Eine Frau wird von einer Arzthelferin in der für diesen Tag in ein Impfzentrum umfunktionierten Betriebskantine der MV Werften mit dem Impfstoff von Johnson & Johnson gegen das Coronavirus geimpft. dpa/Gregor Fischer

Zwei schlechte Nachrichten bringen die Impfkampagne zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt ins Stocken. Die Hoffnung auf den Impfstoffkandidaten des Tübinger Hersteller Curevac hat sich offenbar zerschlagen. Mehrfach hatte sich die Zulassung des Vakzins verzögert, nun ist es offiziell: Das Mittel ist nicht wirksam genug. Die Enttäuschung ist unermesslich. An der Börse sackt die Curevac-Aktie dramatisch ab. Vor allem aber hatte die Impfstoffkampagne in Deutschland auf das Mittel gesetzt. Nun gerät der Zeitplan wohl ins Stocken.

Das Unternehmen musste am späten Mittwochabend in einer Pflichtbörsenmitteilung einräumen, dass der eigene Impfstoffkandidat CVnCoV in einer Zwischenanalyse nur eine vorläufige Wirksamkeit von 47 Prozent gegen eine Corona-Erkrankung „jeglichen Schweregrades“ erzielt habe. Damit habe er die vorgegebenen statistischen Erfolgskriterien nicht erfüllt.

Curevac-Anleger reagieren panisch, Aktie stürzt ab

Der Curevac-Impfstoffkandidat befindet sich schon seit Dezember - also seit rund einem halben Jahr - in der finalen und damit zulassungsrelevanten 2b/3-Studienphase. Während zahlreiche Konkurrenten ihre Vakzine längst auf den Markt gebracht haben, sammelt Curevac nach wie vor Daten. Ob Curevac nun überhaupt absehbar - und wenn, wann - liefern kann, bleibt vorerst unklar.
Die Bundesregierung hatte den Curevac-Impfstoff Berichten zufolge lange für die zweite Jahreshälfte eingeplant, auf der jüngst vom Bundesgesundheitsministerium veröffentlichten Liste der Impfstoff-Lieferplanungen fehlte das Unternehmen aber bereits. Zuletzt hatte die Plattform „Business Insider“ berichtet, es habe noch Ende Mai in internen Lieferprognosen der Bundesregierung geheißen, dass von Curevac bis Jahresende eine zweistellige Millionenmenge an Impfstoffdosen erwartet werde.

Angesichts der massiven Zeitverzögerung hatte die Firma zuletzt nicht nur ihre Aktionäre immer wieder vertröstet. Bis Anfang Juni hatte es geheißen, das Unternehmen erwarte - abhängig von den klinischen Studiendaten - die Zulassung seines Impfstoffkandidaten in der EU zumindest noch im zweiten Quartal. Doch kurz darauf wurde bekannt, dass sich das Verfahren weiter verzögern werde. Zuletzt war darüber spekuliert worden, der Curevac-Impfstoff könne möglicherweise im August in der EU zugelassen werden. Auch diese Aussichten könnten sich nach Bekanntwerden der neuen Daten erledigt haben. Die Anleger reagierten zeitweise panisch: Der Curevac-Börsenkurs sackte im nachbörslichen US-Handel am Mittwoch um mehr als die Hälfte ab.

Die endgültige Wirksamkeit könnte sich noch verändern.“

Curevac-Vorstandschef Franz-Werner Haas

Zur Frage, wie es mit dem bisherigen Impfstoffkandidaten nun weitergehen soll, äußerte sich Curevac in der Mitteilung nicht im Detail. Allerdings lud das Unternehmen „interessierte Parteien“ für Donnerstag (14 Uhr) zu einer Telefonkonferenz ein.

Curevac-Vorstandschef Franz-Werner Haas teilte mit, man habe auf stärkere Ergebnisse in der Zwischenanalyse gehofft. Man wolle die laufende Studie aber dennoch bis zur finalen Analyse fortsetzen. „Die endgültige Wirksamkeit könnte sich noch verändern.“ SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach schrieb auf Twitter: „Schade, das Team aus Tübingen hätte Erfolg verdient gehabt.“
Der Impfstoffkandidat der Tübinger basiert - ebenso wie beispielsweise das bereits länger in der EU zugelassene Vakzin des Mainzer Konkurrenten Biontech - auf sogenannter „messenger RNA“ (Boten-RNA) und unterscheidet sich damit von herkömmlichen Vektorimpfstoffen wie etwa jenem von Astrazeneca. Doch anders als bei Biontech oder auch beim US-Konkurrenten Moderna lässt die Wirksamkeit des Curevac-Impfstoffs offenbar deutlich zu wünschen übrig.

Die Firma teilte mit, dass die Wirksamkeit des Impfstoffkandidaten von der untersuchten Altersgruppe und den Virusstämmen abhänge. In die Analyse sei die Wirksamkeit gegen mindestens 13 Covid-Varianten eingegangen. Der Epidemiologie Lauterbach folgerte aus den von Curevac bekanntgegebenen Daten: „Verschiedene Varianten waren betroffen. Damit dürfte die Wirkung gegen die Delta-Variante alleine noch niedriger sein.“ Nach Ansicht vieler Virologen ist diese zuerst in Indien bekanntgewordene Virus-Variante deutlich ansteckender und verursacht schwerere Krankheitsverläufe.

