Menschen aus der Ukraine kommen am Bahnhof von Przemysl in Polen an. Petr David Josek/AP/dpa

Die letzten 15 Kilometer bis ins rettende Polen ging Halina Drohantschuk mit ihren drei Kindern zu Fuß. Jetzt steht sie auf einem wuseligen Parkplatz auf der polnischen Seite des Grenzübergangs Medyka-Schehyni. Das jüngste Kind, die dreijährige Sofia, sitzt in einem Buggy. Die beiden Söhne Bogdan (12) und Viktor (11) haben ihre Schulrucksäcke und Turnbeutel geschultert. „Vielleicht helfen uns gute Menschen“, sagt Halina. Am Vorabend ist die 37-Jährige in der westukrainischen Stadt Lwiw aufgebrochen, auf der Flucht vor der russischen Invasion in die Ukraine. Ihr Mann Iwan, der sie ein Stück mit dem Auto gebracht hatte, musste zurückbleiben. „Sie lassen ihn nicht raus, er ist im wehrfähigen Alter.“

Lesen Sie auch: Mehr Impfnebenwirkungen als gedacht? Eine Krankenkasse schlägt Alarm>>

Medyka-Schehyni ist einer von zwei Grenzübergängen in der Nähe der ostpolnischen Kleinstadt Przemysl. Zu Fuß und mit dem Auto kommen viele Flüchtlinge hier an, auf der ukrainischen Seite der Grenze haben sich lange Staus gebildet.

Flüchtlinge kommen nach Polen

Auf bis zu vier Millionen Flüchtlinge aus der Ukraine stellen sich die Vereinten Nationen ein, sollte sich die Situation weiter verschlechtern. Schon jetzt seien Tausende über die Grenzen in Nachbarländer wie Polen, Moldau, die Slowakei und auch Russland geströmt, heißt es vom UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR. Die Innenminister der 27 EU-Staaten wollen am Wochenende zu einem Krisentreffen zusammenkommen.

Noch ist die Lage in Medyka-Schehyni unter Kontrolle. Polen hat sich schon seit längerem auf die Aufnahme von Flüchtlingen aus dem östlichen Nachbarland vorbereitet. In sozialen Medien informiert die Regierung in Warschau, dass jeder aufgenommen wird, der vor einem bewaffneten Konflikt in die Ukraine flieht. „Wenn du keinen organisierten Aufenthaltsort in der Ukraine hast, begib dich an einen Erstaufnahmepunkt“, heißt es dort. Der Aufnahmepunkt helfe mit warmem Essen, medizinischer Versorgung und der Organisation einer Notunterkunft.

Auch auf dem Parkplatz beim Grenzübergang Medyka-Schehyni steht ein Bus bereit, der die Flüchtlinge an einen Aufnahmepunkt bringen soll. Davor bieten freiwillige Helfer Tee, Kaffee und Butterbrote an.

Lesen Sie auch: Tränen, Angst und widerliche Dumpfbacken-Sprüche: So reagieren Promis auf den Krieg in der Ukraine – von Liliana Matthäus über Oliver Pocher und Beatrice Egli bis Jana Ina Zarrella!>>

„Krakau - kostenlos“ hat Denys auf ein Pappschild gemalt. Der 37-jährige stammt selbst aus der Ukraine, lebt aber seit anderthalb Jahren in Polen. Am frühen Morgen hat er den spontanen Entschluss gefasst, von Krakau an die Grenze zu fahren und zu helfen. „Ich habe einen Pkw, kann vier Leute mitnehmen. Am liebsten wäre mir eine Frau mit Kindern, die es schwer hat.“

Viele allein reisende Frauen sind auf der Flucht

Es sind viele alleinreisende Frauen mit Kindern hier zu sehen, die ihre Männer wegen der Generalmobilmachung in der Ukraine zurücklassen mussten. Sie schieben Kinderwagen und Buggys, schleppen Rucksäcke, wuchten Rollkoffer in die Gepäckabteile der Kleinbusse.

Lesen Sie auch: Krieg in der Ukraine: Was wir der Angst sagen>>

Manche können auf private Hilfsangebote von Polen zählen. So wie Halina Tsykwas-Galina, die mit ihren drei Kindern Oleg, Juri und Maksim nach Wroclaw (Breslau) weiterreisen will. „Vor 20 Jahren habe ich dort für eine polnische Familie geputzt. Die haben eine Wohnung für uns, wollen mir Arbeit besorgen“, erzählt die Managerin einer Gebrauchstextilien-Kette aus Lwiw.

Ukrainer wollen ihr Land verteidigen

Während immer mehr Frauen und Kinder aus der Ukraine über den Grenzübergang nach Polen strömen, sind einige durchtrainierte Männer in die andere Richtung unterwegs. Wladimir (41) und sein Kollege Alexander (25) marschieren mit strammem Schritt, sie tragen neue Outdoor-Bekleidung, Stiefel und Militärrucksäcke.

Lesen Sie auch: Putins Angriffskrieg in der Ukraine: DIESE russischen Demo-Helden machen uns Hoffnung >>

Ihre Holzfäller-Jobs in Estland haben sie hingeworfen, erzählen die beiden Männer aus Tschernihiw im Norden der Ukraine. Wladimir zeigt seine Erkennungsmarke. „Ich war Unteroffizier, habe im Donbass gekämpft.“ Jetzt will er wieder an die Front. „Wir müssen uns das zurückholen, was uns gehört.“