Müssen die Maßnahmen noch härter werden, damit die Zahlen sich verbessern? Foto: imago images/Alexander Limbach

Lockdown-Maßnahmen seit mehr als zwei Monaten – doch noch immer bleibt die Zahl der Corona-Neuinfektionen mit derzeit 25.164 binnen 24 Stunden massiv, die Zahl der Todesfälle erreichte mit 1244 sogar einen traurigen neuen Rekord. Doch warum bleiben die Zahlen so erschreckend hoch? Und steuern wir jetzt auf einen totalen Lockdown zu, um die Zahlen endlich zu drücken?

Gehen die Einschränkungen nicht weit genug oder halten sich zu viele Menschen nicht an die Regeln – die Suche nach Antworten auf die Frage nach dem Warum für anhaltend hohe Corona-Infektionszahlen gleicht einem Stochern im Nebel.

Warum sinken die Infektionszahlen nicht?

Zu ungewiss ist, wo genau sich die Betroffenen angesteckt haben, sagte Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen. Häufungen stünden im Zusammenhang mit Alten- und Pflegeheimen, privaten Haushalten und dem beruflichen Umfeld.

Was tun also, um Kontakte auf allen Ebenen noch besser zu vermeiden? Derzeit gebe es noch viel weniger Menschen im Homeoffice als im Frühjahr, sagte die Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig über mögliche Ursachen für hohe Infektionszahlen.

Lesen Sie auch: Angela Merkel warnt vor aggressiver Virus-Mutation >>

Deshalb appellierte auch der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, gestern an Arbeitgeber, zum Schutz der Beschäftigten mehr Heimarbeit zu ermöglichen. Darüber hinaus hätten laut Hajo Zeeb anders als im Lockdown im Frühjahr viele große Betriebe noch offen. „Das führt dazu, dass viele Menschen unterwegs sein müssen.“ Außerdem sind derzeit bis 40 Prozent der Kita-Kinder in der Notbetreuung statt daheim.

RKI-Chef Lothar Wieler rief Firmen auf, mehr Homeoffice anzubieten. Foto: AP/John MacDougall

Werden im nächsten Schritt deshalb auch große Teile der Wirtschaft schließen? Thüringens Landeschef Bodo Ramelow (Linke) war mit seiner Forderung, die gesamte deutsche Wirtschaft in den Lockdown zu schicken, vor wenigen Tagen noch abgeblitzt.

„Wir werden am 1. Februar nicht alle Beschränkungen aufheben können“, stellte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Mittwoch in der ARD-Sendung „Maischberger“ zwar die Verlängerung der Maßnahmen möglicherweise bis Ostern in Aussicht – über einen verschärften Komplett-Lockdown mit Betriebsschließungen schwieg er sich allerdings aus.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) stellte die Lockdown-Verlängerung in Aussicht – möglicherweise bis Ostern? Foto: WDR/dpa/Oliver Ziebe

Dafür gab Mecklenburg-Vorpommerns Regierungschefin Manuela Schwesig (SPD) die Richtung vor: „Sollten sich Virusmutationen wie die aus Großbritannien auch in Deutschland ausbreiten, sind möglicherweise sogar weitere Verschärfungen nötig.“ 

Auch RKI-Präsident Wieler befürwortete eine Verschärfung als „Option“. Die Zahlen seien noch viel zu hoch, die derzeit geltenden Einschränkungen seien nicht ausreichend: „Diese Maßnahmen, die wir jetzt machen - für mich ist das kein vollständiger Lockdown, es gibt immer noch zu viele Ausnahmen. Die Maßnahmen müssen konsequenter umgesetzt werden“, sagte Wieler.

Alle aktuellen News aus Politik & Wirtschaft finden Sie hier.

Laut Epidemiologe Hajo Zeeb ist derzeit unklar, wie stark die wohl ansteckendere Coronavirus-Variante B.1.1.7 in Deutschland schon verbreitet ist. Dass das Sinken der Neuinfektionszahlen nur sehr langsam vorankomme, könne aber ein Indiz dafür sein, dass sich das Virus an manchen Stellen verändert habe.

Strenge Maßnahmen kosten Milliarden

Dass strenge Maßnahmen helfen würden, die Ausbreitung des Virus deutlich zu verringern, zeigen Beispiele wie China, wo die Regierung viel rigoroser durchgreift. Ob man das mit all den damit verbundenen Folgen wolle, müsse für jeden einzelnen Fall diskutiert werden, sagte Hajo Zeeb auch mit Blick auf die Milliarden-Kosten.

Klar sei, dass die Grundlagen für politische Entscheidungen verbessert werden müssten. „Wir können unsere Entscheidungen noch nicht gut begründen, auf Grundlage von Daten“, sagt der Epidemiologe Zeeb. „Wir wissen nicht mal hinterher, was ausschlaggebend gewesen ist.“

Weil die Pandemie noch Monate anhalten werde, sei es wichtig, gemeinsam festzuzurren, welche Daten man erheben wolle und wie diese intelligent interpretiert werden können. Das laufe bisher viel zu lückenhaft und uneinheitlich.