Das Foto zeigt Aiman al-Sawahiri (r.) neben Osama bin Laden. Es wurde zwei Monate nach dem grauenvollen Terror des 11. September 2001 irgendwo in Afghanistan aufgenommen.
Das Foto zeigt Aiman al-Sawahiri (r.) neben Osama bin Laden. Es wurde zwei Monate nach dem grauenvollen Terror des 11. September 2001 irgendwo in Afghanistan aufgenommen. Ausaf Newspaper/EPA/dpa

Elf Jahre nach dem Tod von Osama bin Laden in Pakistan hat es jetzt auch den Stellvertreter und Nachfolger des Al-Kaida-Chefs getroffen: Mit einem Drohnenangriff in Afghanistan haben die USA den Anführer des Terrornetzwerks, Aiman al-Sawahiri (71), getötet. US-Präsident Joe Biden verkündete in Washington, al-Sawahiri sei am Wochenende bei einem „Präzisionsschlag“ in der afghanischen Hauptstadt Kabul ums Leben gekommen. Zivile Opfer habe es nicht gegeben.

US-Präsident Joe Biden: Der „Gerechtigkeit wurde Genüge getan“

Jahrzehntelang sei Al-Sawahiri Drahtzieher von Anschlägen auf US-Amerikaner gewesen, er habe eine Schlüsselrolle bei diversen Terrorangriffen gespielt, sagte Biden. „Jetzt wurde der Gerechtigkeit Genüge getan. Und diesen Terroristenführer gibt es nicht mehr.“

Biden äußerte sich bei einem kurzfristig anberaumten Auftritt auf einem Balkon des Weißen Hauses persönlich zu dem Schlag gegen die Terrorgruppe - trotz seiner Corona-Infektion.  Biden sagte, der Schlag gegen al-Sawahiri sei ein Zeichen für die Entschlossenheit und die Fähigkeiten der Amerikaner im Kampf gegen den Terror.

Der Moment, in dem ein voll besetztes Passagierflugzeug am 11. September 2001 in den zweiten Turm des World Trade Centers in New York einschlägt. Beide Hochhäuser stürzten ein.
Der Moment, in dem ein voll besetztes Passagierflugzeug am 11. September 2001 in den zweiten Turm des World Trade Centers in New York einschlägt. Beide Hochhäuser stürzten ein. AFP/Seth McAllister

Al-Sawahiri war Nachfolger von Osama bin Laden, der als Kopf der verheerenden Terroranschläge vom 11. September 2001 galt, als Entführer Flugzeuge in die beiden Hochhäuser des World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington steuerten. Es gab  3000 Tote und über 6000 Verletzte. „9/11“ traf die USA tief.

Bin Laden war 2011 in Pakistan bei einem Einsatz von einer US-Spezialeinheit in einem Haus in Abbottabad getötet, seine Leiche im Meer versenkt worden.  Nach Angaben der Regierung in Washington waren dagegen für den Schlag gegen al-Sawahiri keine amerikanischen Kräfte in Kabul.

Terror-Boss auf seinem Balkon getötet

Eine ranghohe Vertreterin der US-Regierung sagte, die Attacke auf al-Sawahiri sei über Monate vorbereitet worden. Man habe ihn in einem Unterschlupf in der Innenstadt Kabuls aufgespürt. Dort sei er am Samstagabend Ortszeit schließlich von zwei von einer Drohne abgefeuerten Hellfire-Raketen getötet worden, als er auf den Balkon im zweiten Stock seines Wohnhauses getreten sei. Keiner von Al-Sawahiris Familienangehörigen, die sich mit ihm in dem Haus aufgehalten hätten, sei verletzt worden.

Als langjährige Nummer zwei von Al-Kaida war der Ägypter 2011 nach dem Tod Bin Ladens an die Spitze des Terrornetzwerks aufgerückt. Schon vorher hatte sich der Arzt aus Kairo den Spitznamen „Terror-Doktor“ erworben. Er gilt als „erfolgreicher“ Vordenker der islamistischen Selbstmordattentate, wie es auch die Angriffe von New York und Washington waren.

