Zu. Die Geschäftsschließungen haben bei selbständigen Ladenbesitzern die Kassen austrocknen lassen. Foto: dpa/Sven Hoppe

Die Ungleichheit bei den deutschen Einkommen hat sich im zweiten Lockdown verkleinert und nicht vergrößert, wie viele dachten. Zu dieser überraschenden Schlussfolgerung kommt eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.

Das liege daran, dass vor allem Selbständige, die vor der Pandemie in der oberen Hälfte der Einkommen zu finden waren, durch die verschiedenen Eindämmungsmaßnahmen stärker betroffen sind. Durchschnittlich erfuhren sie in den betrachteten Monaten Januar und Februar 2021 Einkommensverluste von 16 Prozent gegenüber 2019, ermittelte der Studienautor Markus Grabka. 

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Mit Blick auf die Finanzkrise seit 2008/9 sagte Grabka: „Schon damals hat sich gezeigt, dass sich die Einkommensungleichheit in Krisenzeiten reduziert, weil die oberen Einkommen stärker sinken als diejenigen der unteren Einkommensgruppen. In der Corona-Pandemie wirken sich die rückläufigen Einkommen von Selbstständigen besonders auf die Verteilung aus.“

Die Nominaleinkommen, die Preissteigerungen ausblenden, seien bei Angestellten und Beamten sogar um fünf Prozent gestiegen. Bei allen anderen hätten sie sich im Durchschnitt (!) nicht verändert, trotz viel Kurzarbeit und mehr Arbeitslosigkeit. 

Weniger Ungleichheit nur eine Momentaufnahme

Der sogenannte Gini-Koeffizient, der die Einkommens-Ungleichheit darstellt, sei von 0,29 auf 0,27 gesunken. Das müsse aber nicht so bleiben, meint Grabka, die Zahl sei eine Momentaufnahme: „Zieht sich die Pandemie noch weit in das Jahr hinein und verschärfen sich die Eindämmungsmaßnahmen noch einmal, könnte dies mit steigenden Insolvenzzahlen und zunehmender Arbeitslosigkeit einhergehen und auch die Einkommenssituation in der Breite treffen.“

Die Politik müsse darüber nachdenken, Selbständige auch bei den Lebenshaltungskosten und nicht nur bei den fixen Betriebskosten finanziell zu unterstützen und überprüfen, ob es notwendig ist, Unternehmen, die Dividenden ausschütten und sehr gut verdienen, auch noch Steuergeld zu überweisen, meint der DIW-Mann.

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Überraschend  auch die Aussage der jährlichen DIW-Studie zur Einkommensentwicklung. Die verfügbaren Haushaltseinkommen hätten sich von 2013 bis 2018 inflationsbereinigt um rund zehn Prozent vergrößert. Seit 2015 würden auch die Einkommen der unteren zehn Prozent der Bevölkerung zu.

Damit seien die unteren Einkommen, langfristig betrachtet, wieder knapp auf dem Stand der Jahrtausendwende, während die obersten zehn Prozent seit diesem Zeitpunkt 24 Prozent an Einkommen zugelegt haben. Die Einkommensungleichheit stagniere jedoch seit 2005, dem Jahr mit einer Arbeitslosenrate von rund zwölf Prozent und der höchsten Einkommensungleichheit seit der Wiedervereinigung.

Mindestlohn verändert Armutsrisiko nicht, aber ...

Auch die Quote der von Armutsrisiko betroffenen Menschen sei mit Einführung des Mindestlohns 2015 stabil bei 16 Prozent geblieben, trotz eines wirtschaftlichen Booms im vergangenen Jahrzehnt.

Allerdings sei der Anteil derjenigen in Deutschland, die unabdingbare Ausgaben wie Miete, Heizung und warmes Essen kaum finanzieren können, deutlich zurückgegangen. Im Zeitraum von 2008 bis 2019 hab sich der Anteil auf 2,7 Prozent halbiert. Vor allem Alleinerziehende stünden in der Summe besser da: Nach knapp 20 Prozent sind es inzwischen nur noch 6,6 Prozent, deren Einkommen schon für die essentiellen Ausgaben nicht reicht.

Grabka: „Dennoch wäre es erfreulich, wenn mit weiteren Anstrengungen der Niedriglohnbereich verkleinert werden könnte. Dazu ist es neben dem Erhalt der Arbeitsplätze auch nach Ablaufen der Corona-Hilfsmaßnahmen wichtig, zum Beispiel Minijobs zurückzudrängen sowie Arbeit auf Abruf oder Zeitarbeit strenger zu regulieren.“