Im Mai brachte ein Frachtflugzeug 500.000 Sputnik V-Dosen nach Mexiko. Angesichts der Lieferschwierigkeiten im eigenen Land wurde das Russland als Propaganda ausgelegt. imago/Gerardo Vieyra

Erinnert man sich noch an die große Hoffnung auf und die wilden Debatten um Sputnik V? Den russischen Impfstoff gegen Corona, den mancher aus welchen Gründen auch immer für wirkungsvoller als andere hielt? Vorbei. Noch immer ist das Vakzin in der EU nicht zugelassen, und es ist angesichts der Schwemme von deutschen, US-amerikanischen und britisch-schwedischen Alternativen fraglich, ob der Stoff zumindest in Europa noch eine Chance hat.

Als die Welt noch ungeduldig auf einen rettenden  Impfstoff wartete, gelang Russland mit Sputnik V ein zweifelhafter Durchbruch. Staatschef Wladimir Putin verkündete vor  einem Jahr  höchstpersönlich: Zum ersten Mal auf der Welt sei ein Impfstoff gegen das Coronavirus zugelassen worden. Fast fünf Monate, bevor in Deutschland mit dem Impfen begonnen wurde.

Doch wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit des in Rekordzeit entwickelten Mittels  legten die russischen Forscher nicht vor. Das nährte Misstrauen, das spätere Belege der Wirksamkeit überdeckte.

Nicht wenige in Russland fühlten sich als Versuchskaninchen, weil erst parallel zur Freigabe des Impfstoffs die Testphase III mit mehreren Zehntausend Freiwilligen begann. Erst mit ihr kann herausgefunden werden, ob ein Mittel wirklich zuverlässig wirkt und sicher ist.  

In den vergangenen Monaten vergingen kaum Wochen, an dem der staatliche Direktinvestmentfonds RDIF keine Jubel-Meldungen verkündete. In 69 Ländern sei Sputnik V mittlerweile registriert, erklärte der Fonds, der das Vakzin im Ausland vermarktet. Zu den Abnehmern gehören die Staaten früheren Sowjetunion, Südamerika, die Türkei, der Iran und Indien.

EU erwartet noch immer Daten

Fuß fassen möchte Russland auch auf dem lukrativen Markt in der EU. Doch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) prüft den Impfstoff bereits seit Anfang März.  „Bislang ist es dem Hersteller nicht gelungen, genügend valide Daten zu liefern, um die Sicherheit nachzuweisen“, sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kürzlich. 

 Wladimir Putin ließ sich erst im März mit Sputnik V impfen, ganz gegen seine Gewohnheit ohne Kamerabegleitung. AP/Alexei Nikolsky/Pool Sputnik Kremlin

Es kursiert allerdings auch der Verdacht, dass die Zulassung in der EU aus politischen Gründen und nicht nur wegen fehlender Daten verzögert wird. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte bereits Ende Mai   gefordert, das Verfahren um Sputnik V müsse beschleunigt werden: „Es darf nicht aus rein ideologischen Gründen getrödelt werden.“ Russland selbst warnt immer wieder davor, die Frage einer Zulassung nicht zu politisieren, lässt aber keine ausländischen Vakzine im eigenen Land zu. 

Bayern ist neben Mecklenburg-Vorpommern auch eines der Bundesländer, die sich Kaufoptionen für den russischen Impfstoff gesichert haben. Zuletzt war auch der Aufbau einer Produktionsstätte durch die Firma R-Pharm Germany  im Landkreis Neu-Ulm geplant. Doch bisher existiert dem Vernehmen nach nur eine Absichtserklärung. 

Viel versprochen, aber wenig gehalten

Moskau zeigt meist wenig Interesse an Transparenz, was sein Auslandsgeschäft mit Sputnik V angeht. Im Frühjahr errechneten unabhängige russische Medien, dass nur ein Bruchteil der zugesagten Dosen tatsächlich ausgeliefert worden sei. Zuletzt räumte der Staatsfonds Lieferengpässe ein. Ab September soll aber auch der weltgrößte Impfstoffhersteller, das Serum Institute in Indien, über 300 Millionen Dosen pro Jahr liefern. 

Doch auch im Riesenreich selbst stockte es. Es gab Berichte, dass Menschen in einigen Regionen mitunter wochenlang warten mussten. Dagegen konnten sich die Moskauer mit Beginn der Massenimpfung im Dezember sogar in Shoppingzentren spritzen lassen. Doch der Ansturm blieb aus. Erst 20 Prozent der Russen sind voll geimpft. Deshalb wurde in vielen Regionen eine Impfpflicht in Schulen, im Gesundheitswesen und in der Gastronomie verhängt.