Rohbau fast fertig: Die Baustelle der Gigafabrik in Grünheide am 18. Oktober. Foto: Imago Images

Seit Tesla-Chef Elon Musk den Bau einer Fertigungsanlage in Brandenburg bekanntgab, ist nicht einmal ein Jahr vergangen. Inzwischen ist der Rohbau fast fertig, vorige Woche wurden bereits Ausrüstungsanlagen angeliefert. Im nächsten Sommer sollen in Grünheide die ersten Autos vom Band rollen. Rund vier Milliarden Euro wird Tesla dort investieren. Damit, sagt Jochem Freyer, werde sich die Region nachhaltig verändern. Der 56-Jährige ist Leiter der Agentur für Arbeit in Frankfurt (Oder). Der Landkreis Oder-Spree, wo Tesla sein Werk „Giga Berlin-Brandenburg“ errichtet, gehört zu seinem Verantwortungsbereich.

Herr Freyer, was geht einem durch den Kopf, wenn man Chef einer Arbeitsagentur ist, Tausende Jobsuchende in der Kartei hat und dann plötzlich ein Großunternehmen im Revier gebaut werden soll?

Erstmal nur eins: Hammer!

Wegen der neuen Jobs?

Vor allem wegen der unglaublichen Chancen. Es geht hier ja nicht um ein Warenlager oder das x-te Callcenter. Es kommt wieder Industrie in die Region, eine zukunftsfähige Technologie nach Brandenburg.

Solche Zuversicht verband man zuletzt vor 15 Jahren mit der Solarindustrie. Damals wurde Hoffnung sogar in Firmennamen wie Odersun gegossen.

Das jetzt ist eine ganz andere Dimension. Heute ist das Stahlwerk von Arcelormittal in Eisenhüttenstadt der größte Arbeitgeber in der Region. Das Werk hat 2500 Beschäftigte. Tesla wird das Vier- bis Fünffache erreichen. Das ist schon gewaltig, und es kann etwas noch Größeres wachsen. Mindestens genauso bedeutsam wie die pure Zahl der Arbeitsplätze sind die strukturellen Impulse, die die Ansiedlung mit sich bringen wird.

Jochem Freyer ...

… wurde 1964 in Lindlar bei Köln geboren. Seine Eltern stammen aus dem Oderbruch. Nach dem Abitur studierte Freyer Verwaltungswissenschaften in Mannheim und begann danach bei der Bundesagentur für Arbeit. Er arbeitete unter anderem in Hameln, Altenburg und Eberswalde sowie in Berliner Arbeitsagenturen. Seit 2009 ist Jochem Freyer Leiter der Agentur für Arbeit in Frankfurt (Oder). Er wohnt in Pankow.

Es geht um 12.000 neue Stellen.

Die Produktion soll im kommenden Juli mit 7000 bis 8000 Mitarbeitern starten. 2022 könnten es dann am Ende der ersten Ausbaustufe 12.000 werden.

Welche Rolle spielt Ihre Arbeitsagentur bei der Besetzung der Stellen?

Wir sind im Frühjahr sofort auf Tesla zugegangen, um diese Chance bestmöglich zu nutzen. Die Zusammenarbeit ist mittlerweile eng und vertrauensvoll. Mitarbeiter von uns sitzen bei Tesla im Personalbereich. Die Agenturen und Jobcenter in ganz Berlin und Brandenburg suchen nach geeigneten Arbeitssuchenden. Außerdem beraten wir die Firma zu vielen übergreifenden Themen wie der Qualifikation- und Entgeltstruktur in Berlin und Brandenburg, der Bildungslandschaft, den Erwartungen und Fähigkeiten der hiesigen Arbeitnehmer, und wir verbinden sie mit unseren Netzwerken. Es sind über 200 verschiedene Stellenprofile zu besetzen.

