Terrakotta-Büsten der Künstlerin Prune Nourry zeigen die Gesichter der jungen Frauen von Chibok, die bis heute nicht freigekommen sind. 
Terrakotta-Büsten der Künstlerin Prune Nourry zeigen die Gesichter der jungen Frauen von Chibok, die bis heute nicht freigekommen sind.  AP/Sunday Alamba

Der Bildschirmschoner auf dem Handy von Margret Yama (25) zeigt ein Foto ihrer Cousine Rifkatu Galang: Vor fast neun Jahren war sie, damals noch ein Mädchen, mit 275 weiteren Schülerinnen aus ihrer Schule im Nordosten von Nigeria verschleppt worden. Täter waren Angehörige der islamistischen Boko Haram-Miliz, die meisten Opfer Christinnen. Auch Margret war unter den Geiseln, wurde aber 2017 befreit. Dutzende weitere wurden gerettet oder gefunden, 94 jedoch werden noch vermisst, darunter Rifkatu Galang.

„Ich habe sie als Bildschirmschoner gespeichert, damit ich jedes Mal, wenn ich ihr Gesicht sehe, daran erinnert werde, für ihre Rückkehr zu beten“, sagt Margret. Sie bete jeden Tag für ihre Cousine und die anderen Vermissten.

2017 befreite junge Frauen aus Chibok: Sie durften wieder bunte Kleider tragen, aber die Gesichter zeigten, wie sie unter den Folgen ihrer Entführung litten.
2017 befreite junge Frauen aus Chibok: Sie durften wieder bunte Kleider tragen, aber die Gesichter zeigten, wie sie unter den Folgen ihrer Entführung litten. AP/Olamikan Gbemiga

Boko Haram-Leute hatten am 14. April 2014 die staatliche  Oberschule für Mädchen in der Gemeinde Chibok im Bundesstaat Borno gestürmt und die Mädchen entführt, die sich gerade auf eine Prüfung vorbereiteten.

Weltweite Kampagne zur Befreiung der Entführten

Für eine Rückkehr der zahlreichen vermissten Mädchen wurde eine Social-Media-Kampagne unter dem Motto #BringBackOurGirls ins Leben gerufen, an der sich Prominente weltweit beteiligten, unter ihnen die ehemalige First Lady der USA, Michelle Obama.

Prune Nourry hält die Erinnerung an die Entführten wach.
Prune Nourry hält die Erinnerung an die Entführten wach. Prune Nourry

Nun erinnern auch neue Skulpturen an die Vermissten. Geschaffen hat sie die französische Künstlerin Prune Nourry in Zusammenarbeit mit der Obafemi-Awolowo-Universität. Ihre Serie unter dem Titel „Statues Also Breathe“ („Auch Statuen atmen“) wurde durch die Terrakotta-Köpfe der nigerianischen Ife-Kultur inspiriert.

Nourry hofft darauf, dass die in der Metropole Lagos gezeigten Kunstwerke die Welt an eine weitgehend vergessene Tragödie erinnern werden. „Diese Köpfe personifizieren die abwesenden Mädchen, die immer noch vermisst werden, damit wir sie nicht vergessen, und wirft die Frage nach dem Recht von Mädchen weltweit auf sichere Bildung auf“, erklärt die Künstlerin.

Auch 2022 war ein Dutzend der vermissten Frauen zurückgekehrt. Zugleich machte die Nachricht die Runde, dass einige in der Gewalt der Boko Haram gestorben sind, und so schlug kurzer Hoffnungsschimmer für die Familien der noch Vermissten in noch mehr Verzweiflung um.

Zanna Lawan, dessen Tochter Aisha im Alter von 16 Jahren verschleppt worden war, erfuhr nach eigenen Worten von einer 2022 zurückkehrten Geisel, dass Aisha zwei Kinder von Boko-Haram-Mitgliedern bekommen und eines verloren habe. Alle Mädchen in Gefangenschaft seien inzwischen verheiratet, sagt Lawan. Er könne seit der Entführung keine Freude mehr empfinden: „Alles, was ich will, ist meine Tochter lebendig wiederzusehen.“ Die jungen Frauen, die in diesem Jahr ihre Freiheit zurückbekamen, kehrten nicht allein nach Hause zurück. Alle hatten nach Angaben der Eltern Kinder von den Extremisten, insgesamt 24.

Zwangsehen mit den islamistischen Entführern

Im Laufe der Jahre haben freigekommene Mädchen hatten bereits davon berichtet, wie sie von den Kämpfern zur Heirat gezwungen wurden. Manche, die sich anfangs weigerten, gaben schließlich auf, da sie jede Hoffnung verloren hatten, wie Margret Yama erzählt. Sie erinnert sich an das Leben in den Camps der Extremisten: Die Mädchen hätten meist zusammengelebt, nur ihre Ehemänner hätten unbeschränkt Zugang zu ihnen gehabt. „Wir waren zusammen wie eine Familie.“

Ihre Mutter war kurz nach ihrer Entführung 2014 gestorben. Mindestens 30 weitere Elternteile leben inzwischen nicht mehr, wie Lawan sagt, der eine Elternorganisation der Chibok-Opfer mit leitet. Das Trauma infolge des Kidnappings mache die Angehörigen gesundheitlich anfälliger.

Nigerias Präsident Muhammadu Buhari (mit Brille) empfing 2016 das befreite „Chibok-Girl“ Amina Ali und ihr Baby.
AP/Azeez Akunleyan
Nigerias Präsident Muhammadu Buhari (mit Brille) empfing 2016 das befreite „Chibok-Girl“ Amina Ali und ihr Baby.

Der heutige nigerianische Präsident Muhammadu Buhari hatte ein Jahr nach der Entführung im Wahlkampf versprochen, die Mädchen zu retten. Das hatte auch teilweise geklappt, unter anderem vermutlich durch die Zahlung von Lösegeld und die Entlassung gefangener Boko Haram-Kommandeure. Im Dezember versicherte der nationale Sicherheitsberater Babagana Monguno erneut, dass das Militär dazu nach wie vor entschlossen sei, die jungen Frauen zu befreien.

Misstrauen gegenüber der nigerianischen Armee

Viele Eltern ziehen das aber zunehmend in Zweifel. Die Gemeinde Chibok leidet immer noch unter Angriffen der Boko Haram und einer Splittergruppe. „Ich kenne die nigerianische Armee, sie kann diese Aufgabe innerhalb von 24 Stunden erledigen, aber ich weiß nicht, was es so schwierig macht“, sagt Yabuku Nkeki, dessen Nichte unter den befreiten Mädchen war. Als Vorsitzender des Elternverbands versucht er, den Familien Hoffnung zu geben. Obwohl seine Nichte wieder in Freiheit sei, habe er keinen Seelenfrieden gefunden, sagt er.

Margret Yama versucht nach ihren Jahren in der Gewalt der Extremisten zur Normalität zurückzukehren. Sie studiert Jura an der Amerikanischen Universität von Nigeria. Ihre größte Herausforderung sei es, sagt sie, die Hoffnung auf eine Rückkehr ihrer Cousine und all der anderen Mädchen nicht zu verlieren.