Ein bisschen stoppelig, der künftige Chef-Lobbyist der deutschen Industrie, Siegfried Russwurm (57).

München/Berlin - „Es gibt wenige Topmanager, mit denen man gerne nach Feierabend in der Kneipe ein Bier trinken würde. Er ist so einer“, sagt ein ehemaliger Weggefährte von Siegfried Russwurm bei Siemens. Einer, der nicht auftrete wie ein Gutsherr, sondern direkt und offen auf Menschen zugehe. „Eine Rampensau.“ Das kann Russwurm künftig in Berlin beweisen: Er wurde zum neuen Präsidenten des einflussreichen Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) gewählt und versprach angesichts von Corona:  „Ich werde meine ganze Kraft dafür einsetzen, dass die deutsche Industrie die heftige Rezession möglichst rasch überwindet und ihre weltweite Spitzenstellung im digitalen Wandel stärkt. “  

Die Politik muss sich auf einen „gradlinigen“ Interessenvertreter mit „klarer Kante“ einrichten, der - mit Schlagfertigkeit gesegnet - möglicherweise nicht zu viel Zeit mit diplomatischem Vorgeplänkel verbringt. Und so beschrieb er die Rolle der Industrie in deutlichen Worten: „Nur eine starke und international wettbewerbsfähige Industrie sichert Deutschlands Zukunftsfähigkeit. Dabei ermöglicht sie Aufstiegschancen für jede und jeden Einzelnen.“

„Bei Siemens hat er als Arbeitsdirektor immer gut mit der Arbeitnehmerseite zusammengearbeitet und ist auch neue Wege mitgegangen“, sagt Birgit Steinborn, Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats. Ein anderer Vertreter der Arbeitnehmerseite beschreibt den 57-jährigen als „umgänglich, ohne Attitüden, ohne Arroganz.“

Neuer BDI-Chef ist ein Kind vom Dorf

Russwurm kommt aus einem Dorf bei Coburg (Franken), sein Vater war  Polsterer, die Mutter Industriearbeiterin. Er sei  „Technikfreak“, wie er sich einmal selbst erklärte. Nach dem Studium an der Uni Erlangen-Nürnberg fing er als frischgebackener „Doktor-Ingenieur“ der Fertigungstechnik bei Siemens an, war dann mehrere Jahre in Schweden und stieg 2006 in den Vorstand der Medizintechnik-Sparte auf. 2008 holte ihn der damalige Siemens-Chef Peter Löscher in den Konzernvorstand.

Weihnachtsbäume haben sie im Atrium des Hauses der Deutschen Wirtschaft zwischen Spree und Breite Straße schon aufgestellt, in dem Siegfried Russwurm als neuer BDI-Chef künftig seinen Sitz haben wird. Von hier aus setzen sich neben dem BDI der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) für Wirtschaftsinteressen ein. Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Als Personalchef musste er erst einmal Tausende Stellen abbauen. Zwei Jahre später bekam Russwurm die Verantwortung für die Industriesparte - die größte im Konzern mit mehr als 100.000 Beschäftigten - und trieb die Digitalisierung voran.  Nach dem Wechsel von Löscher zu Joe Kaeser an der Siemensspitze bekam Russwurm  als neue Aufgabe Forschung und Entwicklung übertragen, konnte in den Laboren fachkundig mitreden. 2017 aber ließ er den Vertrag auslaufen. Er wolle „nur noch mit Leuten zusammenarbeiten, die ich mag“, sagte Russwurm damals laut Manager-Magazin.

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Er arbeitete für eine schwedische Investmentfirma,  trat aber erst 2019 wieder ins Rampenlicht: als Aufsichtsratschef des schwäbischen Anlagenbauers Voith und des angeschlagenen Stahl- und Industriekonzerns ThyssenKrupp.

Seine Leidenschaft für Technik, Digitalisierung und künstliche Intelligenz versucht Russwurm seit 2009 auch als Honorarprofessor an seiner alten Uni an Studenten weiterzugeben.