Stefan Liebich Foto: Berliner KURIER/Carsten Koall

Stefan Liebich hat ins KulturGut Marzahn eingeladen, ein Kulturzentrum am Rande der Stadt. Die Gegend verbindet er mit wichtigen Stationen in seinem Leben. Ein paar Minuten entfernt, die Straße runter, befand sich früher das SED-PDS-Büro. Da stand er an seinem 18. Geburtstag im Dezember 1990, um in die Partei einzutreten – in einer Zeit, in der Hunderttausende austraten. Fünf Jahre später, 1995, feierte er im Freizeithof – so hieß das KulturGut damals – seine Wahl ins Abgeordnetenhaus für Biesdorf. Seit 2009 sitzt Stefan Liebich im Bundestag. Bei der Verabredung zu diesem Interview schrieb er in seiner Nachricht, dass er dabei auch über „seine Geschichte mit dem Ministerium für Staatssicherheit“ reden wolle. Das Gespräch findet in einem Raum des KulturGuts statt, mit Filterkaffee, Abstand und offenem Fenster.

Stimmt es, dass Sie als 13-Jähriger von der Stasi angesprochen wurden, um später als Hauptamtlicher zu arbeiten?

Ja, das stimmt.

Warum ist das bisher kaum bekannt?

Als die Mauer fiel, war ich 16 Jahre alt. Und alles, was an MfS-Geschichte in meinem Leben passiert ist, passierte als Minderjähriger. Das heißt, niemand, auch keine Journalistin und kein Journalist, hatte Zugriff auf meine Akte. Ich habe eine Anfrage bei der Stasi-Unterlagenbehörde gestellt, es gab damals aber nur eine Karteikarte, darauf stand sinngemäß: Der hatte was mit dem MfS zu tun. Ich habe diesen Teil meiner Vergangenheit offengelegt, es steht auf meiner Homepage. Es gab auch kleinere Zeitungsartikel dazu, aber ich habe es selten aktiv thematisiert.

Warum jetzt?

Ich habe anlässlich des 30. Jahrestages der Friedlichen Revolution in der DDR viel darüber nachgedacht. Einerseits ist es mir wichtig, auch über diesen Teil der DDR-Geschichte zu reden. Es gehört auf den Tisch, dass Kinder als Zuträger missbraucht wurden. Andererseits ist die Thematisierung einer eigenen Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit als aktiver Politiker nicht einfach. Eine gute Freundin hat mich aber sehr ermutigt. Deshalb jetzt.

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Wie kam das MfS damals auf Sie?

Meine Eltern waren beide in der SED und arbeiteten im öffentlichen Dienst der DDR. Wir hatten kaum Westverwandtschaft, das passte auch. Aber das allein hätte nicht gereicht. Sie wollten auch gute schulische Leistungen und „gesellschaftliches Engagement“. Und ich war schon immer Gruppenratsvorsitzender, im Freundschaftsrat, in der FDJ-Leitung und so weiter. In der Logik der DDR war die Ansprache durch das MfS dann nachvollziehbar. Aus heutiger Sicht sage ich: Es ist einfach völlig falsch, Kinder anzusprechen, bei einem Geheimdienst zu arbeiten. In den Treffen, die ungefähr jährlich stattfanden, ging es auch darum: „Stefan, was gibt es Berichtenswertes?“ Ich hatte später eine Riesenangst, jemandem geschadet zu haben.

Warum sind Sie hingegangen?

Das ist aus heutiger Sicht bestimmt schwer nachzuvollziehen, aber mein Blick auf das MfS war nullkommanull auf die Tätigkeit nach innen bezogen. Ich habe nur gedacht, was die DDR für tolle Kundschafter hat und wie diese uns vor dem Dritten Weltkrieg retten. Für mich war das eine positive Organisation. Ich hatte auch keine Erfahrung mit etwas anderem. Ich bin in meiner Schulzeit in Hohenschönhausen und Marzahn auf niemanden aus oppositionellen Bewegungen getroffen. Bei Gleichaltrigen, die ich später kennenlernte, die in Prenzlauer Berg oder Mitte aufgewachsen sind, zum Beispiel im Umfeld der Zionskirche oder der Gethsemanekirche, war das ganz anders. Sie haben erlebt, dass Menschen verhaftet und eingesperrt wurden. Aber ich hatte kein negatives Gefühl zum MfS.

