Unter bestimmten Bedingungen könnte Europa im nächsten Winter ohne russisches Erdgas auskommen. imago images/Petra Schneider

Unter bestimmten Bedingungen könnte Europa im nächsten Winter ohne russisches Erdgas auskommen. Zu diesem Ergebnis kommt eine am Freitag vorgestellte Studie des Beratungsunternehmen Aurora Energy Research. Die Analysten nehmen für diesen Fall eine Lücke von 109 Milliarden Kubikmeter Erdgas an, was 38 Prozent aller geplanten Gaslieferungen in die EU entspräche. Diese Lücke müsste durch andere Lieferungen und Verbrauchskürzungen geschlossen werden, hieß es.

Alternative Lieferungen könnten gesteigert werden durch eine Kombination aus mehr Flüssiggas- und Pipeline-Importen und einer stärkeren heimischen Erdgasförderung, hieß es in einer Mitteilung. Eine wichtige Rolle spiele auch die Gasspeicherung. Hilfreich wäre es, wenn die Speicher zu Beginn des kommenden Winters zu 90 Prozent gefüllt sind. Auf der Grundlage aktueller Gaspreise rechnen die Analysten dafür mit Kosten in der Größenordnung von 60 bis 100 Milliarden Euro. Starke staatliche Eingriffe wären für die Einspeicherung erforderlich.

Gasbedarf in verschiedenen Wirtschaftsbereichen reduzieren

Je nach Speicherfüllständen müsste der Gasbedarf in verschiedenen Wirtschaftsbereichen mehr oder weniger reduziert werden. So könnte die geplante Abschaltung von Atom- und Kohlekraftwerken mit einer Kapazität von insgesamt 25 Gigawatt verzögert werden, was rund 12 Milliarden Kubikmeter Gasverbrauch durch Gaskraftwerke ausgleichen würde. Der Kohlebedarf und in der Folge auch die CO2-Emissionen würden allerdings entsprechend steigen.

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Würden allerdings auch noch die russischen Kohlelieferungen gestoppt, würde dies eine „erhebliche Herausforderung“ für die Kohlekraftwerksbetreiber bedeuten, so die Studie. Auch Haushalte könnten durch maßvolle Verhaltensänderungen den Gasverbrauch senken.

Ein Gaszähler hängt im Keller eines Einfamilienhauses. Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

Das Bundeswirtschaftsministerium arbeitet nach Informationen der „Welt am Sonntag“ an einem umfassenden Regulierungspaket zur Senkung des Gasverbrauchs. Die Zeitung beruft sich in ihrem Bericht auf ein als „Zwischenstand“ gekennzeichnetes Konzept der „Ad hoc Projektgruppe Gasreduktion“. Der Plan sehe im Gebäudebereich eine Solardach-Pflicht für gewerbliche und private Neubauten vor. Dafür seien „zinsgünstige Solarförderkredite“ vorgesehen.

Zudem soll dem noch unveröffentlichten Konzept zufolge die Vorgabe des Koalitionsvertrages zeitnah umgesetzt werden, wonach ab 2025 nur noch Heizungen verbaut werden dürfen, die auf Basis von 65 Prozent erneuerbare Energien betrieben werden. „Konkret bedeutet dies, dass ab 2025 vor allem Wärmepumpen eingebaut und Gebäude an Wärmenetze angeschlossen werden, wobei Biomasse und Solarthermie sowie Photovoltaik-Dachanlagen eine unterstützende Rolle spielen“, zitierte die Zeitung aus dem Papier.

„Zinsgünstige Solarförderkredite“ vorgesehen

Eine „breite Informationskampagne“ und die frühe Zusage für Fördergelder solle verhindern, dass die Immobilienbesitzer jetzt noch schnell „massiv fossile Heizungen sozusagen auf Vorrat einbauen“, heißt es demnach in dem Papier weiter. Eine „Ausbildungsoffensive für Wärmepumpeninstallateure“ solle Engpässe bei den Handwerkerkapazitäten verhindern.

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Um Fernwärme-Netze künftig mit nicht-fossiler Energie speisen zu können, enthält das Konzept dem Bericht zufolge eine „Abwärme-Nutzungspflicht“. Die Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW), die bislang nur ein Budget von 1,5 Milliarden Euro bis 2025 vorsehe, solle bis 2030 „verlässlich auf 11,4 Milliarden Euro aufgestockt“ werden.

Vorgesehen sei zudem die Möglichkeit für „Superabschreibungen“ für die Industrie, um Investitionen in Effizienztechnik auszulösen. Die Prozesswärme soll demnach nicht aus der Gasverbrennung kommen, sondern aus strombetriebenen Großwärmepumpen und Elektrodenkesseln.

Weil diese Technologien deutlich teurer sind, verspricht das Konzept der Arbeitsgruppe der Industrie eine „Betriebskostenförderung“, wie die „Welt am Sonntag“ weiter berichtete. Über die Höhe der notwendigen Fördersummen macht das Papier demnach keine Angaben.