In der Gegend um den Ostbahnhof in Berlin soll sich ein sogenanntes Team Automotive angesiedelt haben. Das klingt ziemlich geheimnisvoll …

Ist es aber nicht. Wir haben eine Projektgruppe gebildet, in der Fachleute der Arbeitsagenturen und Jobcenter aus Berlin und Brandenburg  zusammenarbeiten. Dort geht es nicht nur um aktuell zu besetzende Stellen, sondern auch um mögliche Zulieferer.

In Leipzig, wo BMW und Porsche fertigen, gibt es bei Zuliefern, die sich dort angesiedelt haben, noch einmal ebenso viele Jobs wie in den Werken selbst. Womit rechnen Sie in Grünheide?

Das ist schwer einzuschätzen. Tesla setzt auf eine deutlich größere Fertigungstiefe als die klassischen Automobilhersteller. Also braucht Tesla auch weniger Zulieferer. Auf der anderen Seite steht noch die Integration einer Batterieproduktion in der Diskussion, und das Werksgelände böte auch noch Raum für weitere Ausbaustufen in den Folgejahren.

Welche Berufe werden dort jetzt gebraucht?

Gesucht werden Fach- und Führungskräfte genauso wie Quereinsteiger für die unterschiedlichsten Produktionsbereiche wie das Presswerk, die Gießerei, die Lackiererei, die Montage oder die Qualitätskontrolle. Gebraucht werden auch Verwaltungsmitarbeiter, im Personalwesen oder im Kundenservice.

Wie und wo sollen die Leute rekrutiert werden?

Als Arbeitsagentur suchen wir vorrangig unter den Arbeitssuchenden in Berlin und Brandenburg. Wir sind außerdem in Kontakt mit Kollegen im Bundesgebiet. Insbesondere in Regionen,  in denen Automobilhersteller und deren Zulieferer derzeit zu kämpfen haben. So können wir dort helfen und gewinnen auf der anderen Seite für Berlin und Brandenburg Fachkräfte hinzu.

Sie werben dort Leute ab?

Nein. Wir reden mit den dortigen Arbeitsagenturen und bereiten für ihre arbeitssuchenden Kunden die Möglichkeiten bei Tesla auf.  Aber es wenden sich auch Interessenten, die nicht arbeitslos sind, an uns und direkt an Tesla. Im besten Fall kommen auch abgewanderte Brandenburger zurück.

Wie viele Verträge sind bereits unterschrieben?

Es wurden bislang vor allem Führungskräfte und Spezialisten eingestellt. Die anderen Ebenen folgen Zug um Zug.

Welche Abschlüsse müssen Bewerber vorweisen können?

Natürlich wird der Ingenieur einen Hochschulabschluss haben müssen. Aber generell gilt bei Tesla, dass der Abschluss weniger wichtig ist als Mindset oder nachgewiesene Arbeitserfahrung.

Glauben Sie, dass die Stellen pünktlich besetzt werden können?

Ich bin optimistisch. Tesla zieht als Name. Es geht um zukunftsträchtige Arbeitsplätze. Außerdem muss man, so traurig es ist, feststellen, dass Corona bei der Besetzung der Stellen hilft. Es gibt doch etliche Leute, die von Kündigung bedroht sind oder seit Monaten in Kurzarbeit stecken und nun überlegen, ob ihr aktueller Job noch eine große Zukunft hat.

Und Fachkräftemangel ist plötzlich kein Problem mehr?  

Doch, aber man muss auch sehen, dass der größte Teil der Mitarbeiter in der Produktion und in unterstützenden Bereichen tätig sein wird. Da ist Tesla bereit, zum überwiegenden Teil Quereinsteiger zu nehmen und im Werk zu qualifizieren. Die Firma legt im einfachen Segment keinen großen Wert auf formale Qualifikation, sondern auf Motivation und den Willen, dort zu arbeiten. So haben auch Ungelernte und Langzeitarbeitslose eine Chance.

