Anastasia Mintschukowa (r.) legt sich einen Schutzanzug und ein Visier an. Sie gehört zu einer Gruppe ukrainischer weiblicher Einsatzkräfte, die eine Spezialausbildung in der Kampfmittelbeseitigung und eine Vermessungsausbildung absolvieren. dpa/Visar Kryeziu

Vor wenigen Wochen unterrichtete Anastasia Mintschukowa noch Englisch, jetzt lernt sie, tödliche Sprengstoffe zu beseitigen, außerhalb ihres Heimatlandes, der Ukraine: Im Kosovo, wo Ende der 90er Jahre 13.000 Menschen im Krieg starben.

Anastasia Mintschukowa trägt eine blaue Schutzschürze und ein Visier - nicht ihre normale Arbeitskleidung. Vor dem russischen Angriffskrieg auf ihr Land war die 20-jährige Ukrainerin Englischlehrerin. Seit Montag nimmt sie zusammen mit anderen Frauen aus ihrer Heimat an einem Training für Kampfmittelbeseitigung teil - und zwar im Kosovo, einem Land, das nur allzu vertraut ist mit dem Beseitigen tödlicher Sprengstoffe.

Sie lernen, Sprengstoff in der Ukraine zu orten, zu identifizieren und unschädlich zu machen

„Es gibt viele Wege zu kämpfen“, sagt Mintschukowa. In der Ukraine gebe es seit Beginn des Krieges eine „Riesennachfrage nach Menschen, die sich mit Minenräumung auskennen“, berichtet sie. „Der einzige Grund für mein Hiersein ist, meinem Land zu helfen.“

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Artur Tigani (l), Ausbilder für Minenräumung, unterrichtet eine Gruppe ukrainischer weiblicher Einsatzkräfte in der Beseitigung explosiver Sprengstoffe und Vermessungsschulung.

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In Peja im Westen des Kosovo lernen die ukrainischen Frauen, wie man Sprengstoff ortet, identifiziert und entschärft. Organisiert wird der Kurs von der Nichtregierungsorganisation (NGO) Mines Awareness Trust (MAT). Das Training wurde eigens als Reaktion auf die russische Invasion der Ukraine organisiert und konzentriert sich auf russische und sowjetische Waffen wie Lenkmunition, Minen und Raketen.

Der Kosovo sei wegen seiner Geschichte als Trainingsort gewählt worden, sagt Chefausbilder Artur Tigani der Nachrichtenagentur AFP. „Wir haben eine ziemlich ähnliche Situation durchgemacht, insbesondere hinsichtlich der Kontaminierung mit Blindgängern.“

Im Kosovo gab es nach dem Krieg 4500 Minenfelder, 13.000 Menschen starben

Etwa 13.000 Menschen starben Ende der 1990er Jahre im Kosovokrieg zwischen serbischen Truppen und albanischen Kämpfern. Nach Kriegsende gab es in der früheren serbischen Provinz US-Schätzungen zufolge noch 4500 Minenfelder. Mit internationaler Hilfe wurden die meisten Minen inzwischen geräumt. Ausbilder aus dem Kosovo haben seitdem Trainingskurse unter anderem in Syrien, dem Irak und Libyen abgehalten.

Der Kurs, an dem Mintschukowa und sieben weitere Ukrainerinnen seit Montag teilnehmen, ist der erste seiner Art seit Beginn der russischen Invasion im Februar. Kateryna Grybinitschenko entschied sich für die Teilnahme, nachdem ihre Heimatstadt Slowjansk in der Donbass-Region im Osten der Ukraine bombardiert wurde.

Alle Kursteilnehmerinnen sind hunderte Kilometer gereist, um von den Experten zu lernen. Auch Männer können theoretisch teilnehmen, jedoch dürfen männliche Ukrainer zwischen 18 und 60 Jahren ihr Land derzeit nicht verlassen.

Ukrainerinnen wollen ihre Sprengstoff-Fertigkeiten dort einsetzen, wo russische Truppen vertrieben wurden

Nach dem Training wollen die Frauen Mitte Mai in die Ukraine zurückkehren und ihre Fähigkeiten dort einsetzen, wo russische Truppen vertrieben wurden oder sich zurückgezogen haben. Ihnen ist bewusst, welch große Herausforderungen sie in der Ukraine erwarten. Sie habe beim Reisen in der Ukraine „die riesigen Mengen zurückgelassener Munition und Blindgänger gesehen, die am Boden rumlagen“, sagt die 36-jährige Grybinitschenko.

Es wird angenommen, dass es Jahrzehnte dauern könnte, die Ukraine von Kampfmitteln zu befreien. Perrine Benoist von der Nichtregierungsorganisation Handicap International sagt, es werde „50 Jahre brauchen, um alles wegzuräumen“.

Mintschukowa weiß um die Gefährlichkeit der Aufgabe, die sie und ihre Mitstreiterinnen auf sich nehmen wollen. Doch sie gibt sich selbstbewusst: „Ich bin dafür bereit. Ich bin eine Ukrainerin. Ich habe keine Angst vor irgendetwas.“