Taliban-Kämpfer haben ein Fahrzeug der Armee gekapert, fahren damit durch die Stadt Kandahar. AFP

Täglich erobern die radikalislamistischen Taliban-Kämpfer weitere Städte und Gebiete in Afghanistan. Der Ring um die Hauptstadt Kabul zieht sich immer enger, es ist die letzte Bastion der Regierungstruppen. Doch wie lange noch? Bisher haben die afghanischen Streitkräfte den Islamisten auf deren rasend schnellen Eroberungsfeldzug kaum etwas entgegengesetzt.

Taliban umzingeln Kabul

Berichte über heftige Kämpfe gab es am Sonnabend aus dem nördlichen Masar-i-Scharif. Die Stadt, wo die Bundeswehr zuletzt ihr größtes Feldlager hatte, ist das wirtschaftliche Zentrum der Region im Norden, die immer als Bollwerk gegen die Taliban galt.

EU und Deutschland steht hohe Zahl an Flüchtlingen bevor

Der Vormarsch der Taliban wird schon bald Folgen auch für Deutschland haben, ist sich der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Michael Roth (SPD), sicher. Er rechnet damit, dass die Europäische Union und Deutschland bald mit einer stark steigenden Flüchtlingszahl konfrontiert sein werden. „Die Zahl der Geflüchteten hat bereits dramatisch zugenommen“, sagte Roth der in Düsseldorf erscheinenden Rheinischen Post (Sonnabendausgabe).

Tausende Afghanen flohen vor den Taliban, leben jetzt in Zeltstädten in Kabul. AP/Rahmat Gul

3,5 Millionen Flüchtlinge in Afghanistan

Derzeit gebe es am Hindukusch 3,5 Millionen Binnenflüchtlinge, 400.000 allein in diesem Jahr, so Roth. Der Druck werde nicht nur weiter „massiv“ auf die Türkei, Iran und Pakistan wachsen. „Ich bin mir sicher, dass der Migrationsdruck auf die EU und Deutschland aber auch zunehmen wird“, sage der Staatsminister.

Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock fordert deshalb schon jetzt die Aufnahme von Kontingenten afghanischer Flüchtlinge in Europa, den USA und Kanada. Man müsse sich jetzt darauf vorbereiten, „dass weitere Menschen in so einer dramatischen Situation ihr Land verlassen müssen“, sagte sie im „Interview der Woche“ mit dem Deutschlandfunk.

Kanada erklärte sich bereit, bis zu 20.000 Flüchtlinge aufzunehmen. „Die Lage in Afghanistan ist herzzerreißend und Kanada wird nicht tatenlos zusehen“, sagte Einwanderungsminister Marco Mendicino dazu am Freitag.

Die Bundeswehr bereitet schon einen Evakuierungseinsatz am Hindukusch vor. Derzeit sind noch etwa 100 Deutsche in Afghanistan. Die genaue Zahl der Ortskräfte ist noch unklar. So haben allein Organisationen aus dem Geschäftsbereich des Bundesentwicklungsministeriums derzeit noch mehr als 1000 einheimische Mitarbeiter in Afghanistan.

USA beklagen mangelnde Kampfbereitschaft der Regierungstruppen

Die US-Regierung hat der afghanischen Führung und den Sicherheitskräften mangelnde Kampfbereitschaft vorgeworfen. Die afghanischen Sicherheitskräfte seien den Taliban in Bezug auf Ausrüstung, Training und Truppenstärke überlegen und verfügten über eine eigene Luftwaffe, sagte der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, John Kirby, dem Sender CNN. Es sei „beunruhigend“ zu sehen, dass die politische und militärische Führung nicht den „Willen“ gehabt habe, sich dem Vormarsch der militanten Islamisten zu widersetzen.