die ökonomische Stabilität zu gewährleisten. „Sonst bricht die Wirtschaft komplett zusammen.“

Getreidesilos als wichtigstes Neubauprojekt

Für Josef Schmidhuber von der UN-Agrarorganisation FAO hat ein Projekt Vorrang: Der Bau von Getreidesilos an der ukrainisch-polnischen Grenze. Sie könnten von ukrainischen Waggons beschickt werden, polnische Bahnen könnten das Getreide auf der anderen Seite laden. Damit umgehe man das Problem unterschiedlicher Spurbreiten, bringe den ukrainischen Bauern Einnahmen für die nächste Aussaat und könne weltweit drohende Hungersnöte mildern.

Die Ukraine könne 20 Millionen Tonnen Getreide wegen der russischen Blockade nicht über das Schwarze Meer verschiffen, demnächst kämen 50 Millionen neue Ernte hinzu. Silos gebe es aber nur für 60 Millionen Tonnen.