Foto: Berliner KURIER/Carsten Koall
Zur Person

Geboren wurde Stefan Liebich 1972 in Wismar. Anfang der 80er-Jahre zog die Familie nach Berlin-Marzahn. Nach dem Abitur studierte er an der Technischen Fachhochschule in Wedding Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Informatik. Eigentlich wollte er nach seinem Diplom bei IBM anfangen, entschied sich dann aber für die Politik. Er wurde im Wahlkreis Biesdorf ins Abgeordnetenhaus gewählt, machte in der PDS Karriere: Landesvorsitzender mit 28, Fraktionschef mit 30. 2009 wechselte er in den Bundestag, als Abgeordneter für Pankow. Er war lange außenpolitischer Sprecher seiner Fraktion und Obmann im Auswärtigen Ausschuss. Bei der Bundestagswahl im kommenden Jahr tritt er nicht wieder an.

Sie hatten keine Zweifel?

Im Gegenteil. Ich war stolz, dass sie mich gefragt haben. Wie schlimm es ist, wenn ein Staat 13- oder 14-Jährige auffordert, über ihre Berufsplanung zu lügen und Informationen weiterzugeben, letztlich die Klassenkameraden zu verraten, das habe ich mir erst viel später eingestanden. Das hat mich wütend gemacht, auch auf mich selbst. Ich habe mich so oft gefragt, was passiert wäre, wenn die Mauer nicht gefallen wäre. Ich habe lange mit Schuldgefühlen gekämpft. Ich habe viele, viele Gespräche geführt, mit meiner Fraktion im Abgeordnetenhaus, aber auch mit Menschen wie dem Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde Roland Jahn, um zu verstehen, was ich da erlebt habe.

Hatten Sie sich Vorteile erhofft?

Es gibt ein Argument, das bei mir eine Rolle spielte, und das lässt mich in keinem besonders guten Licht dastehen, aber es gehört zur Wahrheit. In der DDR war es nicht so einfach, das Abitur zu machen. Pro Klasse wurden ein, zwei Plätze vergeben. Man musste neben sehr guten Leistungen auch „gesellschaftlich aktiv“ sein, wie es damals hieß. Letzteres bedeutete, dass man positiv zur DDR stehen musste. Wer gegen sie war, hatte schlechte Karten. In meiner Klasse gab es viele sehr gute Schülerinnen und Schüler und es war keineswegs ausgemacht, dass ich Abitur machen kann. Es war sicher ein relevanter Teil meiner Motivation.

Gab es noch mehr Jugendliche, die die Stasi angesprochen hatte?

Ja, ich habe Leute aus der Parallelklasse oder der benachbarten Schule bei den Treffen des MfS-Bewerberkollektivs erkannt. Wir hatten zusätzlich zu dem in der DDR für alle Jungs stattfindenden Wehrlager sogar ein eigenes tschekistisches Ausbildungslager in der 10. Klasse, inklusive Schießausbildung und Vorträgen über die „politisch-ideologische Diversion des Gegners“, zu „Konspiration, Geheimhaltung und Wachsamkeit“. Die Tscheka war der Geheimdienst der Sowjetunion unter Lenin. Ich war damals 15!

Viele Gleichaltrige haben sich in den 80er-Jahren nicht mehr mit der DDR identifiziert, hörten West-Musik, trugen West-Klamotten und träumten sich weg aus einem Land, das sie als eng und spießig empfanden. Warum war das bei Ihnen anders?

Die mangelnde Reisefreiheit war kein Problem für mich. Ich war schon zu meiner Jugendweihe in Minsk, später in Leningrad. Ich war der Erste in der Familie, der mal in ein Flugzeug gestiegen ist. Ich war 1988 beim Depeche-Mode-Konzert in der Werner-Seelenbinder-Halle. 6000 Menschen, und alle dachten, sie werden die Band nie wieder danach sehen. Das ist bis heute das größte Konzert meines Lebens! Ich dachte, es würde besser werden in der DDR.

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Erinnern Sie sich an Ihre Gespräche mit den Stasi-Offizieren?

