Verteidigungsminister Schoigu rief bei seinen westlichen Kollegen an. Er genießt das Vertrauen von Diktator Putin.
Verteidigungsminister Schoigu rief bei seinen westlichen Kollegen an. Er genießt das Vertrauen von Diktator Putin. AP/Alexander Zemlianichenko

Es sind beängstigende Töne, die aus Moskau nach außen gelangen. Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu hat gegenüber den europäischen Atommächten Großbritannien und Frankreich behauptet, die Ukraine plane zur Diskreditierung Russlands die Zündung einer radioaktiven Bombe. Schoigu habe „seine Besorgnis über mögliche Provokationen der Ukraine mit Hilfe einer ‚schmutzigen Bombe‘ übermittelt“, teilte das russische Verteidigungsministerium am Sonntag mit.

Schoigu sprach demnach mit dem französischen Verteidigungsminister Sébastien Lecornu und mit dem britischen Minister Ben Wallace. Auch der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar bekam einen Anruf Schoigus. Die häufigen Telefonate mehren die Besorgnis, dass Russlands Krieg in der Ukraine noch weiter eskalieren könnte – mit unabsehbaren Folgen!

Aus London hieß es nach dem Telefonat, Wallace habe die Behauptungen zurückgewiesen und gemahnt, solche Vorwürfe sollten nicht als Vorwand für eine weitere Eskalation durch Russland genutzt werden. Der Verteidigungsminister habe außerdem den Wunsch nach einer Deeskalation betont.

Ungewöhnlicherweise sprach Schoigu am Sonntag auch zum zweiten Mal in zwei Tagen mit US-Verteidigungsminister Lloyd Austin. Es sei um die Lage in der Ukraine gegangen, hieß es. Ein Verweis auf das Atomthema fehlte in der Mitteilung des Verteidigungsministeriums in Moskau.

Ukraine weist Pläne für Einsatz „schmutziger Bombe“ zurück, bezichtigt Russland

Wie groß die Gefahr einer nuklearen Eskalation ist, ist weiter unklar. Als „schmutzige Bombe“ werden konventionelle Sprengsätze bezeichnet, die auch radioaktives Material verstreuen. Die Ukraine hat nach dem Zerfall der Sowjetunion ihre Atomwaffen abgegeben. „Die russischen Lügen über angebliche Pläne der Ukraine, eine ‚schmutzige Bombe‘ zu nutzen, sind so absurd wie sie gefährlich sind“, reagierte Außenminister Dmytro Kuleba auf Twitter.

Ähnlich äußerte sich auch der ukrainische Präsident Selenskyj. Wenn Moskau der Ukraine vorwerfe, eine sogenannte schmutzige Bombe zünden zu wollen, bereite es selber irgendetwas Schmutziges vor, sagte Selenskyj in seiner abendlichen Videoansprache am Sonntag.

„Wenn jemand in unserem Teil Europas Atomwaffen einsetzen kann, dann ist es das nur einer - und dieser eine hat dem Genossen Schoigu befohlen, dort anzurufen“, sagte Selenskyj unter Anspielung auf Russlands Staatschef Wladimir Putin. Die Welt müsse klarstellen, dass sie nicht bereit sei, diesen „Schmutz“ zu schlucken.

Russland geht jedoch noch einen Schritt weiter und behauptet, dass sich die Lage in der Ukraine immer stärker auf eine „unkontrollierte Eskalation“ hin zuspitze. Die staatliche russische Nachrichtenagentur Ria Nowosti behauptete, dass die Ukraine die Fertigstellung einer kleinen taktischen Atombombe faktisch abgeschlossen habe. Die Ukraine sei bereit, diese auf eigenem Boden zu zünden, „um eine starke antirussische Kampagne zu starten, die das Vertrauen zu Moskau untergraben soll“.

Russland zwingt Zivilisten aus Cherson zur Flucht auf die andere Seite des Dnipro. Experten halten es für möglich, dass Russland eine Aktion unter falscher Flagge durchführen könnte, um es der Ukraine anzuhängen.
Russland zwingt Zivilisten aus Cherson zur Flucht auf die andere Seite des Dnipro. Experten halten es für möglich, dass Russland eine Aktion unter falscher Flagge durchführen könnte, um es der Ukraine anzuhängen. Imago/Evgeny Biyatov

Internationale Experten halten Einsatz durch Russland für möglich

Ganz anders sehen dies jedoch internationale Experten. Sie fürchten, dass eher Russland eine „schmutzige Bombe“ in der Ukraine einsetzen könnte. „Das liest sich wie russische Grundlagenarbeit für eine Aktion unter falscher Flagge“, so Dara Massicot, Expertin für russische Sicherheitspolitik bei der Rand Corporation, einer US-Denkfabrik. „Es ist beunruhigend, dass dies auf der Ebene der Verteidigungsminister geschieht.“

Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine läuft seit Monaten nicht so, wie von Moskau geplant. Der Vormarsch geriet zunächst ins Stocken, inzwischen sind die russischen Einheiten an fast allen Abschnitten der Front in der Defensive. 

Wie der KURIER schon mehrfach berichtete, ist der Einsatz einer taktischen Atombombe von Russland gegen die Ukraine nicht völlig unwahrscheinlich. Russland besitzt viele dieser „kleinen“ Atombomben, die aber immer noch als so verheerend gelten, wie die US-Atombomben, die 1945 auf Hiroshima und Nagasaki geworfen worden. Moskau bestreitet derartige Absichten jedoch.

Brutaler russischer General nimmt keine Rücksicht auf Zivilisten

Experten wie das renommierte Institute for the Study of War, das militärische Analysen veröffentlicht, sehen auch Chancen dafür, dass Russland selbst Anschläge in der Ukraine durchführen könnte, um die ukrainische Regierung zu beschuldigen und den Krieg weiter zu eskalieren. So sei es beispielsweise möglich, dass Russland den Staudamm von Nowa Kachowka sprengen könnte, um vorrückende ukrainische Truppen in der Region Cherson zu stoppen (KURIER berichtete). Zudem zwang man in den letzten Wochen zehntausende Bewohner der Region, in die Regionen weiter südlich zu flüchten.

Auch hat der russische General Sirowikin erst kürzlich das Kommando für den russischen Krieg in der Ukraine übernommen. Er gilt als äußerst brutal und hat unter anderem im russischen Krieg in Tschetschenien und dem Militäreinsatz in Syrien aufseiten von Diktator Bashar Assad, keine Rücksicht auf Zivilisten genommen.