Ein Ofen für den Schützengraben wird zusammengeschweißt. AP/Francisco Seco

Die Trennschleifer schneidet funkensprühend ins Metall, Schweißer in der Nähe werden von Heavy Metal-Musik bedröhnt. Ein Stockwerk höher rattern Nähmaschinen, Frauen versehen Stoffe, die zu kugelsicheren Westen werden sollen, mit den nötigen Nähten für die einzelnen Stahlplatten.

Ein alter Industriekomplex in der südöstlichen ukrainischen Stadt Saporischschja ist zur Nachschubquelle für die Armee geworden. Freiwillige stellen hier Ausrüstung für die Soldaten her, die gegen die russischen Invasoren kämpfen.

Die Bandbreite reicht von Schutzwesten über Hindernisse für Panzer, tragbare Heizöfen und Gewehrriemen bis hin zu Tarnnetzen. Eine Abteilung ist auf Fahrzeuge spezialisiert, panzert manche oder funktioniert sie zu Krankenwagen um, eine andere organisiert Lieferungen von Essen und medizinischen Gütern.

Schichtarbeit der ukrainischen Freiwilligen rund um die Uhr

Die Frontlinie verläuft gerade Mal 50 Kilometer von der Stadt entfernt, daher wird in manchen Teilen der Fabrik in Schichten rund um die Uhr gearbeitet, um den Bedarf zu befriedigen, etwa die riesige Nachfrage nach kugelsicheren Westen.

Crowdfunding – eine Spendensammelaktion via Internet – hat genügend Geld zusammengebracht, um Stahl aus Schweden, Finnland und Belgien zu kaufen, der leichter ist als das örtlich erhältliche Metall, wie Organisatoren sagen.

Ein Mann und eine Frau fertigen ein Tarnnetz. AP/Francisco Seco

Die Operation ist eine Idee des örtlichen Prominenten Wassil Buscharow, der vor dem Krieg ein Veranstaltungsplaner war, und seines Freundes Hennadij Wowtschenko, der eine Möbelfirma betrieb. Sie nannten die improvisierte Rüstungsfabrik Paljanyzja. So heißt eine Art von ukrainischem Brot, dessen Name Russen nicht richtig aussprechen können, wie viele Ukrainer sagen, und sie deshalb erkennbar mache.

Mehr als 400 ukrainische Freiwillige

Der Betrieb stützt sich gänzlich auf Freiwillige, mittlerweile mehr als 400, die aus verschiedenen Berufszweigen kommen, von Schneidern über Handwerker bis hin zu Rechtsanwälten. Hinzu kommen Fahrer, die aus Spenden finanzierte humanitäre Hilfe und medizinische Güter ausliefern.

„Ich habe das Gefühl, dass ich hier gebraucht werde“, sagt Modedesignerin Olena Grekowa (54), die jetzt Schutzwesten entwirft. Als die russische Invasion am 24. Februar begann, hielt sie sich in Thailand auf, um sich für ihre Frühjahrskollektion inspirieren zu lassen. Ursprünglich habe sie darüber nachgedacht, ob es vielleicht ein Zeichen von Gott sei, dass sie nicht zurückkehren solle. Ihr Ehemann und ihre zwei Söhne hätten ihr von einer Heimreise abgeraten. „Aber ich kam zu dem Schluss, dass ich zurückgehen muss.“

Olena Grekowa (M.) hat Mode gemacht, jetzt fertigt sie kugelsichere Westen. AP/Francisco Seco

Sie hatte Buscharow seit Jahren gekannt, und nach ihrer Heimkehr am 3. März sammelte sie ihre Ausrüstung zusammen und trat am 5. März bei Paljanyzja an. Mit einer einzigen Ausnahme hat sie seitdem jeden Tag dort gearbeitet, manchmal sogar nachts.

Vom Entwerfen rückenfreier Abendkleider auf das Kreieren von Schutzwesten umzusteigen war „eine neue Erfahrung für mich“, sagt Grekowa. Aber sie hat sich für ihre Designs Feedback von Soldaten eingeholt und hilft jetzt bei der Produktion verschiedener Versionen, darunter der Prototyp einer Sommerweste.

In einer anderen Abteilung arbeitet Ihor Prytula (55) an einem neuen Tarnnetz, zieht Stücke von gefärbtem Stoff durch einen Rahmen mit einem Schnurgeflecht. Der  Tischler macht seit dem Kriegsbeginn bei Paljanyzja mit. Für ihn ist es persönlich: Sein  Bruder wurde Ende März getötet, als er half, Einwohner aus der nördlichen Stadt Tschernihiw in Sicherheit zu bringen. „Der Krieg und Tod, es ist schlecht, glaubt mir. Ich weiß es“, sagt er. „Es ist schlecht, es sind Tränen, es ist Trauer.“

Der Krieg und Tod, es ist schlecht, glaubt mir. Ich weiß es.

Ihor Prytola, ukrainischer Freiwilliger

Der Organisator Buscharow hatte am Tag nach Kriegsbeginn sein Projekt auf Facebook bekannt gemacht. Schon am nächsten Tag tauchten 50 Freiwillige auf, „am nächsten Tag 150 Leute, am nächsten Tag 300 Leute... Und zusammen versuchen wir alle, unsere Stadt zu schützen“, sagt er.

Mit Molotow-Cocktails fingen die ukrainischen Freiwilligen an

Zuerst stellten sie Molotow-Cocktails her, für den Fall eines Vorrückens der Russen nach Saporischschja, und innerhalb von zehn Tagen seien 14.000 produziert worden, so Buscharow. Dann stiegen sie auf den Bau von Hindernissen für Panzer um – jeweils drei Metallbalken, die in Winkeln verschweißt werden.

Bald danach erkannten sie einen anderen dringenden Bedarf: Es gab nicht genügend kugelsichere Westen für die ukrainischen Soldaten. Aber etwas so Spezielles herzustellen war nicht einfach. „Ich hatte überhaupt keine Verbindung zum Militär“, so Wowtschenko. „Es bedurfte zweier Tage und drei schlafloser Nächte, um zu verstehen, was getan werden muss.“

Nach der Arbeit setzen sich die Freiwilligen zusammen, essen und singen gemeinsam. AP/Francisco Seco

Das Team nahm verschiedene Arten von Stahl unter die Lupe, stellte Platten her und testete dann, ob sie Kugeln standhalten. Einige boten unzureichenden Schutz, andere waren zu schwer, um die Westen damit zu versehen. Dann stießen sie auf die Lösung. „Es stellte sich heraus, dass Stahl, der für Fahrzeugaufhängung benutzt wird, sehr gute Eigenschaften hat, was Kugeln betrifft“, schildert Wowtschenko.

Ukrainische Freiwillige feuern Probeschüsse auf Schutzwesten-Stahl

Er steht vor vier Regalen mit Testplatten, die verschiedene Grade von Kugelschäden aufweisen. Jene, die aus für Fahrzeugaufhängung verwendetem Stahl hergestellt wurde, weist Dutzende Spuren von Kugeln auf, aber kein Loch.

Die Westen und alles andere, was Paljanyzia produziert, werden Soldaten kostenlos zur Verfügung gestellt, insofern diese nachweisen können, dass sie im Militär sind. Buscharow zufolge hat der Betrieb bislang 1800 Schutzwesten angefertigt, und es gibt eine Warteliste für etwa 2000 mehr. Wowtschenko sagt, dass sie von bis zu 300 Menschen gehört hätten, deren Leben durch die Westen gerettet worden seien.