Ich habe vor einiger Zeit noch mal meine Akte beantragt. Es ist inzwischen ein kleiner Stapel geworden. Da ist jedes Zeugnis drin, auch medizinische Berichte. Das Interessanteste sind die Protokolle der Gespräche, die sie mit mir geführt haben. Ich habe alles mehrmals gelesen und war sehr erleichtert, dass ich offenbar nichts erzählt habe, was irgendjemandem hätte schaden können. Die Treffen fanden in einer Dienststelle des MfS in Hohenschönhausen statt, und die Herren Offiziere waren immer sehr freundlich. Sie fragten: „Kommst du mit der Schule voran, wie geht es deinem Freund A und deinem Freund B?“ Und sie wollten über „Vorfälle“ informiert werden. Zum Glück gab es offenbar keine. Das letzte Gespräch war im September 1989. Und dann hatten wir noch im Januar 1990 ein Abschlussgespräch.

Nach dem Mauerfall?

Genau, das war bizarr. Wir wurden in die Zentrale des inzwischen in „Amt für Nationale Sicherheit“ umbenannten Ministeriums nach Lichtenberg eingeladen, und sie versprachen uns, dass sie unsere Akten zu unserem Schutz als Erstes vernichten würden. Das habe ich schon damals nicht geglaubt. Sie sagten, dass wir zwar nunmehr als Bewerber entpflichtet seien, die Schweigeverpflichtung aber für immer weiterbestehen würde. Das war absurd, kurz vor der ersten freien Wahl.

Wohin hätte Ihre Ausbildung führen sollen, zum Top-Spion?

Da wurde einem vieles in Aussicht gestellt, klar. Ich habe gedacht, ich werde Journalist oder studiere Militärmedizin, mache eine ganz normale Ausbildung, aber auf dem MfS-Ticket. In den Akten steht aber, dass sie im Kern die ganze Zeit vorhatten, mich als „operativen Mitarbeiter“ in den Apparat zu stecken, der dann andere unterdrückt oder abhört. Das haben sie mir aber nicht gesagt.

Als was sind Sie in Ihrer Akte konkret geführt? Als „IM“?

Nein. In der Akte nennen mich die Mitarbeiter der Hauptverwaltung Kader und Schulung des MfS den „L.“, den „Kandidaten“ oder den „KV“, was Kadervorschlag bedeutet.

Stefan Liebich im Reichstagsgebäude.
Foto: Berliner Zeitung/Carsten Koall

Wie haben Sie den Mauerfall erlebt?

Ich bin zur Schule gegangen, abends habe ich diese Pressekonferenz mit Günter Schabowski in den Nachrichten gesehen und dann bin ich schlafen gegangen. Morgens habe ich damals immer West-Fernsehen geguckt, das wurde damals sogar in das Marzahner Kabelnetz eingespeist. Auf dem Sender „Rias TV“ kamen normalerweise Musikvideos, aber an dem Morgen liefen diese Bilder von jubelnden Menschen. Ich war dann ein bisschen bockig, weil die halbe Klasse nicht in der Schule war, das fand ich empörend. Ich wollte erst nicht in den Westen, ich war mir auch nicht sicher, ob ich durfte, ich war ja Bewerber beim MfS. Aber nach vier Tagen war mir das egal. Ich bin am U-Bahnhof Jannowitzbrücke eingestiegen und nach Kreuzberg gefahren, bin da rumgestromert und habe mir eine Filmzeitschrift mit Sophie Marceau gekauft. Am Tag der Wiedervereinigung am 3. Oktober, war ich auf dem Kollwitzplatz und habe mit vielen anderen Leuten dort die DDR und die Bundesrepublik verabschiedet und die „Autonome Republik Utopia“ gegründet.

Das war eine Kunstaktion in Prenzlauer Berg ...

Genau. Damit sollte das Abschiednehmen leichter gemacht werden, ohne dass man gleich im vereinigten Deutschland ankommt. Ich habe noch meinen Pass von damals.

Ein Mann, der Stasi-IM war, dann im vereinigten Deutschland Karriere machte, bis Berichte über seine Vergangenheit erschienen, sagte einmal: Die Stasi-Geschichte sei wie eine Wunde, die immer weiter schwäre, auch heute noch. Wie denken Sie darüber?

Ich habe es zunächst trotzig erklärt und gerechtfertigt, dann habe ich mich geschämt. Erst seit kurzem bin ich in der Lage, meine Verärgerung über ein System, das staatlicherseits Kinder zum Lügen und Spitzeln anhält, in Worte zu kleiden. Das war ein langer und schmerzhafter Prozess.

Sie waren 13 damals, noch ein Kind. Sind Sie wütend auf Ihre Eltern, die den Zugriff der Stasi zugelassen haben?

Nein, überhaupt nicht. Wir haben über alles gesprochen, aber ich bitte um Verständnis, dass das in der Familie bleibt.

