Björn C. soll vor rund drei Monaten in Oranienburg aufgebrochen sein, um an der Seite von Ukrainern gegen die Russen zu kämpfen. Im Osten des Landes kam er Ende Mai ums Leben. Ein Bericht des rbb zeichnet nun ein Bild des jungen Mannes, der aus dem Speckgürtel Berlins in den Krieg zog.

„Wir weinen sehr viel“, erzählt die Großmutter des im Osten der Ukraine getöteten Mannes. Im März sei er aus Oranienburg aufgebrochen, um in der Ukraine zu kämpfen. Ohne jede militärische Erfahrung sei er in der Ukraine ausgebildet worden und habe dort mit anderen ausländischen Freiwilligen gekämpft. „Ich habe eine neue Freundin mit mehr Wumms bekommen“, schreibt Björn C. seiner Oma am 21. Mai 2022, berichtet der rbb. Er meint damit sein Gewehr. Seine Freundin in Berlin hat er zurückgelassen.

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Eine Woche nach der Nachricht reißt der Kontakt nach Brandenburg ab. „Alles in Ordnung, melde mich, wenn es wieder möglich ist“, schreibt Björn C. noch. – seine letzte Nachricht stammt vom 28. Mai. Die Berliner Polizei bestätigte gegenüber dem rbb, dass Björn C. am 31. Mai - also drei Tage später -bei einem Artillerieangriff in der Nähe von Charkiw getötet wurde.

In der Ukraine sei er glücklich gewesen

Warum geht ein junger Mann aus Oranienburg in einen Krieg, der nicht seiner ist? Der Autor des Berichts macht sich auf eine Spurensuche, trifft die Großmutter des Getöteten. Geboren im Wedding habe C. einen Teil seiner Kindheit beim Vater im Harz verbracht. Die Eltern leben getrennt, erzählt sie ihm.

In Berlin besucht Björn C. erst das Gymnasium, dann die Hauptschule. Ein Abstieg. Nach einer Ausbildung bei einer Berliner Security-Firma habe er zuletzt in Oranienburg eine kleine Spedition gehabt und Klaviere transportiert. Da ist noch viel Platz für Heldenträume.

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Aus der Ukraine schickt C. ein Foto mit anderen Soldaten. Endlich sei er glücklich gewesen, sagt seine Großmutter, die glaubt auf dem Foto Stolz im Blick ihres Enkels erkennen zu können.

Keine Chance, ihn davon abzubringen, in den Krieg zu ziehen

Mit einem Sinn für Gerechtigkeit sei er aufgebrochen und wollte für Frieden kämpfen und die Ukraine verteidigen. Endlich das Richtige tun. Nach einer Jugend, in der es schon öfter Kontakt mit der Polizei gab:  Sachbeschädigung und Betrugsdelikte tauchen in seiner Akte auf, die Strafe habe ihr Enkel vor 20 Jahren mit Sozialstunden abgegolten, so die Großmutter. Alles habe sie versucht, um ihn zu überzeugen, dass er in Deutschland bleibt, doch es gab „keine Chance, ihn davon abzubringen“.

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Die russische Armee sei eine brutale Streitmacht, wer als Freiwilliger ohne militärische Erfahrung in die Ukraine gehe, dem drohe der Tod, sagt Militärexperte Ralph D. Thiele, der Vorsitzende der Politisch-Militärischen Gesellschaft Berlin dem rbb. Menschen wie Björn C. würden am Ende nur als „Kanonenfutter“ enden. In der „Bild am Sonntag“ wird ein Kamerad von Björn C. zitiert: „Wir waren im Osten von Charkiw stationiert.“ „Am 31. Mai hatten wir dort unseren Beobachterposten bezogen. Ich hatte die erste Schicht, machte Pause, dann war Björn dran.“ Am Ende entscheidet der Zufall darüber, wer als Held zurück kehrt und wer im fremden Land bleibt. Und für etwas stirbt, das schwer greifbar ist.

Rückführung der Leiche unklar

Am 4. Juni 2022 teilte die Internationale Verteidigungslegion der Ukraine (ILDU) auf ihrer Facebook-Seite mit, dass vier Freiwillige der Internationalen Legion der Territorialverteidigung in der Ukraine getötet worden seien und veröffentlichte dort auch ein Foto von Björn C. „Wir müssen uns selbst Trost spenden. Ich bin glücklich, dass er glücklich war“, sagt die Großmutter. Wann und ob der Leichnam des Enkels wieder nach Deutschland überführt wird, ist bisher unklar.

Moskau: Knapp 2000 ausländische Kämpfer in Ukraine getötet

Seit Kriegsbeginn im Februar sind in der Ukraine russischen Angaben zufolge knapp 2000 ausländische Kämpfer getötet worden. „Insgesamt umfassen unsere Listen (...) Söldner und Waffenspezialisten aus 64 Ländern“, sagte der Sprecher des Verteidigungsministeriums in Moskau, Igor Konaschenkow. Die meisten getöteten Kämpfer stammten demnach aus Polen, den USA, Kanada und Großbritannien. Unabhängig überprüfen ließen sich diese Angaben nicht.

Die Ukraine hatte vor einigen Tagen mitgeteilt, es kämpften inzwischen Freiwillige aus rund 55 Staaten - darunter auch aus Deutschland - an ihrer Seite gegen die russischen Truppen.

Besonderes Aufsehen erregte zuletzt der Fall von zwei Briten und einem Marokkaner, die von prorussischen Separatisten in der Region Donezk als Söldner zum Tode verurteilt wurden. Großbritannien, die Ukraine und die Vereinten Nationen kritisierten die Entscheidung scharf und sprachen von Kriegsgefangenen, die Anspruch auf Schutz hätten.