Anne Spiegel kam 2021 für einen Tag aus dem Urlaub ins Katastrophengebiet. dpa

Jeder verdient eine zweite Chance, Politiker müssen keine Heiligen sein, alles nur eine Kampagne der CDU: So oder so ähnlich klangen die Versuche, Bundesfamilienministerin Anne Spiegel zu schützen. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) ließ zusätzlich verkünden, er würde ganz toll mit der Grünen zusammenarbeiten.

Mancher fühlte sich da an Angela Merkel erinnert, die mehreren Ministern ihr Vertrauen ausgesprochen hatte, kurz bevor sie zurücktraten.

Das Aus für Anne Spiegel ist jedoch nicht deshalb richtig, weil sie nach der Flutkatastrophe mit über 130 Toten allein im Ahrtal als Umweltministerin ihres Bundeslands vier Wochen lang Urlaub gemacht hat.

Ihre familiäre Situation hatte ihr jedes Recht dazu gegeben. Möglicherweise wäre sie angepöbelt worden, wären die Reise und ihre Begründung damals bekannt gewesen, zum Befeuern eines Skandals hätten sie nicht gereicht. Rücktrittsforderungen wären verpufft.

Jetzt aber war der Rücktritt nötig, weil die Ministerin der Öffentlichkeit keinen reinen Wein eingeschenkt hat, sondern auch noch (freundlich ausgedrückt) Unwahrheiten zugeben musste. Sie war eben nicht virtuell bei den Kabinettssitzungen der Landesregierung dabei, und sie muss naiv gewesen sein zu glauben, es würde nicht rauskommen.

Ohnehin schon angeschlagen, weil sie und ihre Mitarbeiter unmittelbar nach dem Debakel im vergangenen Sommer versucht hatten, die eigene Verantwortung mindestens zu verschleiern: Da konnte der Hinweis auf ihre  familiäre Situation nichts mehr retten, so emotional er auch vorgetragen wurde.

Ganz im Gegenteil: Die geplagten Familien im Ahrtal dürften sich verhöhnt gefühlt haben, wenn eine Ministerin als letzten Rettungsanker für ihre politische Karriere auf die Tränendrüse drückte.