Allerdings gelang es ihm nie, unter den Dschihadisten das ikonenhafte Ansehen seines Vorgängers zu erreichen.

Seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte al-Sawahiri im vergangenen September - genau 20 Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. In einer Videobotschaft rief er seine Anhänger damals auf, die Staaten im Westen und ihre Verbündeten im Nahen Osten zu bekämpfen. In den Jahren davor hatte es unbestätigte Gerüchte über seinen Tod gegeben. Sein genauer Aufenthaltsort war unbekannt. Experten hatten zuletzt vermutet, dass sich Al-Sawahiri im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan versteckt.

Die USA hatten ein Kopfgeld von 25 Millionen Dollar (rund 24,4 Millionen Euro) auf ihn ausgesetzt. Seine Tötung kam nun überraschend - kurz vor dem ersten Jahrestag des Truppenabzugs aus Afghanistan.

Die USA hatten vor knapp einem Jahr, Ende August 2021, alle Soldaten aus Afghanistan abgezogen und damit den internationalen Militäreinsatz in dem Land nach fast 20 Jahren beendet. Die Taliban hatten kurz zuvor die Macht in Kabul übernommen.

Der internationale Abzug wurde durch ihren rasanten Eroberungsfeldzug erschwert und gestaltete sich chaotisch.  Biden, der wegen des Debakels unter Druck geriet, hatte damals versprochen, den Kampf gegen den Terrorismus in der Region nicht aufzugeben.

USA: „Wir werden euch finden und euch ausschalten“

Der US-Präsident wertete al-Sawahiris Tod nun als Beleg dafür, dass es auch ohne Tausende Soldaten auf afghanischem Boden möglich sei, Amerika vor Terroristen zu schützen. Der Schlag gegen Al-Sawahiri sei außerdem eine Botschaft an andere: „Egal, wie lange es dauert, egal, wo ihr euch versteckt: Wenn ihr eine Bedrohung für unser Volk seid, werden die Vereinigten Staaten euch finden und euch ausschalten.“

Die Tatsache, dass sich al-Sawahiri in Afghanistan versteckte, wirft zugleich  Fragen dazu auf, was der dortige Krieg gegen den Terror gebracht hat: Ein 20 Jahre langer Militäreinsatz, der Unsummen verschlang und Zehntausenden das Leben kostete – und der begann, weil das Land Al-Kaida-Terroristen Unterschlupf gewährt hatte.

Die US-Regierungsvertreterin sagte, amerikanischen Erkenntnissen zufolge hätten Mitglieder der aktuellen Taliban-Führung gewusst, dass sich der Al-Kaida-Chef in der afghanischen Hauptstadt aufhielt. Sie hätten damit klar gegen Vereinbarungen mit den USA verstoßen. In einem Abkommen mit den USA hatten die Taliban im Gegenzug für den Abzug internationaler Truppen unter anderem zugesichert, dass von Afghanistan keine Terrorgefahr durch andere Gruppen wie Al-Kaida mehr ausgehen werde.

Die Taliban werteten den Drohnenangriff der Amerikaner nun aber ihrerseits als Bruch des Abkommens - auch wenn für die Aktion keine Soldaten auf afghanischem Boden waren.

Enge Verbindungen zwischen Taliban und Al-Kaida

Der UN-Sicherheitsrat hat immer wieder über enge Beziehungen zwischen Al-Kaida und den Taliban berichtet. Al-Kaida musste in den vergangenen Jahren Rückschläge einstecken. Experten argumentierten jedoch, dass ihr Fokus auf globalen Terror weiter Gefahrenpotenzial habe. Ableger sind beispielsweise in Sahel-Staaten Afrikas aktiv.

Beobachter sahen den Rückzug der westlichen Streitkräfte aus Afghanistan mit großer Sorge und warnten davor, dass die Gruppe unter der Duldung der Taliban zu neuer Stärke kommen könnte. Wer nun die Führung Al-Kaidas übernehmen könnte, war zunächst unklar.