Warum sind Sie mit 18 ausgerechnet in die Partei eingetreten, die für all das verantwortlich ist? In die SED-PDS?

Weil ich in den spannenden Zeiten nicht abseits stehen wollte, sondern etwas tun. Bei meiner Biografie erklärt sich wahrscheinlich von selbst, warum die anderen Parteien damals keine Option für mich waren.

1995 sind Sie im Wahlkreis Biesdorf als Direktkandidat Ihrer Partei für das Abgeordnetenhaus angetreten. Haben Sie damals vor Ihrer Kandidatenaufstellung Ihrer Partei von Ihrer Vergangenheit beim MfS erzählt?

Ich muss vielleicht etwas ausholen, um zu erklären, wie damals die Zeit war. Die Berliner PDS hatte Anfang der 90er-Jahre mit mehreren MfS-Geschichten zu kämpfen. Bei einigen Funktionären flog auf, dass sie als inoffizielle Mitarbeiter gearbeitet hatten, darunter die Landesvorsitzenden Wolfram Adolphi und André Brie. Petra Pau wurde danach Vorsitzende, und es war klar, dass wir reinen Tisch machen mussten. Es gab dann einen Beschluss, der lautete: Wenn sich jemand bei uns für ein Parteiamt oder ein öffentliches Amt bewirbt, dann ist er verpflichtet, vor dem ihn wählenden Gremium seine politische Biografie offenzulegen und darzustellen, wie er das heute bewertet. Das ist bewusst so offen formuliert, weil man gesagt hat, manchmal trifft es nicht das MfS, sondern die SED oder den BND. Und dann entscheidet das Gremium, ob er kandidieren kann. Wir wollten Transparenz, aber waren auch dagegen, dass jemand, der einen dunklen Fleck in seiner Biografie hat, für immer raus ist. Unser PDS-Bezirksverband Marzahn hat diese Beschlusslage damals sehr skeptisch gesehen und ich tat das auch. Wir haben gefürchtet, dass das benutzt wird, um Menschen auszugrenzen, und hatten nicht das Gefühl, dass eine ehrliche Debatte möglich war. Ich habe mich aber trotzdem an den Beschluss gehalten und ihn später auch energisch verteidigt.

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Sie haben erläutert, dass Sie sich erst gerechtfertigt haben, dass Sie lange brauchten, bis Sie verstanden haben, dass Sie missbraucht worden sind. Wer hat Ihnen dabei geholfen?

Es ist ein bisschen absurd, aber ich habe das der PDS zu verdanken. Durch die PDS habe ich einen kritischen Blick auf die DDR entwickelt. In der Fraktion im Abgeordnetenhaus habe ich frühere Mitglieder der Bürgerbewegung wie die inzwischen verstorbenen Marion Seelig und Bernd Holtfreter kennengelernt, und die haben mir erzählt, wie es ihnen in der DDR ging. Ich wusste, da sitzen Menschen vor mir, denen ich vertraue, warum sollen die mich anlügen? Ich habe viele Gespräche mit meinen Parteifreunden Harald und Udo Wolf geführt, viele lange Abende. Ich habe viel gelernt über die DDR, was ich nicht wusste. Ich habe mich geschämt dafür, welchen Weg ich gegangen wäre. Und da ist bei mir die Haltung entstanden, dass ich bis heute darauf poche, dass unsere Verpflichtung zur Transparenz weiter gilt, auch wenn es immer weniger Leute sind, die das persönlich betrifft.

Sehen das alle in der Fraktion im Bundestag so?

Ich hoffe, ja. Roland Jahn hat uns bei seiner ersten Kandidatur als Behördenleiter besucht und appelliert, dass wir als SED-Nachfolgepartei eine besondere Verantwortung haben. Da sagte unser damaliger Parlamentarischer Geschäftsführer Ulrich Maurer, der von der SPD kam: „Was hat das mit unserer Partei Die Linke zu tun, wir sind 2007 gegründet worden.“ Jan Korte, Halina Wawzyniak und ich haben Kontra gegeben und gesagt: Das ist und bleibt unsere Verantwortung.

Und doch kommen immer wieder Vorwürfe, dass die Linke sich nicht genug mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt hat.

