Ein Bombenkrater vor einer zerstörten Tankstelle am Stadtrand der ukrainischen Hauptstadt Kiew dpa/Kay Nietfeld

Immer wieder wurde Olaf Scholz heftig attackiert, weil er sich um die eindeutige Aussage herumdrückte, die Ukraine müsse den Krieg gegen Russland gewinnen. Stattdessen drehte der Bundeskanzler die Aussage um und formulierte: „Russland darf diesen Krieg nicht gewinnen.“ Doch genau das droht mehreren Experten zufolge nun trotz aller erstaunlichen Erfolge, die die Ukraine in der Verteidigung gegen den russischen Aggressor erzielte.

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Am Dienstag sorgte ein Talkshow-Gast bei der ZDF-Runde „Maischberger“ für Entsetzen, als er einen Sieg der Ukraine für unrealistisch beschrieb: Russland lasse sich von westlichen Waffenlieferungen nicht beeindrucken, so Politikwissenschaftler Johannes Varwick. Vielmehr sorge der unbeugsame Widerstandswillen der Ukrainer dafür, dass Russlands Machthaber Wladimir Putin seine Ziele mit immer größerer Brutalität zu erreichen suche.

„Wir sollten diesen Krieg vom Ende her denken“, griff Varwick einen Satz des Philosophen Richard David Precht auf, dessen Position zum Ukraine-Krieg allerdings heftig kritisiert wurde. Statt die Lage weiter zu eskalieren, müsse man sich mit Putin an einen Tisch setzen, forderten beide.

Uneinigkeit und Zögerlichkeit des Westens mitverantwortlich für eine Niederlage der Ukraine

Zwar sind die Argumente Varwicks nicht neu, aber gleich am nächsten Tag sponn ein weiterer „Maischberger“-Gast den Gedanken fort: „Eine unangenehme Wahrheit“ müssten wir uns nun eingestehen, meinte der einstige „Welt“-Chef Wolfram Weimer. Diese Wahrheit heiße, „dass Russland diesen Krieg gewonnen hat“. Faktisch habe Russland jetzt schon den Donbass „praktisch erobert. Das ist nur noch eine Sache von wenigen Tagen.“ Die Landverbindung zur von Russland besetzten Krim sei da – „wie soll Russland diesen Krieg jetzt verlieren?“

Ins gleiche Horn bläst der Politikwissenschaftler Herfried Münkler: Die großspurigen Erklärungen europäischer Politiker, Putin dürfe den Krieg nicht gewinnen, hätten sich praktisch erledigt. Im Magazin Focus schreibt Münkler, die Ukraine stehe davor, „die Schlacht um den Donbass – und damit den Krieg – zu verlieren“.

Auch mit noch so großen Spitzfindigkeiten könnte man nicht wegdiskutieren, dass „die Kontrolle des Donbass, des Asowschen und des Schwarzen Meeres“ ein Sieg Russlands wäre. Russland verfüge über strategische Optionen, denen die Ukraine wenig entgegensetzen könne. Dafür macht Münkler auch die Uneinigkeit und Zögerlichkeit des Westens verantwortlich. Am Ende spreche alles dafür, dass Russland den Krieg gewinnen werde.