Stapel und ein Haufen von Minen am Rand eines Feldes bei Cherson.
Stapel und ein Haufen von Minen am Rand eines Feldes bei Cherson. AP/Evgeniy Maloletka

Stellen Sie sich vor, Sie ziehen das Waschpulverfach aus der Waschmaschine, und Sekunden später fliegt sie in die Luft: Eine entsicherte Handgranate war ins Fach geklemmt, beim Öffnen konnte der Schlagzünder die Explosion auslösen. Derlei perfide Sprengfallen haben russische Truppen vor ihrem Abzug aus der südukrainischen Stadt Cherson in Massen hinterlassen. 

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In einem Viertel war eine Hauptstraße mit einem Schild blockiert, das vor Minen warnte und Passanten  aufforderte, eine kleinere Straße als Umweg zu nutzen. Tatsächlich war die vermint. Minenräumer wurden hier getötet. Wenig später starben dort auch vier Polizisten, darunter der Polizeichef der nördlichen Stadt Tschernihiw, der zur Unterstützung nach Cherson gekommen war.

Minen in Schlaglöchern, Sprengfallen in der Polizeiwache

Der generell schlechte Zustand der Straßen half den sich zurückziehenden Russen dabei, ihre Sprengfallen zu verbergen, etwa in Schlaglöchern. Teils schnitten sie den Asphalt auf, um dort Minen unterzubringen.

Die Hauptwache der Polizei ist derartig mit Sprengfallen gespickt, dass die Räumteams nicht einmal mit ihrer Arbeit anfangen konnten. Als sie rein wollten, um nach Beweisen für Folter durch Russen zu suchen, flog ein Teil des Hauses in die Luft. Jetzt geht vorerst niemand mehr hinein.

Die Felder in der Umgebung sind so voller Minen, dass die Räumkommandos erwarten, nur 70 Prozent der Fläche könnten 2023 beackert werden.

Seit der Rückeroberung weiter Teile der Region Cherson sind ukrainische Minenräumer im Einsatz.
Seit der Rückeroberung weiter Teile der Region Cherson sind ukrainische Minenräumer im Einsatz. imago/Nina Liashonok

Und so ist auch einen Monat nach der von den Ukrainern umjubelten Rückeroberung Chersons, das die Russen acht Monate lang besetzt hatten, dort nicht ansatzweise Normalität eingekehrt. Drei Tage kann es dauern, um ein einzelnes Haus nach Sprengfallen zu durchsuchen. 

Tonnenweise Minen auf zehn Quadratkilometern

190 Kilometer Straße haben die ukrainischen Räumteams wieder nutzbar gemacht, unter schwierigen Bedingungen: Ein Teil der Ausrüstung funktioniere nicht, weil der Boden betonhart gefroren sei. So sagt es ein Minenräumer mit dem Kampfnamen „Technik“. In dem einen Monat seit dem Abzug des russischen Militärs „haben wir mehrere Tonnen Minen gefunden und beseitigt“. Dabei habe sich seine Einheit nur auf etwa zehn Quadratkilometer konzentriert.

Zudem steht die Stadt weiter unter Artilleriebeschuss, der von der anderen Seite des Dnipro kommt. Nach Angaben der Regionalverwaltung sind im vergangenen Monat in Cherson  Dutzende Menschen zu Tode gekommen, darunter auch ein Kind. Allein am vergangene Freitag sollen die Stadt und ihre weitere Umgebung 68 Mal unter Feuer von Mörsern, Kanonen, Panzern und Raketenbeschuss genommen worden sein.

Kurz nach der Befreiung Chersons mussten die Bürger Wasser aus dem Dnipro holen. Inzwischen soll die Versorgung wieder halbwegs funktionieren.
Kurz nach der Befreiung Chersons mussten die Bürger Wasser aus dem Dnipro holen. Inzwischen soll die Versorgung wieder halbwegs funktionieren. AP/Efrem Lukatsky

Vor dem Abzug sprengten die Russen ein Heizkraftwerk von Cherson

Mal funktioniert die Stromversorgung und mal nicht. Wasser fließt zumeist wieder, auch Innenräume lassen sich inzwischen wieder beheizen, allerdings nur in 70 bis 80 Prozent Chersons, nachdem die Russen im November ein großes Heizwerk gesprengt hatten.  

Viele Menschen leben nicht mehr in Cherson, es ist von gut 60.000 die Rede. Vor dem Krieg waren es rund 320.000, die meisten flüchteten beim Einrücken der Russen. Als die verschwanden, gingen weitere Bürger Chersons mit. Entweder, weil sie auf russischer Seite standen, vor allem aber auf Druck oder weil sie Angst vor Gefechten in der Stadt hatten.