Ich weiß. Einerseits kann man das ja nie genug tun, anderseits müssen wir uns im Vergleich zur CDU und zur FDP, die sich mit den DDR-Blockparteien CDU, DBD, LDPD und NDPD vereinigt haben, nun wirklich nicht verstecken. Aber die ganze Diskussion hat sich doch ziemlich geändert. Ich habe mir neulich die Debatte zu 30 Jahren Einheit im Bundestag angehört. Da hätte man früher eine Stecknadel fallen hören können. Jetzt gleitet das Thema so davon. Die Zahl der Menschen, die sich dafür interessieren, nimmt ab. Wir haben ganz viele Mitglieder, die sind erst nach der Fusion von WASG und PDS dazugekommen, für sie spielen die Geschichten von 1990 kaum eine Rolle. Ich verstehe das, bedauere es aber auch.

2001 ging die Berliner SPD unter Klaus Wowereit in eine Koalition mit der PDS. Sie führten mit Gregor Gysi und Harald Wolf die Koalitionsverhandlungen. Welche Erinnerungen haben Sie?

Wenn ich auf meine 25 Jahre als Abgeordneter zurückblicke, dann war die Spanne zwischen 2001 und 2006 die wohl intensivste, aber auch für mich wichtigste Zeit. Wir haben viel verändert. Ich war 28 Jahre alt und mittendrin. PDS-Landesvorsitzender und später noch zusätzlich Fraktionsvorsitzender einer Regierungspartei in der deutschen Hauptstadt, die nur eine Dekade davor noch geteilt war. Und wir haben ja nicht nur in Ost-Berlin regiert. Diesen Schritt zu wagen, das war supermutig von Klaus Wowereit. Und ich saß dann nächtelang mit ihm, Peter Strieder, Michael Müller, Harald Wolf und Gregor Gysi im Roten Rathaus und verhandelte den Koalitionsvertrag. Wir waren die totale Boygroup! Das ginge heute zum Glück nicht mehr.

Was hat das mit der Stadt gemacht, die erste rot-rote Koalition?

Ich will Ihnen eine Anekdote erzählen: Einmal habe ich Helmut Kohl getroffen, bei einem Empfang mit ihm als Berliner Ehrenbürger. Ich bin da als Fraktionsvorsitzender der Linken hingegangen. Da stand Kohl, starrte mich an und hat verbissen zwischen den Zähnen herausgedrückt: „Diese Leute, die jetzt in der Stadt regieren …“ Das war cool. Damals sind die Einschaltquoten der SFB-Abendschau hochgegangen, vorher hatten die Ost-Berliner ORB geguckt. Einmal hat die FAZ geschrieben: Dass die Herkunft von Ost und West bei der Vergabe von politischen Ämtern kein Kriterium mehr sei, sei der PDS zu verdanken, das hat mich sehr gefreut. Das hat sich leider auf Deutschland nie so übertragen. Nirgends ist Deutschland so vereinigt wie in Berlin, das ist auch ein Verdienst der rot-roten Koalition damals.

Im Rückblick gilt sie als die Regierung, die das Tafelsilber der Stadt verscherbelt hat. „Sparen, bis es quietscht“, hieß ja das Motto.

Ja, auch bei uns in der Partei hat diese Zeit nicht den besten Ruf. Selbst die Wahlniederlage 2002 im Bund wurde von vielen auf uns in Berlin geschoben. Das hat schon geschmerzt. Klar, es gibt Gründe für berechtigte Kritik. Aber ich sage auch: Ohne die damals getroffenen Entscheidungen hätten die nachfolgenden Regierungen den Aufholprozess nicht so schnell starten können. Man muss sich auch den Zeitgeist von damals vorstellen. Als Diepgens Große Koalition die Gasag, die Bewag, die Wasserbetriebe verkaufte, gab es keine Massendemonstrationen dagegen. Im Gegenteil. Das war das Zeitalter des Neoliberalismus. Die Stimmung war: „Weg mit den alten West-Berliner VEBs, die sind teuer und ineffektiv.“ Als wir dann in die Regierung kamen, standen die BSR, die BVG, Vivantes und die Charité auf der Verkaufsliste. Das alles zu stoppen, das war nicht einfach. Aber wir haben es geschafft.

Ist die Stadt lebenswerter geworden?

Ich finde Berlin sehr lebenswert. Wir haben eine gut funktionierende Infrastruktur, obwohl vieles sicher besser sein könnte. Wenn ich mir meinen Wahlkreis Pankow angucke, hat er sich in den drei Wahlperioden stark verändert. Er ist in der Regel schöner geworden, es leben auch ganz andere Menschen hier. Worauf wir achten müssen, ist, dass die Wohnstrukturen für die normalen Berlinerinnen und Berliner erhalten bleiben.

