Wladimir Putin am Grab des Unbekannten Soldaten an der Kreml-Mauer. Die Sowjetunion verlor im Zweiten Weltkrieg 27 Millionen Menschen, darunter acht Millionen Ukrainer. dpa/SPUTNIK/Anton Novoderezhkin

Nichts Neues aus Moskau: Bei der Militärparade anlässlich des Sieges über Deutschland 1945 verteidigte der russische Präsident Wladimir Putin den Angriff auf die Ukraine. An dem sei die Erweiterung der Nato schuld. „Russland hat präventiv die Aggression abgewehrt, das war die einzig richtige Entscheidung“, sagte Putin am Montag auf dem Roten Platz. Er warf dem Westen einmal mehr vor, „Neonazis“ in der Ukraine bewaffnet zu haben. Die vielfach erwartete Ankündigung einer Generalmobilmachung wegen mangelhafter militärischer Erfolge in der Ukraine blieb jedoch aus.

Prag: Sinnlos, sich gegen Putins viele Lügen zu verwehren

Der tschechische Ministerpräsident Petr Fiala warf Putin nach dessen Rede vor, Geschichte und Gegenwart gezielt zu verdrehen. „Es ist sinnlos, sich gegen jede einzelne Lüge zu verwehren, die in Moskau zu hören war“, sagte der Regierungschef am Montag.

Putin sah sich offenbar genötigt, auf die Vielzahl der Gefallenen in der Ukraine zu reagieren.  Für Angehörige von Toten und Verwundeten soll es materielle Hilfen geben. Kinder von Soldaten, die am Überfall auf die Ukraine beteiligt waren, Anspruch auf zehn Prozent der Studienplätze an staatlichen Hochschulen bekommen. Sie müssen keine Aufnahmeprüfung ablegen. Das soll auch bei Kadetten- und Militärschulen gelten, Russland braucht offenbar viele Soldaten.

Atomraketen wurden in der Parade auf dem Roten Platz Moskaus vorgeführt. imago/Sputnik/Alexey Maishev

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Über die Zahl der Gefallenen auf russischer Seite gibt es keine Klarheit. Die Ukraine spricht von weit über 20.000 toten Angreifern seit Kriegsbeginn am 24. Februar, die letzte offizielle russische Zahl von 1351 ist Wochen alt. Nach westlichen Geheimdienstmeldungen sind die ukrainischen Zahlen zu hoch, lägen aber deutlich dichter an der Wahrheit.

Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu nahm die Parade in einem russischen Staats-Kabriolet ab. imago/Alexey Maishev
Schoigus Soldaten erleiden dagegen den Tod, wenn die Ukrainer ihre Panzer zu „Cabrios“ zerschießen. dpa/SOPA Images über ZUMA Press Wire

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Die  Moskauer Parade mit Panzern, Raketen und jeder Menge Soldaten hatte ohne Überflug von Hubschraubern und Kampfjets stattgefunden. Das Wetter hatte nicht mitgespielt. Die Jäger sollten ein „Z“ am Himmel bilden, Symbol der „militärischen Spezialoperation“, wie Russland seinen Krieg nennt. Im ganzen Land hatte es Paraden gegeben, in vielen fielen die Flug-Shows aus. In Wolgograd dagegen gab es Düsenlärm.

Putin sonnt sich im Glanz eines Sieges vor 77 Jahren

Putin hat den 9. Mai wieder zu einem der wichtigsten russischen Feiertage gemacht, will sich im  Glanz des Sieges im „Großen Vaterländischen Krieg“ 1941 bis 1945 sonnen. Er unterschlägt dabei, dass die Sowjetunion schon am 17. September 1939 in Polen eingefallen war und die Hälfte des Landes okkupierte. Die andere Hälfte hatte Deutschland seit Kriegsbeginn am 1. September 1939 erobert.

Die Aufteilung ging auf Verträge zwischen Hitler und Stalin zurück, nach denen am Ende die drei baltischen Staaten, Ostpolen, Teile Finnlands und Bessarabien (heute in etwa die Republik Moldau) der UdSSR zugeschlagen wurden. Das Einvernehmen endete mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941.

Gegenwärtig ist das triumphale Auftreten der russischen Armee durch schmähliche Rückzüge im Norden der Ukraine und weitgehenden Stillstand des Angriffs im Osten getrübt. Unmittelbar nach der Rede sollen russische Truppen erneut mit Artillerie die Ukrainer angegriffen und Raketen auf Odessa abgefeuert haben.

Präsident der Ukraine erwartet Sieg über Putins Truppen

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj äußerte sich ebenfalls zum Kriegsende 1945 und dem laufenden Krieg: „Unser Feind träumte davon, dass wir darauf verzichten, den 9. Mai und den Sieg über den Nationalsozialismus zu feiern.“ Man lasse aber nicht zu, dass der Sieg von jemandem vereinnahmt werde.  Mehr als acht Millionen Ukrainer seien im Zweiten Weltkrieg umgekommen.

So wie damals die Rote Armee die  Städte Donezk, Luhansk, Mariupol, Cherson, Melitopol, Berdjansk und die Halbinsel Krim von den Deutschen befreit hätte, würden auch die heutigen Besatzer vertrieben werden. Moskau werde so enden wie das Hitler-Regime. „Und schon bald werden wir in der Ukraine zwei ‚Tage des Sieges‘ haben.“  Samt Parade.

Briten fordern: Putin muss vor ein Kriegsverbrechertribunal

Der britische Verteidigungsminister Ben Wallace hat Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine mit den Nazi-Gräueltaten verglichen. In einer Rede am Montag forderte Wallace, dass Putin und seinen Generälen ein Prozess vor einem internationalen Kriegsverbrechertribunal gemacht wird, so wie der Nazi-Führung nach dem Zweiten Weltkrieg in Nürnberg.

Mit ihrer Invasion in der Ukraine spiegelten Putin, sein engster Kreis und seine Generäle nun den Faschismus und die Tyrannei von damals wider und wiederholten die Fehler der totalitären Regime des letzten Jahrhunderts, befand Wallace: „Ihr Schicksal muss ebenfalls dasselbe sein.“ Russlands Opfer der Vergangenheit dürften nicht vergessen werden, „aber auch nicht die Lehren, was den Tätern solch nicht provozierter Brutalität bevorsteht.“

Wallace warf Putin „märchenhafte Behauptungen“ vor. „Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man sich amüsieren“, sagte er. Weder bedrohe die Nato Russland, noch gebe es Nato-Stützpunkte in der Ukraine. „Ich denke, er glaubt, was er glauben will – ein leichter Schein der Verzweiflung.“

Putin hält unterdessen trotz aller Rückschläge an seinen Eroberungs- und Unterwerfungsplänen fest und vertraut seiner Armee: „Die Jungs verhalten sich mutig, heldenhaft, professionell. Alle Pläne werden erfüllt, das Ergebnis wird erreicht werden. Daran besteht kein Zweifel“, sagte er am Montag laut der Nachrichtenagentur Interfax  dem Vater eines getöteten prorussischen Separatisten aus der Ostukraine.