In schwindelnder Höhe sind Rettungskräfte im teilweise eingestürzten Wohnblock der Stadt Dnipro bei der Arbeit.
In schwindelnder Höhe sind Rettungskräfte im teilweise eingestürzten Wohnblock der Stadt Dnipro bei der Arbeit. AFP/Vitali Matokha

Die Zahl der Menschen, die in einem bei einem russischen Angriff zerstörten Wohnhochhaus der Großstadt Dnipro getötet wurden, wächst immer weiter.  Zuletzt wurden 40 Tote aus den Trümmern geborgen, darunter drei Kinder. Rund drei Dutzend Bewohner werden noch vermisst.

Ein großer Teil des neunstöckigen Hochhauses war am Samstag nach einem Raketentreffer eingestürzt. Am Sonntagabend war noch von mindestens 30 Toten die Rede gewesen. 

Frost lässt die Hoffnung auf Überlebende schwinden

„Die Suche nach den Menschen unter den Trümmern geht weiter“, sagte Walentyn Resnitschenko, Militärgouverneur der Region Dnipropetrowsk. In Dnipro herrschten Minusgrade, weshalb kaum noch mit Überlebenden gerechnet wurde.

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Feuerwehrleute tragen in Dnipro einen weiteren Leichnam weg, den sie in den Trümmern gefunden hatten.
Feuerwehrleute tragen in Dnipro einen weiteren Leichnam weg, den sie in den Trümmern gefunden hatten. AP/Evgeniy Maloletka

Die Zahl der Verletzten gab der Militärgouverneur mit 75 an, darunter  14 Kinder. Demnach überlebten mehr als 100 Menschen den Einsturz des Hauses.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte mit Blick auf die Verschütteten erklärt, dass weiter um jeden Menschen gekämpft werde. „Und die Rettungsarbeiten werden so lange andauern, wie auch nur die geringste Chance besteht, ein Leben zu retten.“

Der Angriff auf das im Gebiet Dnipropetrowsk gelegene Dnipro war der folgenreichste von mehreren Angriffen am Samstag. Die heftigste russische Angriffswelle seit dem Jahreswechsel richtete sich erneut auch gegen die ukrainische Energieinfrastruktur.

Stromausfälle in mehreren Gebieten der Ukraine

Neben Dnipropetrowsk waren unter anderem auch die Region um die Hauptstadt Kiew, das im Westen gelegene Lwiw (Lemberg) und Charkiw im Osten schwer betroffen. Es gab vielerorts Stromausfälle.

Aus Moskau kamen die üblichen Stellungnahmen. „Russlands Streitkräfte greifen keine Wohngebäude oder Objekte der sozialen Infrastruktur an“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Montag.

Kaum noch Hoffnung auf mehr Bilder wie dieses: Retter bergen eine Überlebende aus den Trümmern des zerstörten Hauses in Dnipro.
Kaum noch Hoffnung auf mehr Bilder wie dieses: Retter bergen eine Überlebende aus den Trümmern des zerstörten Hauses in Dnipro. AP/Pavel Petrov/State Emergency Service of Ukraine

Außenministerin Baerbock will Putin & Co vor Gericht sehen

Wegen Vorfällen wie dem in Dnipro und wegen des russischen Angriffs insgesamt will Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne)  die russische Führungsriege mit einem internationalen Sondergericht zur Rechenschaft ziehen. Das Gericht außerhalb der Ukraine solle seine Rechtssprechung aus dem ukrainischen Strafrecht ableiten, erklärte sie in einer Grundsatzrede an der Haager Akademie für Völkerrecht. Das Tribunal soll gegen die russische Führung um Wladimir Putin ermitteln und sie vor Gericht stellen können.

Baerbock schlug zugleich eine Reform des Völkerstrafrechts vor, um eine  Rechtslücke zu schließen. Demnach sollen die rechtlichen Grundlagen für den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag mittelfristig so angepasst werden, dass auch der Tatbestand des Angriffskrieges uneingeschränkt verfolgt werden kann. Dies ist aktuell unter anderem deswegen nicht möglich, weil weder Russland noch die Ukraine Vertragspartner des Römischen Statuts als Rechtsgrundlage für den Gerichtshof sind.

Während sich Baerbock für eine Strafverfolgung der russischen Verantwortlichen stark machten, erhöhten zwei Nato- und EU-Partner den Druck auf Deutschland, der Ukraine stärker zu helfen. Estlands Außenminister Urmas Reinsalu verlangt von der Bundesregierung, der gerade die Verteidigungsministerin abhanden gekommen ist, eine stärkere und entschlossenere militärischen Unterstützung.

Estland fordert Waffen für die Ukraine

„Für Deutschland hat die Entscheidung, Offensivwaffen bereitzustellen, besonderes politisches Gewicht. Aber das Paradigma muss sich ändern, damit die Ukraine sich nicht nur verteidigen, sondern die Oberhand gewinnen kann“, sagte Reinsalu am Montag. „Das wäre am humansten, aber auch am kostengünstigsten. Dann würde auch der Krieg schneller zu Ende gehen.“

Die Stimme des kleinen baltischen Staats (1,3 Millionen Einwohner), der an Russland grenzt, hat Gewicht, weil er im Verhältnis zu seiner Größe überproportional viele Waffen und Hilfsgüter an die Ukraine liefert.

Es gibt Berechnungen, nach denen Estland im vergangenen Jahr 255 Euro pro Einwohner für die Ukraine ausgab, so viel wie kein anderer Staat. Die entsprechende Zahl für Deutschland: 65 Euro. Auch Letten, Litauer, Polen, Briten und Amerikaner geben pro Kopf mehr als Deutschland aus. 

Polen drängt auf deutsche Genehmigung für Panzer-Lieferungen

Auch der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki hat bei einem Berlin-Besuch Unterstützung Deutschlands für weitere Waffenlieferungen an die Ukraine im Kampf gegen den russischen Angriffskrieg angemahnt. „Eine Niederlage der Ukraine könnte das Vorspiel für einen dritten Weltkrieg sein“, sagte Morawiecki. 

In Polen und anderen Ländern wird befürchtet, dass Russland nach einem Sieg in der Ukraine Nato- und EU-Staaten angreifen könnte.

Es gebe deswegen laut Morawiecki heute keinen Grund, Unterstützung für Kiew zu blockieren. Deshalb bitte er um maßgebliches Handeln der deutschen Regierung, damit „alle Arten von Waffen“ an die Ukraine geliefert werden könnten.

Vor allem geht es dabei um deutsche Leopard 2-Panzer, die von der Ukraine dringend gewünscht werden. Polen und Finnland würden Leopard 2 aus ihren Beständen liefern, wenn Deutschland zustimmt. Das ist notwendig, weil der Kampfpanzer in Deutschland entwickelt wurde.

Die Briten haben es da leichter: Sie müssen niemanden fragen, wenn sie wie angekündigt 14 Kampfpanzer (Challenger 2) an die Ukraine liefern.