Eine Bäckerei in Tunis – Experten warnen vor den Folgen drastisch steigender Brotpreise. AFP/Fethi Belaid

Schritt für Schritt werden die weltweiten Folgen des Ukraine-Kriegs sichtbar. Während in Europa Lebensmittel wahrscheinlich teurer werden, drohen in einigen Regionen der Welt weit dramatischere Folgen für die Lebensmittelversorgung.

Die Ukraine stellt die Hälfte der Lebensmittel des Welternährungsprogramms

Denn mehr als die Hälfte der Nahrungsmittel, die das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) in Krisenregionen verteilt, stammt eigenen Angaben zufolge aus der Ukraine.

„Putins Krieg überzieht nicht nur die Ukraine mit unermesslichem Leid. Die Auswirkungen werden weit über die Grenzen der Region zu spüren sein“, sagte der Direktor des WFP in Deutschland, Martin Frick. Das WFP ist in mehr als 80 Ländern aktiv. Schon jetzt seien knapp 280 Millionen Menschen von akutem Hunger betroffen. Die Welt könne sich keinen weiteren Konflikt leisten.

Steigende Brotpreise können zu Massenprotesten führen

Für Deutschland und die EU rechnen die Verbände und Experten nach derzeitigem Stand nicht mit Engpässen bei Lebensmitteln. Für Länder in Nordafrika und Asien sowie die Türkei als Hauptimporteure könnte sich die Lage jedoch bedrohlich zuspitzen. So waren die Kosten für Lebensmittel etwa ein wichtiger Faktor im sogenannten Arabischen Frühling, einer Serie von Massenprotesten. „Die soziale Stabilität in diesen Ländern hängt vom Brotpreis ab“, sagt Banse.

Ägypten – mit mehr als 100 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land der arabischen Welt – importiert einen großen Teil seines Weizens aus Russland und der Ukraine. Gleiches gilt für Tunesien. Dort sind vor allem arme Menschen dringend auf Brot angewiesen. Das Nahrungsmittel wird subventioniert und ist deshalb bislang für fast alle erschwinglich.

Experten in Tunesien warnen bereits vor heftigen Preissteigerungen wegen des Krieges. Künftig könnte zwar Getreide etwa aus Argentinien oder Rumänien kommen – aber ob das reicht, ist unklar. Andere Staaten in Westasien stehen vor ähnlichen Problemen.

Die Türkei kaufte 2020 rund 65 Prozent ihres Weizens aus Russland. Eine Verschlechterung der Beziehungen zu Moskau könnte die Einfuhren verteuern. Wenn nun zusätzlich zur ohnehin galoppierenden Inflation erneut die Brotpreise steigen, könnte das auch den Ärger gegen die Regierung des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan weiter befeuern.

EU kann Versorgungslücke nicht schließen

Kurzfristig kann die EU eine mögliche Versorgungslücke nicht schließen, so Agrarexperte Banse. Sie sei zwar lange ein wichtiger Lieferant von Weizen für diese Länder gewesen, aber dann von der Ukraine und Russland aus dem Markt gedrängt worden. Zudem seien die Speicher in der EU nicht besonders gut gefüllt. „Die Lager sind zurzeit, ich will nicht sagen leer, aber ziemlich leer, sodass hier Europa kurzfristig nicht so schnell in die Bresche springen kann“, betont Banse.

Auch für die Europäische Union ist die Ukraine ein wichtiger Partner im Agrarhandel. „Die Ukraine ist der viertgrößte externe Lebensmittellieferant der EU und beliefert die EU mit einem Viertel ihrer Getreide- und Pflanzenölimporte“, teilte der europäische Bauernverband Copa Cogeca mit. In wenigen Tagen beginne die Frühjahrsaussaat, überschattet von den Militäraktionen auf ukrainischem Gebiet. Dies werde sich stark auf die Ernte im Sommer auswirken.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium wie auch Copa Cogeca gehen von steigenden Preisen für Lebensmittel und einem weiteren Anheizen der Inflationsrate aus. Schon jetzt sei Stickstoffdünger sehr teuer und knapp, teilte der Deutsche Bauernverband kürzlich mit. Der für Landwirte wichtige Stickstoffdünger wird aus Erdgas hergestellt – sollten also die Gaspreise durch die Eskalation noch weiter steigen, würde das auch die Kosten für Bäuerinnen und Bauern in die Höhe treiben.