Das ist in Prenzlauer Berg nun schon zu spät.

Nein, selbst dort gibt es noch solche Kieze, etwa im Thälmannpark, in der Grünen Stadt oder am Humannplatz. Und der jetzige Senat geht mit der Mietpreisbremse einen entsprechenden Weg. Manche sagen, das ist Klassenkampf, aber ich finde das gut.

Warum hat es mit Rot-Rot-Grün nie auf Bundesebene geklappt?

Ich habe dafür sehr gekämpft. In vielen Gesprächen mit SPD und Grünen, aber auch in der eigenen Partei. Überall gab und gibt es Befürworter und Gegner. Nach der Vereinigung der PDS mit der WASG unter Oskar Lafontaine haben wir – auch dafür – das Forum demokratischer Sozialismus gegründet. In Bezug auf Christa Wolf und ihre Rede vom 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz sagten wir: „Also träumen wir mit hellwacher Vernunft, stell Dir vor, es ist Sozialismus und keiner geht weg!“ Die WASG wollte damals den Begriff des demokratischen Sozialismus tilgen, damit die neue Linke nicht mehr mit der PDS verwechselt wird. Wir haben dagegengehalten und uns auch durchgesetzt. Eine andere Frage war immer das Regieren.

Lafontaine war dagegen.

Er war ja selbst ewig Ministerpräsident. Sein Agieren hatte mehr mit der innerparteilichen Mehrheitsbildung zu tun. Wir haben dann 2008 auf Bundesebene angefangen, uns mit Leuten von den Grünen und der SPD zu treffen. Das erste Treffen fand im Café Walden in der Choriner Straße in Prenzlauer Berg statt.

Das war eine Art Pizza-Connection wie bei der CDU und den Grünen?

Das hieß „Oslo-Gruppe“, weil in Norwegen damals Rot-Rot-Grün regierte. Wir treffen uns bis heute in vertrauensvollen Runden. Es gehört aber auch zur Wahrheit, dass im Moment wohl nur noch einige in der SPD auf Rot-Rot-Grün setzen. Viele Grüne haben sich offenbar in Richtung CDU verabschiedet, und bei etlichen von uns spürt man die Erleichterung darüber, in der Opposition bleiben zu dürfen. Leider.

Sind Sie resigniert?

Nein, ich gehe ohne Groll. Ich weiß, was ich meiner Partei zu verdanken habe. Es müssen nun andere ran. Es ist kein Tabu mehr, über Rot-Rot-Grün zu sprechen, niemand regt sich darüber mehr auf. Und es wird sich eher auf die Frage fokussiert, wie viel man heraushandeln kann in einer Regierung. Da haben wir doch etwas erreicht! Ich habe jetzt die Mitte meines beruflichen Lebens überschritten, und ich denke, wenn ich noch etwas anderes machen will, dann ist jetzt der Zeitpunkt dafür. Ich bin jung genug, noch einmal etwas Neues zu beginnen. Ich möchte nicht mit 80 noch im Bundestag sitzen.

Gibt es Entscheidungen, die Sie bereuen?

Na klar. Ich habe Streitigkeiten angezettelt, die nicht hätten sein müssen. Ich habe Fehler gemacht, mit Konsequenzen, die man noch im Stadtbild sieht. In meiner Zeit als PDS-Bezirksvorsitzender ist zum Beispiel über das Einkaufszentrum Eastgate am Bahnhof Marzahn entschieden worden. Da stand vorher preisgekrönte DDR-Architektur, die dem zum Opfer fiel. In unserer Amtszeit wurde auch über das Alexa entschieden, da ärgere ich mich noch heute drüber, wenn ich da vorbeifahre. Dann der GSW-Verkauf. Ich bereue auch manche Allianz, die ich geschlossen habe, wo ich im Nachhinein sage, das hat dann doch nicht funktioniert wie gedacht.

Sie meinen die Allianz mit Sahra Wagenknecht, die die Reformer geschlossen hatten?

Am Anfang fand ich es richtig. Ich dachte, wir können beide Flügel integrieren, aber in dem Streit über die Migrationspolitik ging das nicht mehr. Das hätten wir früher beenden müssen. Aber nur wer nichts macht, macht nichts verkehrt.