Curevac-Großinvestor Dietmar Hopp hatte Impfstoff schon für Herbst 2020 angekündigt

Curevac hatte sich im vergangenen Jahr über einen Börsengang in New York sowie mehrmals über Kapitalerhöhungen frisches Geld verschafft und zudem eine Partnerschaft mit dem Leverkusener Pharmariesen Bayer vereinbart. Historisch noch enger verzahnt ist Curevac allerdings mit dem SAP-Mitbegründer und Investor Dietmar Hopp, der nach wie vor einen Großteil der Anteile an dem Unternehmen hält. Hopp sorgte zu Beginn der Corona-Krise im Frühjahr 2020 für Schlagzeilen, als er überraschend und öffentlichkeitswirksam verkündete, Curevac könne möglicherweise schon im Herbst 2020 einen Corona-Impfstoff liefern. Das blieb ein unerfüllter Wunsch.

Der Hersteller Biontech/Pfizer wird im Juli für Deutschland deutlich weniger Impfstoff liefern als noch im Juni. Die wöchentlichen Lieferungen reduzieren sich von wöchentlich knapp 5,7 Millionen Dosen Ende Juni auf 3,2 Millionen in der ersten Juli-Woche, wie aus Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums hervorgeht, die am Mittwoch bekannt wurden. Für die zweite Juli-Woche werden sogar nur drei Millionen Dosen vorhergesagt.

Biontech liefert Millionen Impfstoffdosen weniger

Das Bundesgesundheitsministerium und das Unternehmen verwiesen drauf, dass Biontech Lieferungen auf das zweite Quartal vorgezogen habe, um mehr Impfungen im Juni zu ermöglichen. „Es war aber immer klar, dass die Gesamtmenge, die Biontech liefert, im dritten Quartal sinken wird und insgesamt bei 40,2 Millionen liegen wird“, erklärte das Ministerium. Im zweiten Quartal waren es noch gut 50 Millionen, rund zehn Millionen mehr als vertraglich vereinbart, und ausreichend für die vollständige Immunisierung von 25 Millionen Menschen in Deutschland.

Für das zweite Quartal werden über 50 Millionen Dosen erwartet. Bei der Gesamtmenge sei im dritten Quartal ein Durchschnitt von wöchentlich rund 3,3 Millionen Dosen zu errechnen. Diese Zahlen seien den Ländern gegenüber immer transparent kommuniziert worden, erklärte das Ministerium.

Auch bei den weiteren Impfstoffen gibt es kaum Hoffnung auf Linderung der Lieferprobleme. So kommt es bei Johnson & Johnson wegen einer Produktionspanne weiter zu Ausfällen. 

Beim Hersteller Moderna steigern sich die wöchentlichen Lieferungen in den ersten beiden Juli-Wochen der Liste zufolge mit 733.000 Dosen gegenüber Ende Juni leicht – hier liegt die Zahl bei gut 622.000. Für Astrazeneca sowie Johnson & Johnson sind in der Liste des Ministeriums keine Zahlen für das dritte Quartal enthalten. Über die Impfkampagne in Deutschland beraten am Mittwoch die Gesundheitsminister von Bund und Ländern.

Impfstoff zu knapp: Vielerorts keine Termine für Erstimpfung verfügbar

Knapp 55 Millionen Impfdosen wurden nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) inzwischen verabreicht (Stand Montagmittag). 38 Millionen Menschen (45,7 Prozent) sind mindestens einmal, 17,7 Millionen (21,3 Prozent) vollständig geimpft. Die Impfungen hatten Ende vergangenen Jahres begonnen. Zunächst waren Menschen über 80, Bewohner von Alten- und Pflegeheimen und medizinisches Personal an der Reihe. In der Reihenfolge kamen auch chronisch Kranke, später Lehrkräfte und Erzieher und andere Berufsgruppen früher zum Zug, bis die sogenannte Priorisierung nun schließlich aufgehoben wurde.

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebunds, Gerd Landsberg, sagte der „Rheinischen Post“ (Montag), die Aufhebung der Impfpriorisierung werde bei vielen Menschen zu Ernüchterung führen. „Enttäuschung und Frust sind dabei vorprogrammiert, da nicht sofort ausreichend Impfstoff zur Verfügung steht“, sagte er. „Frust und Enttäuschung werden sich noch verschärfen, da bis Mitte Juni 2021 – eventuell sogar bis Ende Juni – zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen keine Termine für Erstimpfungen in den Impfzentren zur Verfügung stehen werden.“

Der Impfstoff sei immer noch zu knapp für die hohe Nachfrage und werde auch weiterhin zu unzuverlässig geliefert, sagte Ulrich Weigeldt, Vorsitzender des Deutschen Hausärzteverbandes, den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Montag). Gleichzeitig werde mit der Aufhebung der Priorisierung und der Ankündigung der Kinder- und Jugendimpfungen die Nachfrage noch zunehmen.