Nicht erst seit Putins Drohung fürchten sich viele Menschen vor einem Atomkrieg. imago/McPhoto

Putins Krieg in der Ukraine hat Europa in unsichere Zeiten gestürzt. Hunderttausende Menschen müssen aktuell fliehen, sich in Sicherheit bringen vor den tödlichen Angriffen der russischen Truppen. Doch die Angst vor dem Krieg, Angst vor der Zerstörung geht auch in anderen Teilen Europas um, beschäftigt Millionen Menschen. Die größte Sorge machte vielen die Ansage Putins, er habe seine Abschreckungswaffen in Alarmbereitschaft versetzt. Aber: Was würde der Einschlag einer Atombombe bedeuten? 

Das soll ein Simulator zeigen. Das Programm heißt „Nukemap“, steht im Netz für jeden zur Verfügung. Entwickelt wurde es von Alex Wellerstein, einem Wissenschaftshistoriker, der sich jahrelang mit der Geschichte und den Auswirkungen der Atomwaffen beschäftigte. 2012 stellte er seine „Nukemap“ online.

Was würde passieren, wenn eine Atombombe explodieren würde?

Das Prinzip: Auf einer Karte kann der Nutzer einen Punkt festlegen, an dem eine Atombombe aus einer Auswahl an Sprengkörpern detonieren soll. Die Karte zeigt daraufhin die unmittelbaren Auswirkungen an.

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„Viele Menschen interessieren sich dafür, was passieren würde, wenn eine Atombombe in ihrer Nähe explodieren würde“, erklärte Wellerstein in einem Interview mit „Taylor & Francis Online“. Das merke man auch an den Nutzerzahlen: Die meisten Tester lassen eine der Waffen in ihrer eigenen Stadt detonieren. Der Mangel an Aufklärung über Atomwaffen sei heute verblüffend. „Während das Grundwissen über diese Dinge wirklich gering ist, besonders bei jüngeren Menschen, gibt es ein unglaubliches Interesse.“

Was würde beispielsweise in Berlin passieren? Auf der Karte lässt sich leicht ein Marker setzen, etwa mitten auf dem Alexanderplatz. Dann kann aus einer Liste an Atomwaffen der Vergangenheit und der Gegenwart eine Bombe ausgewählt werden. Außerdem bestimmt der Nutzer, ob die Bombe auf dem Boden oder in der Luft detonieren soll. Ein Beispiel ist die „Topol“, eine Rakete mit Atomsprengkopf, die sich derzeit im russischen Waffenarsenal befindet, heißt es. Sie habe eine Sprengkraft von 800 Kilotonnen.

Der Simulator „Nukemap“ zeigt die Auswirkungen einer Atombombenexplosion. Screenshot: Nukemap

Detoniert sie auf dem Boden, würde ein Feuerball im Umkreis von 1,15 Kilometern alles zerstören. „Alles innerhalb des Feuerballs wird verdampft“ heißt es in der Auswertung. Um Umkreis von 2,02 Kilometern werden die meisten Gebäude durch die Druckwelle in Schutt und Asche gelegt – wer sich hier aufhalten würde, hätte beinahe keine Überlebenschance.

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Noch im Umkreis von 4,25 Kilometern geht der Simulator von einer mittelmäßigen Zerstörung aus – und was durch die Druckwelle nicht eingestürzt sei, laufe Gefahr, sich ausbreitenden Feuern zum Opfer zu fallen. Noch im Umkreis von elf Kilometern ist die Druckwelle so groß, dass Fensterscheiben zu Bruch gehen.

„Nukemap“ zeigt, wie schwer die Folgen eines Atom-Angriffs wären

Doch nicht nur die Zerstörung ist eine Gefahr. Im Umkreis von 2,43 km um die Explosion sei die Strahlung demnach so groß, dass sie tödlich ist – und wer überlebt, laufe Gefahr, an Krebs zu erkranken. Die Hitzestrahlung reicht 9,7 Kilometer weit, fügt Menschen in diesem Umkreis Verbrennungen dritten Grades zu.

Das alles hört sich unvorstellbar an. Doch so morbide es klingt: Wellerstein will mit seinem Simulator auch zeigen, dass die Detonation einer solchen Bombe nicht gleich das Aus für die gesamte Menschheit bedeuten würde. „Von einer einzigen nuklearen Detonation würde nicht die Welt untergehen. Es würde die Welt für viele Menschen wirklich unangenehm machen – aber es wäre nicht im Handumdrehen vorbei“, sagt Wellerstein.

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Zudem gehen viele Experten davon aus, dass auch Putin seine Atomwaffen nicht leichtfertig  einsetzen wird. „Das ist verbales Säbelrasseln“, sagte der Nuklearwaffenexperte Hans Kristensen der „New York Times“. Er betont: „Wir werden sehen, wohin er (Putin) damit steuert. Dieser Krieg ist erst vier Tage alt und er hat bereits zweimal mit Atomwaffen gedroht.“ Matthew Kroenig, der ebenfalls zu Atomwaffen forscht, sagt der Zeitung: „Staaten mit Atomwaffen können keinen Atomkrieg führen, weil sie damit ihre Auslöschung riskieren würden, aber sie können damit drohen und tun es auch.“