Auf diesem Bild, das aus einem Video des staatlichen ukrainischen Notdienstes stammt, steht das Einkaufszentrum nach einem Raketenangriff in Flammen.
Auf diesem Bild, das aus einem Video des staatlichen ukrainischen Notdienstes stammt, steht das Einkaufszentrum nach einem Raketenangriff in Flammen. dpa/Ukrainian State Emergency Service

Die Wahrheit stirbt im Krieg immer zuerst, heißt es: Medien verweisen auch bei Angaben der ukrainischen Regierung und Armee darauf, dass Angaben nicht unabhängig zu überprüfen seien. Russland hingegen setzt Desinformation gezielt ein, um die Öffentlichkeit in die Irre zu führen. Mitunter sind die Lügen selbst der höchsten Politiker und Militärs des Landes so eklatant, dass sie mit öffentlich zugänglichen Quellen offengelegt werden können.

Russischer UN-Diplomat nennt Raketenangriff auf Einkaufszentrum ukrainische Inszenierung

Beim Raketenangriff auf ein Einkaufszentrum im zentralukrainischen Krementschuk gibt es zunächst objektiv feststellbare Fakten: Es hat diesen Angriff gegeben, zahlreiche zivile Opfer sind dabei ums Leben, viele weitere teils schwer verletzt worden. Dessen ungeachtet sprach der stellvertretende UN-Botschafter Russlands, Dmitri Poljanski, von einer „neuen ukrainischen Provokation im Stil von Butscha“. Trotz zahlreicher Beweise hatte Moskau die festgestellten Tötungen ukrainischer Zivilisten im Kiewer Vorort Butscha durch russische Truppen stets als angebliche Inszenierung abgetan. Zu Krementschuk behauptete Poljanski nunmehr bei Twitter ohne nähere Erläuterung, es gebe „zu viele auffällige Unstimmigkeiten“.

Laut ukrainischen Angaben kamen in dem Einkaufszentrum mehr als 20 Menschen ums Leben. Mehr als 40 weitere Menschen werden demnach vermisst. Das russische Verteidigungsministerium teilte wiederum am Dienstag ohne Belege mit: Das Einkaufszentrum sei gar nicht mehr in Betrieb gewesen. Doch Beiträge von örtlichen Geschäften in den sozialen Medien erwecken einen anderen Eindruck.

Mehrere Geschäfte im Einkaufszentrum von Krementschuk hatten kurz vor Angriff um Kunden geworben

Behauptung: In Krementschuk sei durch den Raketenangriff lediglich ein „nicht mehr betriebenes Einkaufszentrum“ zerstört worden.

Bewertung: Unbelegt – und mutmaßlich falsch.

Fakten: Einträge in den sozialen Medien und auf Online-Plattformen zeigen: Geschäfte im Einkaufszentrum „Amstor“ haben bis vor wenigen Tagen oder Wochen um Kunden geworben oder über ihre Aktivitäten dort berichtet.

Noch am 24. Juni veröffentlichte etwa das Herren-Bekleidungsgeschäft „Town“ einen Beitrag auf Facebook. Darin warb der Laden für Herrenhemden und verwies auf die Filiale im „Amstor“-Einkaufszentrum.

Ein Elektronikhändler aus Krementschuk postete im Juni beim Kartendienst Google Maps Fotos seiner Filiale im Einkaufszentrum. Eine andere ukrainische Elektronikkette schrieb nach dem Angriff, dass ein Mitarbeiter ihrer dortigen Filiale getötet worden sei.

In sozialen Medien kursierte Behauptung, „Amstor“-Einkaufszentrum sei „dauerhaft geschlossen“

Die Supermarktkette „Silpo“ verweist auf ihrer Webseite ebenfalls auf Öffnungszeiten der Filiale im Einkaufszentrum in Krementschuk von 8 bis 21 Uhr. Am Montagabend schrieb „Silpo“ auf seiner Instagram-Seite, nach dem Raketenangriff auf Krementschuk befänden sich sechs Mitarbeiter der Filiale im Krankenhaus.

In sozialen Medien wird zudem unter Berufung auf angebliche Screenshots behauptet, das „Amstor“-Einkaufszentrum werde bei Google Maps als „dauerhaft geschlossen“ angezeigt. Das ist aber kein eindeutiges Zeichen für eine Schließung. Mindestens am 28. Juni wurde es ebenfalls als geöffnet angezeigt – trotz der Zerstörung. Angaben bei Google Maps können recht einfach verändert werden und sind nicht immer zuverlässig.

Russische Propaganda rechtfertigt Raketen auf Einkaufscenter und stiftet gezielt Verwirrung

Die russische Armee hatte den Angriff am Dienstag bereits eingeräumt, allerdings betont, dieser habe sich gegen ein nahe gelegenes Waffen- und Munitionslager gerichtet; das zu dem Zeitpunkt angeblich geschlossene Einkaufszentrum sei durch explodierende Munition in Brand geraten. Dadurch wird der Eindruck erweckt, es habe sich um einen Kollateralschaden eines aus russischer Sicht legitimen Angriffs gehandelt.

Es ist ein altbekanntes Muster, dass Moskau verschiedene Versionen zu demselben Sachverhalt produziert: Einmal wird der Angriff als bloße Inszenierung der Gegenseite dargestellt, dann wird er teilweise eingeräumt und als legitim dargestellt – und schließlich wird gegen alle Beweise behauptet, niemand habe zu Schaden kommen können. Ziel russischer Propaganda ist weniger, glaubhaft zu erscheinen. Stattdessen will man Verwirrung stiften und die Öffentlichkeit glauben machen: Was genau passiert ist, weiß man nicht. Doch Lügen haben, wie bereits zuvor in Butscha, kurze Beine.