Verwüstete Straßenzüge im Kiewer Vorort Butscha - hunderte Zivilisten sollen hier brutal ermordet worden sein. AP/Rodrigo Abd

Nach wochenlangen Kämpfen hat die ukrainische Armee nach Regierungsangaben die Region um die Hauptstadt Kiew wieder vollständig unter ihre Kontrolle gebracht. „Irpin, Butscha, Hostomel und die gesamte Region Kiew wurden von den Invasoren befreit“, schrieb Vize-Verteidigungsministerin Hanna Maliar am Samstag auf Facebook.

Aus den nordwestlichen Vororten Irpin und Butscha hatten sich die Truppen bereits in den vergangenen Tagen zurückgezogen, nachdem ihr Versuch, die ukrainische Hauptstadt einzukesseln, gescheitert war. Und mit dem Abrücken der Panzer zeigen erschreckende Bilder die Kriegsverbrechen, die Putins Soldaten angerichtet haben sollen.

In Butscha entdeckten ukrainische Soldaten Hunderte getötete Zivilisten. imago/Zuma Wire

Butscha wurde durch die russischen Angriffe verwüstet. Wohnhäuser wurden durch Granatenbeschuss beschädigt und auf den Straßen waren zerstörte Autos zu sehen, wie AFP-Reporter berichteten. Sie sahen auf einer einzigen Straße in Butscha mindestens 20 Leichen liegen. Die Toten trugen zivile Kleidung.

Grauenvolle Morde an Zivilisten in Kiews Vororten

„Sie waren nicht beim Militär, sie hatten keine Waffen, sie stellten keine Bedrohung dar“, twitterte der ukrainische Präsidentenberater Mychajlo Podoljak. „Wie viele derartige Fälle ereignen sich gerade in den besetzten Gebieten?“ Auf einem Foto, das Podoljak in seinem Tweet teilte, waren erschossene Männer zu sehen, bei einem von ihnen waren die Hände auf dem Rücken gefesselt. Die Echtheit des Bildes konnte nicht unabhängig geprüft werden. Auch weitere Berichte ukrainischer Medien über vermeintliche Gräueltaten russischer Soldaten konnten nicht unabhängig überprüft oder bestätigt werden.

Die Straßen der Kleinstadt Butscha seien mit Leichen übersät, berichtete auch Bürgermeister Anatoly Fedoruk. Es stünden Autos auf den Straßen, in denen „ganze Familien getötet wurden: Kinder, Frauen, Großmütter, Männer“. Nach Angaben des Bürgermeisters mussten 280 Menschen in Butscha in Massengräbern beigesetzt werden, da die drei städtischen Friedhöfe noch in Reichweite des russischen Militärs lagen.

Vorwurf des Völkermords gegen Putin

In ukrainischen Medien ist von einem „Massaker“ die Rede, der ehemalige ukrainische Botschafter in Wien, Olexander Scherba, sprach von „Barbarei“. Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko warf dem russischen Präsidenten Wladimir Putin wegen der Kriegsgräuel Völkermord vor. „Das, was in Butscha und anderen Vororten von Kiew passiert ist, kann man nur als Völkermord bezeichnen. Es sind grausame Kriegsverbrechen, die Putin dort zu verantworten hat“, sagte Klitschko zur Bild-Zeitung.

Entsetzen über Gräueltaten, EU kündigt Untersuchung an

Die Bilder der „hemmungslosen Gewalt“ aus Butscha seien „unerträglich“, schrieb Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) auf Twitter. Die EU kündigte eine Untersuchung an. „Dieses furchtbare Kriegsverbrechen kann nicht unbeantwortet bleiben“, sagte Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) der Bild-Zeitung und forderte schärfere Sanktionen.

Die ukrainische Regierung wertete den „schnellen Rückzug“ der russischen Truppen aus dem Großraum Kiew und der weiter nördlich gelegenen Region Tschernihiw als Beleg für den von Moskau angekündigten Strategiewechsel. Die russische Armee wolle sich nun „nach Osten und Süden zurückziehen und dort die Kontrolle über große besetzte Gebiete behalten“, sagte Präsidentenberater Podoljak.

Angriffe auf Hafenstadt Odessa

Und mit Sorge blickt die Regierung im Osten der Ukraine auf die bisher vom Krieg weitgehend verschont gebliebene Stadt Odessa. Am Morgen wurden bei einem Luftangriff eine Ölraffinerie und drei Treibstofflager in der größten Hafenstadt der Ukraine getroffen. Der Stadtrat der Metropole mit etwa einer Million Einwohnern hatte zuvor schon von Bränden im Stadtgebiet berichtet.