Sie gehen wirklich davon aus, dass Langzeitarbeitslose bei Tesla eine Chance haben?

Absolut. Ich bin sicher, dass das in nennenswertem Umfang geschehen wird. Und gut bezahlt wird auch noch.

Wie gut?

Im Land Brandenburg lag das mittlere Einkommen im vergangenen Jahr bei 2700 Euro brutto im Monat. Das wird bei Tesla inklusive Schichtzuschlag der Einstiegslohn für einen Mitarbeiter auf der niedrigsten Entgeltstufe sein. Das heißt, Langzeitarbeitslose können für 2700 Euro im Monat einen Job finden. Wo gibt es das sonst? Mit einer einschlägigen abgeschlossenen Berufsausbildung geht es etwa bei 3500 Euro los.

Was verlangt Tesla?

Erwartet werden neben fachlichen Kompetenzen eine hohe Belastbarkeit und Teamfähigkeit. Man möchte Mitarbeiter, die sich mit dem Produkt identifizieren, mitgestalten wollen und für die es normal ist, dass die Abläufe heute andere sind als gestern. Wer einen Routinejob sucht, passt nicht zu Tesla. Weiterhin ist die Bereitschaft für rollierende Schichtarbeit und Samstagsarbeit erforderlich.

Muss man Englisch sprechen?

Führungskräfte und Ingenieure ja. Bei Produktionsmitarbeitern wird fließendes Deutsch erwartet.

Das sollte ein Brandenburger hinbekommen, oder ist diese Anforderung eher an polnische Bewerber adressiert? Wie viele Jobs werden Ihrer Schätzung nach mit Arbeitskräften aus Polen besetzt werden?

Sicher werden auch polnische Bürger bei Tesla arbeiten. Ich denke, es werden aber nicht allzu viele sein, die täglich aus Polen einpendeln. Zum einen möchte man vermeiden, dass die Mitarbeiter durch überlange Anfahrtswege schon müde zur Schicht erscheinen, und zum anderen gibt es nicht so viele polnische Einpendler, die ausreichend gut Deutsch oder Englisch sprechen.

Es heißt, die Führungskräfte müssten Polnisch sprechen können.

Nein, das stimmt nicht.

Woher sollen die Leute kommen, die bei Tesla arbeiten werden?

Ich gehe davon aus, dass mindestens vier von fünf aus Berlin und Brandenburg kommen.

Wie viele aus Berlin?

Schaut man auf die Wohnbevölkerung in einem pendelbaren Umkreis von einer Stunde, so leben deutlich mehr Menschen in Berlin als in Brandenburg. Ich denke, dass wird sich auch bei der Beschäftigtenverteilung niederschlagen.

Sehen Sie die Gefahr, dass so mancher Kleinbetrieb in Bedrängnis gerät, weil Tesla die besseren Löhne zahlt und die ohnehin knappen Fachkräfte abwirbt?

Das ist in der Tat ein wichtiges Thema. Andererseits will auch längst nicht jeder und jede in einem großen Betrieb mit Schichtsystem und Serienfertigung arbeiten. Ich schätze die Zahl der Beschäftigten im Einzugsbereich des Werkes, die jetzt einen Beruf ausüben, der rein theoretisch zu Tesla passt, auf einige Hunderttausend Beschäftigte. Daher brauchen sich wettbewerbsfähige Betriebe keine Sorgen zu machen, dass ihnen die komplette Belegschaft davonläuft.

Schon ein paar wenige Leute könnten zum Problem werden.

Natürlich entsteht zusätzlicher Wettbewerb um Fach- und Arbeitskräfte. Es wird darauf ankommen, wie attraktiv die Betriebe ihre Bedingungen gestalten können, um Mitarbeiter zu halten und neue zu gewinnen. Und Gehalt ist nicht alles. Ein wertschätzendes, familiäres Arbeitsklima wiegt manchen Euro auf.

Das Gespräch führte Jochen Knoblach.