Swetlana Tichanowskaja fiel die Entscheidung, in die EU auszureisen sehr schwer. Foto: Imago Images/ITAR-TASS

Sie ist die Hoffnung der weißrussischen Oppositionellen. Doch nach zwei Gewaltnächten infolge der umstrittenen Präsidentschaftswahl hat Alexander Lukaschenkos Herausforderin Swetlana Tichanowskaja Belarus verlassen. „Ich dachte, der Wahlkampf hätte mich abgehärtet und mir die Kraft gegeben, alles durchzustehen“, erklärte die Kandidatin in einer ergreifenden Videobotschaft ihre Flucht ins Ausland. „Aber wahrscheinlich bin ich doch die schwache Frau geblieben, die ich zu Beginn war“, sagte die zweifache Mutter mit stockender Stimme. Zuvor war bekannt geworden, dass die 37-Jährige in der Nacht zum Dienstag in das benachbarte EU-Land Litauen ausgereist war.

Nach der von Manipulationen überschatteten Präsidentenwahl am Sonntag brachen landesweite Proteste aus; es gab Tausende Festnahmen. Auch in der Nacht zu Dienstag sperrten Einsatzkräfte ganze Straßen ab und nahmen insgesamt 30 Personen fest. Ein Reporter der Nachrichtenagentur Reuters berichtete, die Polizei hätte mehrere Demonstranten aus der Menschenmenge gezogen und mit Schlagstöcken angegriffen. Augenzeugen berichteten von blutüberströmten Menschen.

Nach Angaben des belarussischen Innenministeriums kam ein Protestierender ums Leben. Er habe einen Sprengsatz werfen wollen, doch sei er noch in der Hand explodiert, teilte Ministeriumssprecher Alexander Lastowsky mit.

In der Nacht zu Dienstag floh Swetlana Tichanowskaja ins benachbarte EU-Land Litauen. Noch am Montagabend hatte sie versprochen, in Weißrussland bleiben zu wollen und zu kämpfen. Foto: Imago Images/ITAR-TASS

Im Juli war Swetlana Tichanowskaja als Kandidatin bei der Wahl in der autoritären Ex-Sowjetrepublik registriert worden. Die politisch unerfahrene Fremdsprachenlehrerin war an Stelle ihres inhaftierten Ehemannes angetreten. Sergej Tichanowski ist ein bekannter Blogger, der im Internet offen Korruption und Missstände unter Staatschef Alexander Lukaschenko kritisiert. Seine Frau wurde zur Hoffnungsträgerin der Opposition. Ihre minderjährigen Kinder brachte Tichanowskaja schon vor einiger Zeit ins Ausland.

Sie habe diese schwere Entscheidung selbstständig getroffen, niemand habe sie beeinflussen können, sagte sie. „Viele werden mich verstehen, mich verurteilen oder hassen. Aber Gott bewahre, dass die je vor so einer Wahl stehen müssen, wie ich es musste.“

Polizisten nehmen bei Protesten in Minsk einen Demonstranten fest. Mit Gewalt versucht Präsident Lukaschenko an der Macht zu bleiben. Foto: Imago Images/ITAR-TASS

Die Ausreise überraschte viele Beobachter. Tichanowskaja hatte noch am Montag bei einer Pressekonferenz gesagt, dass sie im Land bleiben werde und weiter kämpfen wolle und legte bei der Wahlleitung offiziell Beschwerde gegen das Ergebnis der Wahl ein. Tichanowskaja hatte sich aber auch massiv bedroht gefühlt von den Sicherheitskräften um den autoritären Präsidenten Alexander Lukaschenko. Der 65-Jährige hat mit dem Einsatz der Armee gedroht, um seine Macht auch nach 26 Jahren für eine sechste Amtszeit zu sichern. „Leute, passt bitte auf Euch auf. Kein Leben ist es wert, was jetzt passiert. Kinder sind das Wichtigste im Leben“, sagte Tichanowskaja.

Eine Sanitäterin kümmert sich um einen verletzten Demonstranten. Tausende Weißrussen beschuldigen Diktator Lukaschenko des Wahlbetrugs, gehen gegen den Präsidenten auf die Straße.  Foto: Imago Images/ITAR-TASS