Ex-General Francisco Beca will laut einem Chat 26 Millionen Spanier erschießen lassen. Er bestreitet die Aussage. Foto: Twitter

Die „Roten auslöschen“, 26 Millionen Menschen erschießen. In Spanien drehen einflussreiche Ex-Militärs frei, drohen mit Putsch und erinnern damit an den grauenvollen Bürgerkrieg, der zwischen 1936 und 1939 durch Kämpfe und Massenmorde bis zu 500.000 Menschenleben forderte und in die jahrzehntelange Franco-Diktatur mündete.

Die ehemaligen Offiziere propagieren den Sturz des linken Ministerpräsidenten Pedro Sánchez. Er gefährde die Einheit des Landes. Entsprechende Briefe gingen an König Felipe VI. In Kolumnen und TV-Studios ist von „gruseligen Putschaufrufen“ die Rede. Das Säbelrasseln sorgt für Unruhe.

Picassos Gemälde „Guernica“ erinnert an das Bombardement der baskischen Stadt durch Flugzeuge der deutschen „Legion Condor“ 1937, das mehrere Hundert Menschenleben forderte und die Stadt weitgehend zerstörte.  Foto: Bernd Thissen/dpa

Es sind weniger die Tiraden alter Soldaten, die viele Spanier beklemmen: Wichtige konservative Politiker stellten sich deren Aussagen nur halbherzig entgegen oder äußerten sogar Verständnis. Darunter ist auch die Regierungschefin der Region Madrid, Isabel Díaz Ayuso. Rechtspopulisten erklärten die Militärs zu „unseren Leuten“.

Zwei Gruppen mit 39 und 73 Ex-Offizieren der Luftwaffe und des Heeres hatten sich im November beim König schriftlich über Sánchez beschwert: Die Regierung werde bei ihren Gesetzen von „Anhängern von Terroristen und Separatisten“ unterstützt. Gemeint sind Regionalparteien Kataloniens und des Baskenlandes. In Katalonien wollen sie weg von Spanien, im Baskenland sind ehemalige Anhängern der lange aufgelösten Terrororganisation ETA dabei.

Ministerpräsident Pedro Sánchez. Foto: R.Rubio/Pool/EUROPA PRESS/dpa

Kürzlich folgte ein weiterer Brief ähnlichen Inhalts, jetzt von 271 Ex-Offizieren unterzeichnet. Unruhe löste dann die Veröffentlichung von WhatsApp-Chats einer Offiziersgruppe aus. Darin werden Sánchez und sein Vize Pablo Iglesias heftig beleidigt. Gelobt wird dagegen Francisco Franco, dessen Regime (1939–1975) mindestens 100.000 Oppositionelle verschwinden ließ. Sie sprechen sich für die Abschaffung der Demokratie aus, und der frühere Divisionsgeneral Francisco Beca soll zur Erschießung von „26 Millionen Hurensöhnen“ aufgerufen haben, was er hinterher bestritt, und will die Geschichte von 1936 wiederholen, als Franco mit Teilen des Militärs die Republik angriff. Zu lesen ist auch: „Bereitet euch auf den Kampf vor! Holen wir uns die Roten!!!“ Beleidigt wurden neben linken Politikern und deren Wählern Homosexuelle, Feministinnen, katalanische und baskische Separatisten.

Ein pensionierter Oberstleutnant, der die Gruppe „wegen des vielen Hasses“ verließ: „Sie wollten erreichen, dass der König politisch aktiv wird und die Regierung stürzt.“ Erinnerungen an den – letztlich vom damaligen König Juan Carlos unterbundenen – Putschversuch vom 23. Februar 1981 mit Schüssen im Parlament werden wach. Spanische Journalisten fürchten, die alten Offiziere könnten aktive Militärs auf ihre Seite ziehen. Der Historiker Nacho Ruiz erinnerte an den Bürgerkrieg, den Franco mit der Hilfe Nazi-Deutschlands gewann: „Die Vergangenheit versucht zurückzukehren. Erlauben wir das nicht.“

Putschversuch 1981: Mit der Pistole in der Hand steht ein Oberstleutnant der Guardia Civil auf dem Rednerpult des Parlaments, davor Uniformierte mit Maschinenpistolen. Fast alle Parlamentarier gingen in Deckung, nur Ministerpräsident Adolfo Suarez und zwei Abgeordnete blieben stehen oder sitzen und stellten sich so den Putschisten entgegen. Foto: dpa

Die Regierung nimmt die Brandreden nicht tatenlos hin. Verteidigungsministerin Margarita Robles erstattete Anzeige bei der Staatsanwaltschaft. Die Aussagen seien „Grund zur Sorge, zumal in einer komplizierten politischen Lage mit Notstand, Pandemie und Wirtschaftskrise“. 

Nun ist der König am Zug. Politiker und Beobachter fordern immer lauter eine Stellungnahme des Monarchen. Das Staatsoberhaupt „muss endlich klarstellen, dass er mit Fanatikern keine Völkermordträume teilt“, meint der Historiker Ruiz. Sonst sei als Allererstes die Monarchie in Gefahr.